Thyssenkrupp: Eiszeit bei Hauptversammlung

Nach Chaosjahr 2018 : Eiszeit bei Thyssenkrupp-Hauptversammlung

Bei der Hauptversammlung des Essener Industriekonzerns machen die Aktionäre ihrem Ärger über das zurückliegende Jahr Luft. Der Vorstand wirbt für seine Teilungsstrategie.

Der Saal im Bochumer Ruhrcongress ist zu Beginn der Thyssenkrupp-Hauptversammlung gerade einmal zur Hälfte gefüllt. Wegen Schnee und Eis haben viele Aktionäre den Weg nach Bochum gescheut. Eisig sind zum Teil auch die Wortbeiträge der Aktionäre in der gut beheizten Halle. Schließlich will so mancher Anteilseigner nach dem Chaosjahr 2018 sich den Frust von der Seele reden.

„Dass der Aufsichtsrat überhaupt nach diesem Jahr um eine Entlastung bittet, macht für uns schon deutlich, dass er das Ausmaß seines Versagens nicht begriffen hat“, ätzt Daniel Vos, Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), mit Blick auf die chaotischen Zustände nach dem überraschenden Abgang von Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner im vergangenen Sommer. Mehrere Aktionäre äußern den Verdacht, dass Informationen aus dem Kreis der Aufsichtsratsmitglieder an die Medien weitergereicht worden seien. Aufsichtsratschef Bernhard Pellens weißt das aber zurück. Es gebe dafür keine Anhaltspunkte.

Kritik entzündet sich an der Abfindung von Heinrich Hiesinger, der um einvernehmliche Aufhebung seines Vertrages im Sommer gebeten hatte. Die Abfindung beziffert der Konzern auf 4,55 Millionen Euro. Die Zahlung bezeichnet beispielsweise Deka-Vertreter Winfried Mathes als inakzeptabel.

Doch auch der amtierende Vorstand bekommt sein Fett weg: Er habe den Verdacht, dass die nun vorgesehene Teilung des Konzerns keiner langfristigen Strategie folge, sagt SdK-Vertreter Vos, „sondern aus der Not geboren vorrangig dem Zweck dient einzelnen Protagonisten im Aufsichtsrat einen Gesichtsverlust zu ersparen. Die operative Aufmerksamkeit, die Ressourcen und die Mitarbeiterkapazitäten werden den Fragen des Unternehmenszuschnitts geopfert, der den Eitelkeiten und der Uneinigkeit des Aufsichtsrats gehorcht.“

In der Kritik steht die Dividende von 15 Cent je Aktie. „Es gibt keinen relevanten Gewinn, den wir verteilen könnten. Diese Dividende entnehmen wir der Unternehmenssubstanz, weil große Aktionäre Cash brauchen. Das können wir nicht unterstützten“, sagt Vos.

Dabei hat gerade die Ankündigung von Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff vom Morgen, der Überschuss werde wieder deutlich steigen, den Kurs des Essener Konzerns in die Höhe getrieben und ihm kurz nach Beginn der Hauptversammlung wieder auf 16,31 Euro in die Höhe getrieben – ein Plus von 5,4 Prozent zum Vortag. Der niedrige Aktienkurs ist den Anlegern ein Dorn im Auge. Aktionär Bernd Günther etwa spricht davon, dass die Papiere inzwischen auf ein „Schrottpreisniveau“ abgerutscht seien.

Kerkhoff müht sich in seiner Rede, Zuversicht zu verbreiten. Für das angebrochene Geschäftsjahr bekräftigt er das Ziel eines bereinigten Ergebnisses vor Zinsen und Steuern von einer Milliarde Euro. Der Thyssenkrupp-Chef gibt sich betont selbstkritisch, räumt beispielsweise ein, dass die Dinge beim kriselnden Anlagenbau zu lange laufengelassen worden seien. Das Stahl-Joint-Venture mit Tata sei auf gutem Weg, sagt er und skizziert zudem den Weg zur Teilung, über den die Hauptversammlung jedoch erst 2020 abstimmen wird Abgestimmt wird dagegen über die künftige Aufsichtsratschefin Martina Merz und Aufsichtsrat Wolfgang Colberg. Trotz Kritik an ihren zahlreichen Aufsichtsratsmandaten erhält Merz 83,3 Prozent, Colberg kommt auf 98,7 Prozent.

Im Vorfeld hatte die Führungsriege auf das Ende der Veranstaltung gewettet. Guido Kerkhoff hatte 17.17 Uhr gesagt. Am Ende liegt er nur 16 Minuten daneben.

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