Themen
Hiesinger-Rücktritt bei ThyssenKrupp

Belegschaft rechnet mit Krupp-Stiftung ab

Ursula Gather, Chefin der Krupp-Stiftung, und Heinrich Hiesinger (Archivfoto). Foto: ap

Essen Chaostage bei Thyssenkrupp: Nach Hiesingers Rückzug feiert die Börse und trauert die Belegschaft. Mitarbeiter kritisieren die Krupp-Stiftung. Die vergießt nun Krokodilstränen. Der Konzern macht erstmal ohne Chef weiter.

Im Konzern ist die Trauer über Hiesingers Abgang groß. Ebenso so groß aber ist die Wut über die Stiftung. „Wir sind traurig, enttäuscht und wütend“, heißt es in einem offenen Brief der Mitarbeiter an Gather, der unserer Redaktion vorliegt. „Traurig, weil wir einen aufrechten und gerechten Firmenchef verloren haben. Enttäuscht, weil die Stiftung in ihrem Kernauftrag, das Erbe von Alfried Krupp zu wahren, versagt hat. Wütend, weil Sie persönlich, den Mann, den Berthold Beitz zur Rettung unseres Unternehmens geholt hat, nicht so unterstützt haben, wie er es vedient gehabt hätte.“ Das Vertrauen der Belegschaft in die Stiftung sei nicht nur erschüttert - „es ist weg“, heißt es weiter.

Das Stiftung verwaltet seit 1968 das Erbe von Alfried Krupp, insbesondere die Beteiligung am Stahlkonzern.Aus den Erlösen fördert sie Kultur und Wissenschaft. Jahrzehntelang hatte Krupp-Legende Berthold Beitz die Stiftung geführt. Nach seinem Tod 2013 übernahm Gather, im Hauptberuf Rektorin der Uni Dortmund, das Amt. Laut Satzung ist es Aufgabe der Stiftung, die Einheit des Unternehmens zu wahren.

Am 29. Juni hatte der Aufsichtsrat über Hiesingers Pläne beraten, die Stahlsparte in ein Joint Venture mit Tata zu führen. Doch Cevian, der zweitgrößte Aktionär, war dagegen und fordert die Zerschlagung. Sein Aufsichtsrat-Vertreter Jens Tischendorf hatte entsprechend Stimmung gemacht. Am Ende stimmten drei der zehn kapitalseitigen Aufsichtsräte nicht für Hiesingers Pläne. Gather stimmte zwar zu, habe aber rumgekrittelt und nichts getan, um Hiesinger zu stützen, hieß es im Konzern.

Nun vergießt die Stiftung Krokodilstränen. „Mit großem Bedauern hat die Stiftung den überraschenden Wunsch von Heinrich Hiesinger aufgenommen, sein Mandat zu beenden“, teilte sie mit. Zugleich  wies Gather die Kritik von Hiesinger und Belegschaft zurück: „Die Stiftung und auch ich persönlich haben Herrn Hiesinger auf diesem Weg stets unterstützt, die Vorschläge des Vorstandes begrüßt und sie in den Entscheidungen mitgetragen.“

Warten auf die neue Strategie

Zu spät. Der Konzern ist kopflos, die für nächste Woche geplante Beratung des Aufsichtsrates über die Strategie für den Restkonzern wurde abgesagt. 130.000 Mitarbeitern in den Sparten Aufzüge, Anlagenbau, Werften und Werkstoffhandel müssen weiter auf die neue Strategie warten.

Personalvorstand Oliver Burkhard versuchte, per Twitter zu beruhigen: „Der Kapitän geht zwar von Bord, aber wir alle zusammen halten den Kurs.“ Aufsichtsrats-Chef Ulrich Lehner sprach von einer schwierigen Situation: „Nun geht es zunächst darum, auf Kurs zu bleiben.“ Für den Stahl gebe es eine mit dem Aufsichtsrat abgestimmte Strategie, an der für die weiteren Bereiche arbeite man.

Lehner selbst ist unter Druck. Er hat zwei aggressive Investoren im Nacken (neben Cevian den US-Fonds Elliott), muss einen zerstrittenen Aufsichtsrat zusammenführen und einen neuen Konzern-Chef finden. Cevian und Elliott fordern mehr Tempo beim Umbau gefordert. Seit Hiesingers Amtsantritt im Januar 2011 hat die Aktie fast 30 Prozent verloren, während der Dax 80 Prozent zulegte. Die Anleger, die womöglich auf eine Zerschlagung von Thyssenkrupp setzen, feierten den Rücktritt mit einem Kurssprung von zeitweise mehr als vier Prozent.