Betriebsratschef und Politiker sauer über Kampfabstimmung Bei Thyssenkrupp droht nun Dauerstreit

Duisburg · Nachdem der teilweise Verkauf der Stahlsparte durchgepeitscht wurde, warnen Betriebsrat und Politiker das Management. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur erinnert an die hohen Fördergelder des Staates für Thyssenkrupp.

Rund 4500 Beschäftigte hatten gegen die Hauruck-Aktion demonstriert.

Rund 4500 Beschäftigte hatten gegen die Hauruck-Aktion demonstriert.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Nachdem der Aufsichtsrat von Thyssenkrupp am Donnerstagabend gegen die Stimmen von Belegschaft und IG Metall entschieden hat, dem tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky 20 Prozent der notleidenden Stahlsparte zu verkaufen, ist der Aktienkurs des Konzerns um zeitweise ein halbes Prozent abgerutscht. In den vergangenen sechs Monaten ging es um ein Drittel nach unten, obwohl schon am 26. April die Partnerschaft mit Kretinskys Energiehandelsfirma EP Corporate Group verkündet wurde. Dabei wird angestrebt, Kretinsky könnte bis zu 50 Prozent der Stahlsparte kaufen, Thyssenkrupp könnte sie dann entkonsolidieren, würde für Verluste eventuell nicht mehr haften. Der Konzern ist nur noch 2,9 Milliarden Euro wert, ein Schatten früherer Zeiten.

Fotos: Erneuter Protest der Mitarbeiter von ThyssenKrupp​
16 Bilder

Erneuter Protest der Mitarbeiter von ThyssenKrupp

16 Bilder
Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Konzernbetriebsratschef Tekin Nasikkol ist entsetzt, dass die Umstrukturierung im Aufsichtsrat mit der Doppelstimme des Vorsitzenden Siegfried Russwurm durchgepeitscht wurde: „Mit der Doppelstimme sind die letzten Hoffnungen auf ein faires, demokratisches Miteinander begraben worden. Die Zukunft des größten Stahlproduzenten Deutschlands steht vor unsicheren Zeiten.“ Vorstandschef Miguel López handele „unverantwortlich“. Nun drohe Dauerstreit: „Jetzt sind wir im Konfliktmodus.“

Sehr kritisch sieht die Entscheidung auch der Duisburger Bundestagsabgeordnete Felix Banaszak (Grüne): „Mir ist unklar, warum diese Verkaufsentscheidung unbedingt am Donnerstag durchgezogen werden musste, obwohl weiter viele Fragen offen sind.“ Vor dem Bündnis mit Kretinsky wäre es klüger gewesen, erst den neuen Business-Plan der Stahlsparte abzuwarten. Er warnt: „Man muss dieses Vorgehen von Vorstand und Aufsichtsrat als Machtdemonstration gegenüber den Beschäftigten verstehen. Die ganze Region nimmt Schaden, wenn es hier nicht zu einem Umdenken kommt.“

Sara Philipps, Co-Vorsitzende der NRW-SPD mit Landtagsmandat aus Duisburg, fordert indirekt den Rücktritt von López: „Die tausenden Beschäftigten sind die Zukunft des Konzerns und des nordrhein-westfälischen Stahlstandortes. Dass Herr Lopez Teil dieser Zukunft ist, wird zunehmend schwerer vorstellbar.“

Vorsichtiger gibt sich NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Die Kooperation mit Kretinsky biete die „Chance, zur Sicherung einer resilienten, kosteneffizienten und klimaschonenden Stahlproduktion beizutragen.“ Das Management müsse die Sorgen der Belegschaft um ihre Jobs ernstnehmen. Nun sei „ein intensiver Dialog zwischen Unternehmen, Gewerkschaften und der Belegschaft unerlässlich.“ Ziel müsse sein, die Arbeitsplätze zu sichern, es aber auch zu schaffen, die „notwendige klimaneutrale Transformation partnerschaftlich zu gestalten.“

Sie ergänzt: „Unsere Priorität ist es, Nordrhein-Westfalen als starken, wettbewerbsfähigen Industriestandort zu erhalten und weiterzuentwickeln.“ Sie erinnert daran, dass Bund und Land dem Konzern zwei Milliarden Euro an Fördermitteln geben wollen, um die Produktion klimaneutral auf Wasserstoffbasis umzubauen: „Wir gehen davon aus, dass das Unternehmen den Bau einer wasserstoffbasierten Direktreduktions-Anlage und von zwei Einschmelzern in Duisburg vollständig, wie geplant und mit der Europäischen Kommission verhandelt, umsetzen wird.“