Traditionsberufe in Solingen Leichte Schläge fürs Schneidvermögen

Serie | Solingen · Im Solinger Pfeilringwerk entstehen Haut-, Nagel- und Babyscheren, Zangen, Pinzetten und Feilen. Die Belegschaft kommt nicht nur aus Europa.

Derya Ayhan kontrolliert die Scheren und mag die abwechslungsreiche Arbeit in der Werkstatt.

Derya Ayhan kontrolliert die Scheren und mag die abwechslungsreiche Arbeit in der Werkstatt.

Foto: Peter Meuter

Eine kleine Bewegung aus dem Gelenk: Beim „heiteren Beruferaten“ von Robert Lembke hätte diese „typische Handbewegung“ dem Rateteam nicht wirklich weitergeholfen – selbst wenn der Gast einen Hammer mitgebracht hätte. Zudem waren die vorsichtigen Schläge immer nur Teil der Tätigkeit – dann, wenn das Werkstück so gut wie fertig war. Vielleicht hätte sich das „Schweinderl“ des Gastes aber nicht ganz mit Fünf-Mark-Stücken gefüllt. Denn in den Jahren ab 1955, in denen die beliebte Quizserie „Was bin ich“ im Fernsehen lief, waren handwerkliche Berufe noch bekannter. In Solingen zumindest auch der des Scherenmonteurs. Peter Martens hat ihn beim Pfeilringwerk erlernt, wo er die dreijährige Lehre vor 37 Jahren begann. Heute dauert sie nur noch 24 Monate. Seit zwei Jahren ist Martens Teamleiter im Bereich Scherenmontage und für die Ausbildung zuständig.

„Ich habe mir die ganzen Jahre nie Gedanken über einen anderen Beruf gemacht“, sagt Martens. Zwar hat er seit 1989, als seine Ausbildung endete, auch in anderen Bereichen des Unternehmens gearbeitet. Dass der Beruf auch Berufung sein kann, merkt man aber, wenn der 53-Jährige die einzelnen Arbeitsschritte beschreibt – vom „Eindrehen“ über das „Döppen“ und Schleifen bis zum Richten bei der Endkontrolle und dem Polieren.

Beim Eindrehen wurden die beiden Teile der Schere (Ober-Beck und Unter-Beck) früher durch einen relativ weichen „Gasmüllernagel“ verbunden, der sich in das Gewinde hineinfraß und dessen überstehender Teil abgeschnitten (gedöppt) wurde. Seit rund zwei Jahrzehnten ist an die Stelle des Nagels eine Schraube getreten. Dass sie übersteht und gedöppt werden muss, ist selten.

 Peter Martens schleift die Scheren. Er ist Teamleiter in der Scherenmontage und kann sich keinen anderen Beruf vorstellen.

Peter Martens schleift die Scheren. Er ist Teamleiter in der Scherenmontage und kann sich keinen anderen Beruf vorstellen.

Foto: Peter Meuter

Auf die Montage folgt das Schleifen – bei erstklassigen Scheren etwas aufwendiger als bei preiswerteren. Schließlich steht die Kontrolle an. Sie liegt bei Pfeilring oft in den Händen von Derya Ayhan, die ihre Ausbildung im Juni 2022 abschloss. Die 23-Jährige prüft die Gängigkeit der Scheren – die sich durch leichte Schläge mit dem Hammer optimieren lässt – und wie gut die Schneiden Nesselstoff zerteilen. Ayhan gefällt, dass es keine monotone Tätigkeit ist. „Man macht nicht nur die eine Sache.“ Sie ist in der Abteilung auch an anderen Arbeitsplätzen im Einsatz und kümmert sich unter anderem um Reparaturen.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in diesem Beruf arbeiten würde“, blickt die Solingerin mit türkischen Wurzeln zurück. Nach der Schule absolvierte sie zunächst eine zweijährige Ausbildung in der Gastronomie, fand aber kein Gefallen an der Beschäftigung. Nach einem Jahr im Einzelhandel bewarb sie sich bei Pfeilring – ihre Mutter und Schwester waren bereits bei Zwilling und Wüsthof tätig. Die Bewerbung hat Derya Ayhan nicht bereut. Die Atmosphäre in der Abteilung und der Beruf selbst gefallen ihr: „Ich würde mich freuen, wenn sich mehr Jugendliche für den Metallbereich interessieren würden.“

Mustafa Kelifa brachte bereits entsprechende Erfahrungen mit, als er bei der Arbeitsagentur vor die Wahl gestellt wurde, nach seinem Deutschkurs einen Arbeitsplatz anzunehmen oder eine Lehre zu beginnen. Der heute 35-Jährige, der in Eritrea eine Schweißer-Ausbildung erhalten hatte, entschied sich für die Lehre, die er 2017 nach einem Praktikum beim Pfeilringwerk begann. Kelifa freut sich, dass seine Arbeit vielfältig ist und die Kolleginnen sowie Kollegen nett sind. Abteilungsleiter Peter Martens erwähnt die gemeinsame Weihnachtsfeier und will mit seiner Mannschaft auch „einfach mal essen gehen. Früher war das auch gang und gäbe.“

„Ich lege Wert darauf, dass wir gut miteinander können“, unterstreicht auch Geschäftsleiter Lutz Nippes. Er und Personalleiterin Tao Wang suchen zurzeit „Leute, die arbeiten wollen“ – Produktionshelfer für die Rohwarenfertigung und für die Galvanik. „Wir haben 90 Prozent der Wertschöpfung im Haus und wollen als Produktionswerk in Solingen wahrgenommen werden“, erläutert Nippes. „Die Scheren-Rohlinge schlagen wir beispielsweise kalt.“ An der Sudetenstraße in Nähe der Kreuzung Schlagbaum entstehen neben den Maniküre-Scheren auch Zangen, Pinzetten und Feilen.

Nicht alles ist Handarbeit. Im Unternehmen arbeiten auch elf Roboter. Nippes: „Damit kommen wir im Moment aus. Wir sind aber durchaus investitionsbereit und durch unsere chinesische Mutter voll finanziert.“ Die lasse, so der Geschäftsleiter, ihrer Solinger Mannschaft freie Hand. „Durch das Solingen-Gesetz sind wir ja auch an den Standort gebunden.“

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