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Schockwellen bis Deutschland: US-Autokrise außer Kontrolle

Schockwellen bis Deutschland : US-Autokrise außer Kontrolle

Düsseldorf (RP). Die US-Automobilindustrie steht am Abgrund, weil sie technisch 20 Jahre hinterherhinkt. Die Lage ist so desaströs, dass die Schockwellen bis Deutschland reichen. Mit etwas Pech geraten Opel und Ford in Turbulenzen.

Vor einem Jahr zog Daimler-Chef Dieter Zetsche die Notbremse. "Raus da. So schnell wie möglich", ordnete er auf einer Vorstandssitzung im März an - unmittelbar nach einem Geheimtreffen mit Chrysler-Chef Tom LaSorda. Der Rest ist Geschichte: Daimler verkaufte den "Partner" Chrysler Hals über Kopf - und schrieb 30 Milliarden Euro ab. So viel hat das achtjährige US-Abenteuer den Konzern gekostet. Zetsche stand als Hasenfuß da. Weil er nicht den Mumm hatte, die Krise durchzustehen.

Zetsche hatte Recht. Denn heute ist klar: Chrysler ist eine Zeitbombe. Das Desaster beim drittgrößten Autobauer der USA ist so gewaltig, dass es Daimler hätte zerfetzen können. Auch die amerikanischen Marktführer General Motors (GM) und Ford stecken in einer lebensbedrohlichen Krise. Ihr Siechtum färbt auf die deutschen Töchter Opel und Ford ab. Der gesamte US-Automarkt steht am Abgrund.

Mehr schräge Blicke

Die Ursachen kann man mit komplizierten Marktanalysen beschreiben. Oder mit einem einfachen Beispiel: Das meistverkaufte Auto in den USA war 45 Jahre lang der Ford F150. Ein technisch schlichter Pickup mit mindestens sechs Zylindern und bis zu 300 PS. Spritverbrauch: je nach Motor über 20 Liter auf 100 Kilometern. Seit das Öl dauerhaft mehr als 100 Dollar je Fass kostet, wollen selbst Amerikaner solche Spritfresser nicht mehr haben. Ähnlich wie in Deutschland, wo die Fahrer von M-Klassen, Cayennes und BMW-X-SUVs inzwischen eher schräge als bewundernde Blicke ernten.

Aber während Europäer und Japaner diesen Trend schon vor 20 Jahren erkannt und entsprechende Motoren entwickelt haben, wachen die Amerikaner erst jetzt auf. "Die größten Autobauer Amerikas produzieren inzwischen weitgehend an ihrem Heimatmarkt vorbei", fasst Andreas Maurer, ein branchenweit renommierter Berater von Boston Consulting, das kollektive Versagen der US-Automanager zusammen.

Doppel-Schock

Das Ergebnis zeigte sich vor wenigen Tagen als Doppel-Schock: Zuerst meldete Amerikas Nummer zwei, die 105 Jahre alte Ford Company, einen Quartalsverlust von 8,7 Milliarden US-Dollar. Wenig später gab GM als Nummer eins zu, in ebenfalls nur drei Monaten 15,5 Milliarden US-Dollar verbrannt zu haben. Damit hat GM an weniger als 70 Arbeitstagen mehr Geld vernichtet, als die Deutsche Lufthansa und der Dax-Konzern Henkel zusammen wert sind.

"Wie es bei Chrysler aussieht, kann man nur mutmaßen, seit das Unternehmen nicht mehr an der Börse ist", sagt Maurer. Aber bei GM ist der Absatz im vergangenen Monat "nur" um gut 15 Prozent eingebrochen, bei Chrysler um mehr als das Doppelte. Da wird es dem Ex-Daimler-Partner kaum besser gehen als der amerikanischen Nummer eins. Maurer hat "große Zweifel, ob Chrysler das überlebt".

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Mangels eigener Ideen zapft Ford inzwischen seine deutsche Tochter an. Statt des F150 soll das Daerborner Werk möglicherweise schon bald den deutschen Ford Mondeo bauen. Für GM muss die deutsche Tochter Opel herhalten. Der Versuch, den Astra als Saturn auf den amerikanischen Markt zu drücken, ist gefloppt. Jetzt prüft GM dem Vernehmen nach den Verkauf des neuen Opel Insignia. Chrysler kann sich mangels europäischer Töchter solche Gedankenspiele sparen. In seiner Not streckt der Ex-Daimler-Partner die Fühler nach China aus, um dort nach Spritspar-Motor-Partnern zu suchen.

Opel und Ford im Klammergriff

Der Klammergriff ihrer US-Mütter ist für Opel und Ford Deutschland zweischneidig. Zum einen hoffen sie, ihre Autos anders als bisher endlich auch in den USA verkaufen zu dürfen. Bis die Amerikaner die Modelle selbst bauen können. Danach wird's gefährlich: Der schwache Dollar macht die Produktion in den USA billiger. Bei identischer Produktion auf beiden Seiten des Atlantiks könnte sich für die Amerikaner die Frage nach dem Sinn ihrer teuren Europa-Produktion stellen...

Schon jetzt stehen Investitionen an deutschen Standorten in Frage: Ford will große Teile der Motorenproduktion von Köln in die Walachei auslagern. Und dass GM angesichts der Milliardenverluste überhaupt noch genug Puste hat, um die versprochenen 640 Millionen Euro in das Bochumer Opel-Werk zu investieren, glaubt immerhin die Opel-Pressestelle. Viele Beobachter jedoch nicht.

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