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Apotheker sehen Entwicklung kritisch: Versandapotheken könnten deutschen Markt aufmischen

Apotheker sehen Entwicklung kritisch : Versandapotheken könnten deutschen Markt aufmischen

München (rpo). Viele Kranke bestellen schon jetzt ihre Medikamente bei Versandapotheken bequem übers Internet und sparen dabei auch noch bares Geld. Die Regierung will den Versandhandel mit Medikamenten ab 2004 legalisieren. Worüber Patienten sich freuen dürften, sehen Apotheker mit gemsichten Gefühlen.

Viele chronisch Kranke tun es schon seit längerem: Teure Medikamente, Insulin oder Blutzucker-Teststreifen über ausländische Online-Anbieter bestellen und dabei Geld sparen. Mit dem Umweg über die Grenze bewegen sie sich zwar in einer rechtlichen Grauzone, machen sich aber nicht strafbar. Noch ist der Internet-Arzneihandel in Deutschland verboten. Ab nächstem Jahr soll sich das mit der Gesundheitsreform ändern. Werden die Pläne der Bundesregierung wahr, steht dem Arzneimittelmarkt eine Art Revolution bevor - mit hartem Wettbewerb und einer Neuordnung der Anbieterstrukturen.

"Preise wie in der Apotheke" dürften mit einer Freigabe des Medikamenten-Versandhandels ab 2004 wohl nicht mehr zu halten sein, wie Markus Saller, Jurist der Verbraucherzentrale Bayern meint und wagt die Prognose: "Das wird sehr, sehr interessant, weil Produkte bei uns mit gewaltigen Spannen gehandelt werden, die dann nicht mehr zu rechtfertigen sind." Mit "schlagartigen Veränderungen" rechnet auch Verbraucherschützerin Evelyn Keßler aus Stuttgart.

Enormes Sparpotenzial wäre dann vor allem auch für die Krankenkassen drin. "Wir begrüßen die Marschrichtung", freut sich ein Sprecher der Techniker Krankenkasse in München über die neuen Chancen zur Kostendämpfung. Keßler erwartet, dass die Kassen ihre Mitglieder mit Bonussystemen dazu anhalten könnten, per Versandapotheke zu sparen. "Möglich wäre auch, dass Sonderkonditionen ausgehandelt werden nach dem Motto: Wer bei uns versichert ist, kriegt die Anti-Bay-Pille beim Anbieter xy billiger als andere."

Auch die Post sitzt in den Startlöchern

Ein Markt ohne Preisbindung sei äußerst lukrativ, weiß auch Julia Nill von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Internet-Anbieter, Großhändler und Pharmaindustrie säßen schon in den Startlöchern, um einzusteigen. Selbst die Deutsche Post will mitmischen. Erfahrungen sammelt sie nach eigenen Angaben schon jetzt durch eine Beteiligung bei einer Schweizer Versandapotheke.

Die Apotheker selbst laufen Sturm. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände befürchtet, dass vor allem kleine Geschäfte durch den Wettbewerbsdruck zuhauf in den Ruin getrieben werden. Im übrigen seien Online-Anbieter im Vorteil. Sie müssten keine Nacht- und Notdienste gewährleisten, keine Beratung bieten und würden somit zur "Gefahr für die Gesundheit".

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Derzeit kann der Pillenkauf per Mausklick tatsächlich noch mit Nachteilen verknüpft sein, warnt Evelyn Keßler. Von Firmen im Web mit Sitz in USA, Bahamas oder ohne Angaben sollte man besser die Finger lassen, rät Keßler. Niedrigere Preise würden schnell durch Zollkosten, Versand und Verpackung "aufgefressen". Wer online bestellen will, sollte lieber auf Unternehmen im EU-Ausland setzen.

Rezeptgebühr könnte wegfallen

Was der Kunde zusätzlich oft sparen kann ist die Rezeptgebühr, die in allen deutschen Apotheken fällig wird. Privatpatienten können eine Gutschrift von bis zu drei Prozent der Kaufsumme bekommen. Besonders profitieren kann derjenige, der mit Eigenbeteiligung privat versichert ist. Auf Dauer den Geldbeutel entlasten können Menschen, die chronisch krank sind wie Diabetiker. Mit Versandapotheken sparen können auch die, die langfristig Präparate wie die Anti-Baby-Pille einnehmen.

Richtig lohnen wird sich der Einkauf erstattungsfähiger Arznei derzeit aber oft nur, wenn der Versender mit einer deutschen Kasse abrechnen kann. Und da spielt nicht jede mit, wie Julia Nill weiß. Wer bei seiner Kasse nachfragt, wird erfahren, ob sie den Online-Einkauf stillschweigend duldet oder nicht. Während die Gmünder Ersatzkasse ihre Versicherten beispielsweise schon gezielt auf günstige Pillen bei DocMorris aufmerksam gemacht hat, lehnt die Techniker Kasse eine direkte Abrechnung mit dem Holländer "zurzeit" noch ab, wie der Sprecher betont. Zwangsgelder drohen. Auch die Barmer Ersatzkasse ist nach anfänglicher Kooperation wieder auf dem Rückzug. "Das dürfte sich im nächsten Jahr total ändern", meint Saller aber.

Hier geht es zur Infostrecke: Versandapotheke - darauf muss man achten