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Druck auf RWE wächst: Stromnetz offenbar nicht so sicher wie gedacht

Druck auf RWE wächst : Stromnetz offenbar nicht so sicher wie gedacht

Essen (rpo). Das deutsche Stromnetz ist offenbar nicht so sicher wie bislang behauptet. Nach dem RWE räumte auch Deutschlands größter Energieversorger, E.ON, ein, dass tausende Strommasten in seinem Netz mit dem für Versprödung anfälligen Thomas-Stahl gebaut worden seien. Der Stromkonzern Vattenfall prüft, ob auch in seinem Versorgungsgebiet derartige Masten stehen.

RWE hatte nach dem tagelangen Stromausfall im Münsterland am Wochenende bestätigt, dass zwei Drittel seiner rund 42.000 Hoch- und Höchstspannungsmasten aus dem für Materialermüdung anfälligen Metall gebaut seien. Bei dem bis Mitte der 60er Jahre verwendeten Thomas-Stahl kann sich nach Angaben des Konzerns die Bruchfestigkeit durch Versprödung auf bis zu 60 Prozent reduzieren. Bis 2015 will der Konzern alle betroffenen Masten auswechseln.

Ein Sprecher der E.ON-Netz GmbH betonte, E.ON sei von dem Problem glücklicherweise weniger betroffen als der Konkurrent RWE, da das Leitungsnetz zum großen Teil aus späterer Zeit stamme. Stichproben zufolge seien maximal fünf Prozent der 52.000 Hochspannungsmasten im E.ON-Leitungsnetz vom Phänomen der Thomas-Stahl-Versprödung betroffen. Doch wären dies immerhin noch bis zu 2.600 Stück. Bei den regelmäßigen Inspektionen werde deshalb besonders auf Materialermüdung geachtet. Der Konzern habe sein Investitionsbudget für das Leitungsnetz in diesem Jahr bereit um 300 Millionen Euro aufgestockt.

Glos fordert "dringlichen Bericht"

Der Stromkonzern Vattenfall berichtete unterdessen, er prüfe unter Hochdruck, ob in seinem Versorgungsgebiet noch Strommasten stünden, die aus Thomas-Stahl errichtet wurden. Dies sei aber extrem unwahrscheinlich, sagte Konzernsprecherin Geraldine Schroeder in Berlin. Schließlich sei das ostdeutsche Netz nach der Wende für 1,2 Milliarden Euro fast komplett erneuert worden. Thomas-Stahl wurde zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr verwendet. Von Deutschlands viertem großen Stromnetzbetreiber EnBW war zunächst keine Stellungnahme zum Zustand seines Leitungsnetzes zu erhalten.

Gleichzeitig erhöhte sich der Druck auf das RWE. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos und seine nordrhein-westfälische Kollegin Christ Thoben forderten einen "dringlichen Bericht" zum Zustand seiner Stromnetze und zu Erkenntnissen über Mängel. Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums betonte, dass die Energieversorger dem Energiewirtschaftsgesetz zufolge die Sicherheit der Stromnetze zu gewährleisten hätten.

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Das Amtsgericht Steinfurt beauftragte unterdessen einen unabhängigen Gutachter mit der Untersuchung der umgestürzten Strommasten auf mögliche Materialermüdung, was Grundlage für Schadenersatzansprüche gegen den Konzern sein könnte. Das Verfahren war von einem Landwirt aus der am stärksten betroffenen Gemeinde Ochtrup beantragt worden.

Der Sprecher der RWE Transportnetz Strom GmbH, Markus Haas, warnte unterdessen vor falschen Schlüssen. "Es sind auch Leitungen zusammengebrochen, die nach 1970 gebaut worden sind und bei denen auszuschließen ist, dass Thomas-Stahl verwendet wurde", sagte er. Gleichzeitig verteidige er die RWE-Pläne, die anfälligen Masten allmählich bis 2015 auszutauschen: "Wir können das gar nicht beschleunigen."

(ap)