Thyssenkrupp-Demonstration in Essen „Du bist kein Kollege!“ – Pfeifkonzert gegen den Vorstandschef López

Essen · Die Belegschaft von Thyssenkrupp hat vor der Zentrale gegen den Einstieg des Milliardärs Kretinsky demonstriert. Vorstandschef Miguel López sprach überraschend auch, wurde aber heftig attackiert.

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Erneuter Protest der Mitarbeiter von ThyssenKrupp

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Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Laute Sprechchöre der rund 4500 Demonstranten machen Eindruck, als am Donnerstagmorgen die Belegschaft von Thyssenkrupp direkt von der Essener Konzernzentrale gegen die Pläne des Vorstandes zum teilweisen Verkauf der Stahlsparte demonstrierte. „Thyssenkrupp ist Zukunft, Stahl ist Zukunft“ heißt es vehement, als Betriebsratschef Tekin Nasikkol davor warnt, die Vertreter der Belegschaft in der Aufsichtsratssitzung am Nachmittag zu überstimmen. „Wer gegen uns mit der Brechstange vorgeht, gegen den gehen wir mit dem Hammer vor“, ruft er und hebt einen stählernen Hammer. Breiter Beifall folgt.

Nur Gegenwind hat Thyssenkrupp-Chef Miguel López, als er kurz vor zwölf Uhr unerwartet die Bühne betritt. Er hatte kürzlich noch die Einladung zu einer Betriebsversammlung abgelehnt. „Du bist kein Kollege“, schreit ihm ein Beschäftigter zu, als der Chef mit „Liebe Kolleginnen und Kollegen“ anfängt. „Aufhören, aufhören“ heißt es immer wieder begleitet von Pfiffen. Und als López sagt, der Einstieg des Investors Daniel Kretinsky bei der Stahlsparte solle vorrangig helfen, grüne Energie zur Produktion des Stahls zu besorgen, ruft ein Demonstrant nur laut „Und wieviel Geld bringt er mit?“ Ein anderer ruft López nur immer wieder „Lügner, Lügner“ zu.

High Noon beim Kampf um die Zukunft von Thyssenkrupp. IG-Metall und Betriebsräte hatten die Belegschaft zur Kundgebung vor der aufgerufen, um ihren Aufsichtsräten vor der entscheidenden Abstimmung den Rücken zu stärken. Polizei sicherte das Eingangsportal. „Ich schäme mich dafür, dass sich der Vorstand vor der eigenen Belegschaft versteckt“, meint Jürgen Kerner, 2. Chef der IG Metall und stellvertretender Vorsitzender des Konzernaufsichtsrates.

Wie es ausgehen würde, war aber absehbar: Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm hatte schon vorher klar gemacht, bei einem Patt der Abstimmung zwischen den zehn Vertretern der Arbeitnehmer und den zehn Vertretern der Kapitalseite von seiner Doppelstimme Gebrauch machen könnte. Eine Erweiterung des Vorstandes hatte er so bereits durchgeboxt, nun wurde eben so der Konzernumbau erzwungen. Um kurz nach 19 Uhr gab der Konzern das Ergebnis der Abstimmung bekannt,die Zweitstimme von Russwurm hatte die Entscheidung gebracht. „Das ist alles andere als Mitbestimmungskultur“, so Kerner.

Nun fürchtet er eine Zerschlagung des Konzerns: „Mit dem Verkauf der 20 Prozent kappen die Anteilseigner um Herrn Russwurm mit dem Vorstandsvorsitzenden Herrn López die Leinen zwischen der Thyssenkrupp AG und der Stahl AG.“ Das Ergebnis werde sein: „Es herrscht wilder Aktionismus, um den Stahlbereich in die Eigenständigkeit zu schicken. Das wird auf unseren erbitterten Widerstand stoßen.“

Das sieht auch Karl-Josef Laumann so, NRW-Minister für Arbeit- und Soziales (CDU). „Wir lassen nicht zu, dass in diesem Land die Sozialpartnerschaft mit Füßen getreten wird“, verkündete er am Mikrophon bei der Kundgebung.. Scharf kritisierte er, dass unklar sei, welche Folgen und Ziele der Einstieg des Investors auf Dauer habe. „Ohne Transparenz kann kein Vertrauen entstehen.“ López hatte gesagt, erst solle Kretinsky einsteigen, im nächsten Zug werde die Strategie für den Stahl festgelegt.

Wie die Arbeitnehmer stellte Laumann klar, betriebsbedingte Kündigungen bei einem Umbau der Stahlsparte müssten ausgeschlossen werden, Tarifverträge müssten weiter gelten. Doch während IG Metall und Betriebsrat Nakkisol die Schließung von jedem Standort ausschließen wollen, äußerte sich Laumann dazu nicht. „Der Weg zum grünen Stahl wird nicht einfach“, sagte er nur klar. Und er erinnerte den Vorstand daran, dass Thysssenrupp am Staatstropf hängt: Die zugesagten 700 Millionen Euro Subvention, um Stahl mit Wasserstoff herstellen zu können, seien „die höchste Einzelförderung des Landes“. Nun müssten die Sozialpartner sich einigen, welche nächsten Schritte nötig sind. „Wir wollen, dass Nordrhein-Westfalen ein Industrieland bleibt.“

Dem widersprach Lopez in seiner Rede nicht, die er trotz immer neuer Unterbrechungen stoisch vortrug. „Wir wollen, dass auch in Zukunft in Duisburg Qualitätsstahl gekocht wird“. Das werde aber „ohne Einschnitte nicht gehen.“ Er wolle „sozialverträgliche Lösungen“ schaffen. Es solle „weiterhin keine betriebsbedingten Kündigungen geben“, der Zeitrahmen blieb aber offen. Und er betonte, wie wichtig es sei, günstige, grüne Energie irgendwie zu besorgen: „Der Energiekostenanteil an einer konventionellen Bramme liegt bei fünf Prozent, an der zukünftigen grünen Bramme bei 45 bis 50 Prozent.“

Links vom Rednerpult war ein Trauerkranz aufgestellt. Auf der Binde stand „Ende der gemeinsamen Mitbestimmung“.

Auf der Kundgebung waren auch Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU), Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) und auch einige Landtagsabgeordnete wie Sarah Philipp von der SPD in Duisburg. „Es muss mehr Transparenz her“, sagte sie unserer Redaktion. Auch der grüne Bundestagsabgeordnete Felix Banaszak war da.

Die Belegschaft war in Bussen und Privatautos von Standorten in ganz Deutschland gekommen. „Zukunft statt Kündigung“ stand auf T-Shirts. „Stopp. So nicht, Herr López“ auf Plakaten.

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