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Verbraucherschützer schlagen Alarm: Über 100 Gasversorger erhöhen die Preise

Verbraucherschützer schlagen Alarm : Über 100 Gasversorger erhöhen die Preise

Düsseldorf (RPO). Millionen von Gaskunden müssen mit drastischen Preiserhöhungen rechnen. Tarifexperten zufolge werden mindestens 100 Versorger in den kommenden Woche an der Preisschraube drehen. Für Verbraucherschützer ein Alarmsignal. Ihre kritik: Der Wettbewerb funktioniere nicht.

Übereinstimmend rechnen die Tarifexperten der Verbraucherportale Verivox und TopTarif in den nächsten Wochen mit Preisanhebungen auf breiter Front. Verivox geht davon aus, dass mindestens 100 Gasversorger im ganzen Bundesgebiet im Juni und Juli die Preise um durchschnittlich 10 Prozent erhöhen werden, wie Sprecherin Dagmar Ginzel am Montag der Nachrichtenagentur AP berichtete. Am Montag Morgen wurde die Zahl mit 102 angegeben.

Nach Angaben des Verbraucherportals TopTarif der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck erhöhen 21 Versorger die Gaspreise bereits zum 1. Juni im Schnitt um 8,5 Prozent. Damit hätten seit Jahresanfang mehr als 250 Anbieter ihre Preise heraufgesetzt.

Ende der Preisspirale bei Gas nicht in Sicht

Zum 1. Juli würden bei weiteren 50 Versorgern Verteuerungen erwartet. Auf einen Vier-Personen-Haushalt in einem Reihenhaus könnten in einigen Städten in der Spitze Mehrkosten bis zu 223 Euro jährlich zukommen. Durch einen Anbieterwechsel könnten Verbraucher dagegen bis zu 600 Euro sparen.

Der Energieexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Holger Krawinkel, die Gaspreise für unnötig hoch. Der Trend zu teurerem Gas können abgemildert werden, sagte Krawinkel den Dortmunder "Ruhr Nachrichten": "Der Wettbewerb funktioniert nicht ausreichend, und die Netzentgelte haben zum Teil ein zu hohes Niveau. Hier gibt es in Deutschland Preisunterschiede von bis zu 40 Prozent - das ist nicht gerechtfertigt. Hier werden überteuerte Preise verlangt."

Weg vom Gas

Das "Grundproblem" mit der Energiequelle Gas sei aber ein anderes: "Wir verwenden Erdgas für Zwecke, für die es viel zu wertvoll ist. Mit diesem Energieträger können 1000 Grad Celsius Prozessenergie erzeugt werden - wir nutzen ihn jedoch, um Räume auf 20 Grad zu heizen", sagte Krawinkel dem Blatt. "Das ist Energieverschwendung, und die schlägt sich im Preis nieder."

Letztlich müsse man daher weg vom Gas: "Ein so wertvoller und teurer Energieträger darf nicht länger verheizt werden. Die Bundesregierung sollte massiv den Ausbau von Fernwärme, also die Nutzung von Abwärme aus Kraftwerken, betreiben", forderte Krawinkel. Zusätzlich müsse der Staat die Sanierung alter Gebäude fördern: "Es geht dabei um Investitionen von 500 Milliarden Euro in den nächsten 20 Jahren", sagte der Energieexperte.

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Explosion des Rohölpreises

Ausschlaggebend für den Preisanstieg beim Gas ist die Explosion der Rohölpreise in den vergangenen Monaten. Die Gaspreise sind mit einer Verzögerung von etwa sechs Monaten an die Preise für Mineralöl gekoppelt.

Ein Ende der Preisspirale ist nach Einschätzung von Ginzel nicht in Sicht. Im August und September sei bei zahlreichen weiteren Gasversorgern mit Anhebungen zu rechnen. Und spätestens mit Beginn der Heizperiode am 1. November könne es erneut auf breiter Front zu Verteuerungen kommen. Bereits am Wochenende hatte der größte deutsche Gasimporteur E.ON Preiserhöhungen für Großkunden wie Stadtwerke angekündigt.

EnBW verzichtet vorläufig auf Preiserhöhungen

Allerdings marschieren nicht alle Gasversorger im Gleichschritt. Ein Sprecher der Energie Baden-Württemberg sagte in Stuttgart, im Augenblick plane der Energieversorger keine Erhöhung der Gaspreise. Man müsse aber genau beobachten, wie sich die Bezugskosten bei den Vorlieferanten entwickelten. Zum 1. Januar war der Tarif in der Grundversorgung um 6,9 Prozent angehoben worden.

Wirtschaftsminister Michael Glos hatte angesichts der Preiswelle bereis am Wochenende eine stärkere Kontrolle der Energiekonzerne angekündigt: "Die Konzerne werden dem Bundeskartellamt jeden Cent einer solchen Preiserhöhung erklären müssen", wurde der CSU-Politiker in der "Bild am Sonntag" zitiert.

Austermann für Abkoppelung des Gaspreises vom Ölpreis

Der schleswig-holsteinischen Wirtschaftsminister Dietrich Austermann plädierte angesichts der jüngsten Entwicklung dafür, den Gaspreis endlich vom Ölpreis abzukoppeln. Austermann sagte der AP, angesichts der explodierenden Gaspreise in Deutschland sollte die Bundesregierung den kommenden G-8-Gipfel nutzen, um das Thema Energiepreise offensiv anzupacken. Dabei müsse Russland seine Bereitschaft signalisieren, von der international gängigen Praxis abzuweichen, den Gaspreis an den Ölpreis zu koppeln. Andernfalls müsse über das Verfahren der von Russland dringend gewünschten Ostsee-Pipeline nachgedacht werden.

Hier geht es zur Infostrecke: Was Verbraucher gegen hohe Gaspreise tun können

(ap)