Tarifverhandlungen im Umbruch: Mehr Freizeit wichtiger als höherer Lohn

Tarifverhandlungen im Umbruch : Freizeit für Arbeitnehmer immer wichtiger als Lohn

In vielen Branchen kämpfen die Gewerkschaften dafür, dass die Beschäftigten souveräner über ihre Arbeitszeit verfügen können. Etwa zur Pflege von Angehörigen oder der Kinderbetreuung. Für die Firmen wird das zum Problem.

Am Dienstag werden Hunderte Stahlarbeiter in Bochum, Kreuztal und Duisburg auf die Straßen gehen, um ihrer Tarifforderung Druck zu verleihen. In der Stahlindustrie ist die Warnstreiksaison angebrochen. Die Aktionen gehören traditionell zu den Tarifrunden. Doch in diesem Jahr könnten sich daraus handfeste Auseinandersetzungen entwickeln, Streiks inklusive. Denn der IG Metall geht es nicht nur um sechs Prozent mehr Lohn. Sie will ein Urlaubsgeld von 1800 Euro durchsetzen, das auf Wunsch in freie Tage umgewandelt werden kann. Die Gewerkschaft folgt damit einem Trend, der sich branchenübergreifend durchzusetzen scheint: Freizeit, so wirkt es, wird für die Menschen immer wichtiger.

„70 Prozent der Beschäftigten im Stahl arbeiten in Schicht“, erläutert der IG-Metall-Bezirksleiter von NRW und Verhandlungsführer, Knut Giesler, die Forderung. „Hier ist die Arbeitszeit in hohem Maße fremdbestimmt. Schichtarbeit führt außerdem zu hohen gesundheitlichen Belastungen. Darum wundert es nicht, dass die Beschäftigten mehr Entlastung und mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit fordern.“

Die IG Metall ist bei dem Thema erfahren. Im vergangenen Jahr setzte sie in der größten deutschen Branche, der Metall- und Elektroindustrie, einen Tarifvertrag durch, mit dessen Hilfe Eltern junger Kinder, pflegende Angehörige und Schichtarbeiter vorübergehend die Arbeit reduzieren können. Nach Angaben der Gewerkschaft haben 260.000 Beschäftigte einen Antrag auf Reduzierung gestellt. In 93 Prozent der Fälle kamen die Unternehmen dem nach. Konkret bedeutet dies: acht zusätzliche freie Tage.

Als eine Vorreiterin in diesem Bereich gilt die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Sie setzte in den Tarifverhandlungen 2016 bei der Deutschen Bahn ein Modell durch, bei dem die Beschäftigten ebenfalls mitbestimmen konnten. Sie hatten sogar die Wahl zwischen drei verschiedenen Optionen: eine Erhöhung des Lohns um 2,6 Prozent, sechs Tage zusätzlichen Urlaub oder eine Arbeitszeitverkürzung. 56 Prozent der Beschäftigen entschieden sich für mehr Urlaub.

Die IG Bergbau Chemie Energie (IG BCE) will noch in diesem Jahr das Thema angehen. Darauf einigten sich Chemie-Arbeitgeber und Gewerkschaft bei den Tarifverhandlungen 2018. Seitdem haben beide Seiten eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die an einer „Roadmap Arbeit 4.0“ bastelt. Die Sondierungsgespräche werden noch in diesem Monat beginnen. „Bei ständig wachsendem Veränderungsdruck und steigender Arbeitsverdichtung verdienen die Beschäftigten Entlastung und ein Mehr als Selbstbestimmung bei den Arbeitszeiten“, sagt IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis. „Das hält sie gesund und fit und trägt zur Attraktivität unserer Unternehmen bei.“ Die Forderung will die Gewerkschaft im Juni aufstellen, verhandelt wird dann ab Herbst.

„Im industriellen Sektor erleben wir eine Luxusdebatte der Hochlohnbranchen“, sagt Hagen Lesch, Tarifexperte am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „In der Metall- und Elektroindustrie, im Stahl oder auch in der Chemie sind die Löhne vergleichsweise hoch.“ Dort könne ein solche Debatte eher geführt werden. In der papierverarbeitenden Industrie oder im Druck sei eine solche Arbeitszeitverkürzung dagegen kein Thema gewesen. „Man könnte dies als Indiz für ein größeres Lohngefälle werten“, sagt Lesch und weist noch auf ein weiteres Problem hin: „Gewerkschaften sollten im Hinterkopf haben, dass sie bei einer Verknappung des Arbeitsvolumens auch Verlierer schaffen. Andere Beschäftigte, die in anderen Lebensumständen sind, müssen die wegbrechende Arbeit ja schultern.“ Zudem könne es dazu kommen, dass durch die Arbeitszeitverkürzung einer Branche und den dadurch verschärften Fachkräftemangel Beschäftigte anderer Branchen abwandern. „Das würde bedeuten, dass die Arbeitszeitverkürzung den Fachkräftemangel sogar branchenübergreifend verschärft.“

Mehr von RP ONLINE