Neuer Rückschlag für Dax-Konzern: ThyssenKrupp kocht wieder Edelstahl

Neuer Rückschlag für Dax-Konzern: ThyssenKrupp kocht wieder Edelstahl

Eigentlich wollte ThyssenKrupp erst die größten Probleme lösen und sich erst dann frisches Geld an der Börse besorgen. Nun kommt es anders. Der Konzern muss Teile des Inoxum-Verkaufs an Outokumpu rückabwickeln und steigt damit unfreiwillig wieder ins Edelstahlgeschäft ein.

Außerdem unterbricht Konzernchef Heinrich Hiesinger nach anderthalb Jahren die Suche nach einem Käufer für das Katastrophen-Werk in Brasilien. Er will die verlustreiche Anlage jetzt in Eigenregie sanieren.

Trotz der erheblichen Fahrplanänderung beim Konzernumbau, die mit neuen Risiken und Belastungen verbunden ist, will ThyssenKrupp sich an der Börse frisches Geld besorgen. Dass die neuen Schwierigkeiten das Interesse der Anleger an neuen ThyssenKrupp-Aktien dämpft, nimmt Hiesinger offenbar in Kauf. Die am Samstag bei der erneut verschobenen Bilanzpressekonferenz angekündigte Kapitalerhöhung soll bis zu zehn Prozent betragen. Beim aktuellen Börsenkurs würde der mit fünf Milliarden Euro verschuldete Konzern eine Milliarde Euro einnehmen.

Konzern nimmt Teile der Edelstahlsparte zurück

Rund ein Jahr nach dem Verkauf der Edelstahl-Sparte an den finnischen Wettbewerber Outokumpu muss ThyssenKrupp jetzt Teile des einstigen Nirosta-Imperiums zurücknehmen. Der Konzern, der bei einer historisch niedrigen Eigenkapitalquote von 7,1 Prozent nichts dringender braucht als frisches Geld, übernimmt sowohl das Edelstahlwerk im norditalienischen Terni (rund 3300 Mitarbeiter) als auch den nordrhein-westfälischen Werkstoffhändler VDM (rund 1600 Mitabeiter).

Der Wiedereinstieg ins Edelstahlgeschäft ist ein schwerer Rückschlag. Der 2,7 Milliarden Euro schwere Verkauf der Sparte nach Finnland galt als Hiesingers größter Erfolg. Die weltweite Edelstahlproduktion erlebt gerade die schwerste Branchenkrise ihrer Geschichte: Der Preis für die Tonne Edelstahl ist innerhalb rund eines Jahres von 3200 Euro auf 1050 Euro gefallen. Branchengrößen wie Schmolz+Bickenbach und Outokumpu sind hoch verschuldet und schreiben desaströse Verluste.

ThyssenKrupp muss Outokumpu helfen

Hintergrund für die erzwungene Wiedereingliederung ist eine Notoperation zur Unterstützung von Outokumpu: Die Finnen, die ihre Edelstahlwerke in Düsseldorf (480 Mitarbeiter) und in Bochum (650 Mitarbeiter) schließen wollen und in Krefeld noch 1700 Mitarbeiter beschäftigen, sind mit drei Milliarden Euro verschuldet, beschlossen am Wochenende ebenfalls eine Kapitalerhöhung und müssen auf Druck der EU-Kommission unverzüglich das Terni-Werk verkaufen. Derzeit übernimmt aber kaum jemand freiwillig ein Edelstahlwerk.

  • Fotos : ThyssenKrupp: Schulterschluss mit Cromme

All das könnte Hiesinger gleichgültig sein, wenn ThyssenKrupp dem Unternehmen nicht 1,2 Milliarden Euro geliehen hätte und außerdem mit 29,9 Prozent an Outokumpu beteiligt wäre. Wie unsere Zeitung aus Konzernkreisen erfuhr, hält ThyssenKrupp die Lage bei Outokumpu für so dramatisch, dass man den Schuldschein in Essen schon platzen sah. Um den Schaden zu minimieren, nehmen die Essener jetzt VDM und das defizitäre Terni-Werk zurück. Außerdem verkaufen sie ihren 29,9-Prozent-Anteil an Outokumpu, der bei ThyssenKrupp mit 305 Millionen Euro in den Büchern steht aber nur noch einen Bruchteil dieses Betrages erlösen dürfte. Im Gegenzug verzichten die Essener auf die Rückzahlung der noch ausstehenden 1,2 Milliarden Euro von Outokumpu.

"Daran ändert sich auch nichts"

Die Düsseldorfer Outokumpu-Mitarbeiter sollten ursprünglichen Plänen zufolge ins Krefelder Werk wechseln. ThyssenKrupp hat zugesagt, aus Krefeld 600 Outokumpu-Mitarbeiter zu übernehmen. "Daran ändert sich auch nichts", sagte ThyssenKrupp-Personalvorstand Oliver Burkhard. Wie sicher die übrigen Krefelder Outokumpu-Jobs angesichts der dramatischen Entwicklungen dieses Wochenendes sind, ist unklar. Outokumpu war am Wochende nicht zu erreichen.

Immerhin bestätigte Hiesinger den erfolgreichen Verkauf eines anderen Problem-Stahlwerkes: Wie berichtet geht das US-Werk in Alabama für 1,1 Milliarden Euro an ein Konsortium von ArcelorMittal und Nippon Steel. Zusammen mit dem neuen Werk in Brasilien schlug der Bau der beiden Werke mit fast 13 Milliarden Euro zu Buche, sie standen wegen schwerer Bau- und Konstruktionsfehler im brasilianischen Werk Ende September aber nur noch mit 3,1 Milliarden Euro in den Büchern. Von dem Werk in Brasilien übernehmen die Käufer laut Hiesinger sechs Jahre lang rund zwei Millioen Tonnen Rohstahl. Damit ist das brasilianische Werk selbst ohne weitere Kunden zu mindestens 40 Prozent ausgelastet.

ThyssenKrupp mit Milliarden-Verlust

Im Geschäftsjahr 2012/13 machte ThyssenKrupp unter dem Strich 1,5 Milliarden Euro Verlust — nach fünf Milliarden Euro im Vorjahr. "Die Zahlen lassen auch in diesem Jahr keine Dividende zu", sagte Hiesinger. Der um Sondereffekte bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) der fortgeführten Geschäfte einschließlich der amerikanischen Stahlwerke stieg von 399 Millionen Euro im Vorjahr auf 599 Millionen Euro und soll am Ende des laufenden Geschäftsjahres auf eine Milliarde Euro steigen.

Der Konzernumsatz sank um 15 Prozent auf knapp 40 Milliarden Euro. Das Ebit-Ergebnis der europäischen Stahlsparte, deren wichtigstes Werk das in Duisburg mit 14000 Mitarbeitern ist, ging um 42 Prozent auf 143 Millionen Euro zurück.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Krefeld im Juni 2013: Große Demonstration gegen Edelstahlkonzern

(tor)