Dax-Konzern schwer angeschlagen: ThyssenKrupp stellt Stahlsparte auf den Prüfstand

Dax-Konzern schwer angeschlagen : ThyssenKrupp stellt Stahlsparte auf den Prüfstand

Wenn am heutigen Montag der Aufsichtsrat von ThyssenKrupp zusammenkommt, dürfte es eisig zugehen. Denn das Gremium wird nicht nur den Rauswurf von drei Vorständen besiegeln und eine von Milliarden-Abschreibungen verdorbene Bilanz 2011/2012 feststellen. Das Gremium muss sich auch mit der Zukunft des angeschlagenen Dax-Konzerns beschäftigen.

Und die sieht nicht rosig aus: Der Verkauf der Stahlwerke in Amerika kommt nicht voran, und die Lage auf dem globalen Stahlmarkt ist angespannt. Im Kampf gegen die Krise stellt ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger nun offenbar alles auf den Prüfstand — auch das deutsche Stahlgeschäft. Laut "Wirtschaftswoche" erwägt Hiesinger für die deutschen Stahlwerke alle Optionen — von einer organisatorischen Ausgliederung bis zum Börsengang.

Mit einer Trennung von den deutschen Stahlwerken würde Hiesinger Hand an das Herz des Dax-Konzerns legen. Mit Stahl aus dem Ruhrgebiet sind einst Thyssen und Krupp groß geworden. Das Stammwerk liegt noch immer in Duisburg und ist für die Stadt, die die höchste Arbeitslosenquote in Westdeutschland hat, einer der größten Arbeitgeber.

Historische Wurzeln könnten gekappt werden

Mit einem Verkauf würde der Dax-Konzern seine historischen Wurzeln abschneiden. "Solange Berthold Beitz bei ThyssenKrupp das Sagen hat, wird es dazu nicht kommen", sagen Insider. Der 99-jährige Beitz ist nicht nur Sachwalter des Krupp'schen Erbes, sondern vor allem Chef der Stiftung, die den Konzern kontrolliert. Auch werde ein Konzern, nach dem in Essen und Duisburg jede dritte Einrichtung benannt sei, sich nicht einfach aus dem Ruhrgebiet verabschieden, so der Insider.

So viel aber ist klar: Hiesinger hat schon zum Amtsantritt alle Bereiche auf eine jährliche Prüfung ihrer Strategie verpflichtet. Bis zum Sommer muss auch der Bereich Steel Europe, wozu die deutschen Stahlwerke gehören, mit Hilfe von externem Sachverstand darlegen, wie er mit den hohen Rohstoffkosten und den sinkenden Stahlpreisen fertig werden will. Unter diesem Problem leiden alle Stahlhersteller der Welt. Doch gesunde Konzerne haben genug Eigenkapital, um solche konjunkturell üblichen Durststrecken zu überstehen. Der verschuldete ThyssenKrupp-Konzern habe das aber eben nicht, so der Insider. Zudem müsse der Konzern prüfen, ob auf Dauer seine Stahlkapazitäten nicht zu groß seien. "Best in class reloaded" nennt sich nach Informationen aus Konzernkreisen das Papier, in dem die Sparte zeigen muss, mit welcher Strategie sie alte Größe wieder herstellen will. Der Bereich Steel Europe zählt 29 000 Mitarbeiter, 11 000 von ihnen sind in Deutschland tätig. Seit August sind 2000 Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Klar ist auch: Hiesinger zögert nicht lange. Wenn es dem Wohl des Konzerns dient, schreckt er auch vor überraschenden Schritten nicht zurück, wie die überraschende Demissionierung der drei Vorstände Edwin Eichler, Olaf Berlien und Jürgen Claassen in der vergangenen Woche gezeigt hat. Stahlvorstand Eichler muss auch gehen, weil er das Desaster bei den Stahlwerken in Brasilien und Amerika mitverantwortet hat. Wegen der Stahlwerke wird der Konzern in der Bilanz, die er morgen vorstellen will, Milliarden-Abschreibungen vornehmen.

Immer stärker wächst auch die Kritik an Gerhard Cromme, der seit 2001 Aufsichtsrats-Chef von ThyssenKrupp ist. Zur Hauptversammlung im Frühjahr soll nun die Kanzlei Hengeler/Mueller ein Gutachten aus dem vergangenen Jahr überarbeiten, das die Verantwortung von Vorstand und Verwaltungsrat klären soll. Insbesondere soll geklärt werden, ob Alt-Vorstände wie eben Eichler oder der frühere Konzern-Chef Ekkehard Schulz den Aufsichtsrat bewusst falsch informiert oder getäuscht haben. Falls ja, wäre einer unschuldig: Cromme.

Hier geht es zur Bilderstrecke: ThyssenKrupp trennt sich von drei Vorständen

(RP/felt/csi/sap)