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Eiszeit bei den Verhandlungen: Warum Karstadt und Verdi sich so schwer tun

Eiszeit bei den Verhandlungen : Warum Karstadt und Verdi sich so schwer tun

Die Verhandlungen zwischen dem Warenhauskonzern und der Gewerkschaft ziehen sich hin. Beide Seiten stellen Vorbedingungen, die die Gegenseite nicht erfüllen will. Im November steht eine weitere Verhandlungsrunde über vier Tage an. Aber derzeit scheint Eiszeit zu herrschen.

"Vier Tage — da stampfen andere womöglich einen Koalitionsvertrag aus dem Boden." Ein Satz aus Karstadt-Kreisen, der Zuversicht ausstrahlen soll. Zuversicht, dass die Verhandlungsführer des Warenhauskonzerns und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zwischen dem 11. und 14. November zu einer einvernehmlichen Lösung kommen, was die von Verdi geforderte Rückkehr des Unternehmens in die Tarifbindung angeht. Mehrere Runden hat es schon gegeben. Aber was dabei bisher herauskam, war nicht dazu angetan, große Hoffnungen zu nähren. Warum tun sich Karstadt und Verdi bei ihren Gesprächen so schwer?

Erstens: Der Konzern ist zwar seit drei Jahren in der Hand eines neuen Eigentümers und einer ander Unternehmensführung, aber viele Mitarbeiter sind seit vielen Jahren, teilweise seit Jahrzehnten an Bord. Sie haben schon mehrere Sparrunden in dem seit Jahren schwer angeschlagenen Konzern hinter sich, und sie empfinden den zwangsweisen Verzicht auf mögliche tariflich vereinbarte Gehaltserhöhungen als neuen Sparbeitrag. Das verhärtet an einigen Stellen die Fronten.

Zweitens: Das Vertrauen in den Eigentümer Nicolas Berggruen ist extrem geschwunden. Der deutsch-amerikanische Investor hat bei früheren Gelegenheiten immer wieder beteuert, er wolle Karstadt als Ganzes erhalten. Dann verkaufte er das Geschäft der Premium- und der Sportshäuser doch an die österreichische Signa-Gruppe. Dass unter solchen Vorzeichen das Misstrauen auf der Mitarbeiterseite noch größer wird, ist kein Wunder. Berggruen hat seinen Vertrauensvorschuss, den er vor Jahren als gefeierter Retter des Konzerns bekam, längst verspielt.

Drittens: Aus dem gewachsenen Misstrauen entsteht bei Verdi die Forderung, Karstadt möge sich erst einmal verbindlich zu den Zukunftsplänen äußern, ehe die Gewerkschaft Zusagen macht. Doch das können die Karstadt-Verhandlungsführer gar nicht tun — weil Investor Berggruen aus seiner Strategie immer noch in großen Teilen ein Geheimnis macht. Man hat mitunter den Eindruck, das Ganze sei eine Ein-Mann-Show, bei der Berggruen mitunter sogar Führungskräfte im Konzern über seine Absichten im Unklaren lässt.

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Viertens: Natürlich will die Karstadt-Seite selbst dafür, dass sie nur in Teilen in die Tarifbindung zurückkehrt, eine Gegenleistung von Verdi haben. Das mag man empfinden, wie man will, aber wer in Verhandlungen zu einem Ergebnis kommen will, muss am Ende Kompromisse eingehen. Reines Festhalten an den eigenen Standpunkten hilft niemandem —weder dem Unternehmen, das seine eigene, für den Fortbestand von Karstadt unentbehrliche Belegschaft mit sturer Haltung vergrätzt, noch der Gewerkschaft, die so viele Stellen wie möglich bei Karstadt erhalten will.

Die Verhandlungsrunde im November ist die letzte Gelegenheit, in diesem Jahr noch ohne größere Blessuren eine Lösung zu finden. Zwei Wochen danach beginnt die Aventszeit, und Karstadt kann nichts weniger gebrauchen als einen Streik im Weihnachtsgeschäft, der für ein Handelsunternehmen wichtigsten Geschäftsphase des Jahres. Das hat nicht in erster Linie damit zu tun, dass Karstadt den Personalmangel nicht bekämpfen könnte — das tut der Handel in solchen Situationen ohnehin gern mit Leiharbeitern — sondern mehr mit dem Image, das eine streikende Belegschaft in den Fußgängerzonen vermittelt.

(RP)