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Wie Fressnapf und Dr. Sam den Markt für Online-Tierärzte erobern

Sie heißen Dr. Sam oder Dr. Fressnapf : Wettkampf der Online-Tierärzte

Der Tierbedarfshändler Fressnapf bietet jetzt auch Online-Sprechstunden mit Tierärzten an. Bezahlt wird pro Beratung. Das Start-up Dr. Sam setzt auf ein anderes Modell. Schon bald dürfte sich zeigen, wer erfolgreicher ist.

Bei der Visite im Krankenhaus würde man über einen solchen Namen auf dem Arztkittel wohl schmunzeln. Doch wenn es um Hund, Katze und Meerschweinchen geht, sollte man ihn lieber ernst nehmen: Dr. Fressnapf.

Im stationären Handel sind die Tierbedarfsgeschäfte längst eine Macht, in der vergangenen Woche kündigte die Krefelder Firmengruppe an, dass man beim Umsatz in diesem Jahr wohl erstmals die Marke von drei Milliarden Euro knacken könnte. Doch nachdem das Unternehmen jahrelang primär auf den Ausbau des Filialnetzes gesetzt hatte, greift man inzwischen auch immer stärker im Online-Handel an – und hat dabei sogar den Markt für Tiergesundheit in den Blick genommen.

Für 17,90 Euro gibt es bei Fressnapf eine Beratung

Dr. Fressnapf heißt das Portal, das im September 2020 online ging. Für 17,90 Euro können Nutzer per Videochat mit einem Tierarzt sprechen und das eigene Haustier per Ferndiagnose untersuchen lassen. Der Markt ist riesig, aber auch umkämpft. Mit Pfotendoctor und dem Düsseldorfer Start-up Dr. Sam gibt es allein in Deutschland zwei Konkurrenten, hinzu kommen zahlreiche internationale Wettbewerber.

Doch Fressnapf drängt mit aller Wucht in den Markt. Die Gründer von Petcare Solutions, dem Unternehmen hinter dem im Januar 2020 gestarteten Angebot „Pfotendoctor“, klagten vor einigen Monaten gegenüber dem Portal „Gründerszene“, Fressnapf habe erst mit ihnen über eine Mehrheitsbeteiligung verhandelt und dann die eigenen Ideen kopiert. Fressnapf teilt auf Anfrage mit, über Details zu den Verhandlungen können man keine Auskunft geben. „Das Konzept des digitalen Tierarztes  gibt es allerdings schon in sehr vielen verschiedenen Formen in ganz Europa, weswegen auch eine eigenständige Entwicklung umsetzbar war“, sagte eine Sprecherin. Und so probiert es Fressnapf auf eigene Faust – und mit einem offenbar großzügigen Werbebudget. Wer bei der Suchmaschine Google die Begriffe „Online“ und „Tierarzt“ eingibt, bekommt als erstes die Anzeige von Dr. Fressnapf zu sehen.

Dr. Sam setzt auf sofortige Verfügbarkeit

Die Konkurrenz setzt gegen den potenten Konzern-Ableger auf Service. Zum Beispiel in Düsseldorf. Dort hat das bereits 2018 gestartete Start-up Dr. Sam seinen Sitz. „Es gibt bei uns keine Terminvergabe, wir sind dann da, wenn der Kunde uns braucht“, sagt Gründer und Geschäftsführer Jan Holzapfel: „Bei unserem Service soll man sofort Hilfe bekommen.“ Beim Krefelder Konkurrenten Dr. Fressnapf müssen Kunden hingegen einen Termin buchen.

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Anders als Pfotendoctor und Dr. Fressnapf setzen die beiden Gründer Jan Holzapfel und David Richter allerdings primär auf ein Abo-Modell. Für aktuell 9,90 Euro im Monat können sich Kunden unbegrenzt oft beraten lassen – und bekommen in einem lebensbedrohlichen Notfall sogar noch bis zu 2500 Euro Tierarztkosten erstattet. Eine Einzelberatung gibt es zwar auch, die ist aber mit 39,90 Euro pro Beratung deutlich teurer. Parallel dazu bietet das Team inzwischen auch Produkte zur Prophylaxe wie beispielsweise Wurmkuren für Hunde an. „Wir sehen uns nicht mehr als reiner Online-Tierarzt“, sagt Jan Holzapfel: „Unsere Vision ist der Aufbau einer ganzheitlichen Tiergesundheitsplattform, bei der wir Tiermedizin und tiermedizinische Produkte zusammenbringen.“

Der Techvision Fonds I investiert in Dr. Sam

Inzwischen soll Dr. Sam eine fünfstellige Zahl von Abonnenten haben. Hinzu sollen tausende Kunden kommen, die Prophylaxe-Produkte gekauft haben. Das Modell überzeugte in der Vergangenheit bereits die Gründer des Fernbusanbieters Flixbus und einige andere Risikokapitalgeber, mit dem Techvision Fonds I aus Aachen ist nun ein neuer Investor bei den Düsseldorfern eingestiegen. Über ein Wandeldarlehen, an dem sich auch Alt-Investoren beteiligten, flossen nach Informationen unserer Redaktion mehr als zwei Millionen Euro frisches Kapital ins Unternehmen.

Ansgar Schleicher, Geschäftsführer des Techvision Fonds, vergleicht das Modell mit den Anfängen des Musik-Streamings: Bei Apple habe man früher immer überlegen müssen, ob man sich dieses oder jenes Lied noch kaufe. „Bei Spotify stellte sich diese Frage nicht mehr“, sagt Schleicher, der diesen Vorteil auch bei Dr. Sam sieht: „Das Abo-Modell senkt für die Kunden die Nutzungshürde – und wer es einmal abgeschlossen hat, bleibt in der Regel auch dabei. Denn mit den Haustieren ist ständig etwas und der Besuch beim Tierarzt ist immer eine Herausforderung.“

„Wir sind weit von Verteilungskämpfen um Marktanteile entfernt“

Das Kapital kommt zu einem günstigen Zeitpunkt, denn auch bei Dr. Fressnapf denkt man nach einer zwölfmonatigen Test- und Lernphase bereits weiter. Im vierten Quartal, teilte eine Sprecherin mit, starte man die aktive, großflächige Bewerbung. Die Zahl der gebuchten Termine, die aktuell nach Fressnapf-Angaben im vierstelligen Bereich liegt, soll damit weiter steigen. Auch ein Abo-Modell schließt das Unternehmen nicht grundsätzlich aus. „Unsere Recherchen ergaben allerdings, dass die Akzeptanz von Abo-Angeboten in diesem Sektor in Deutschland nicht sehr groß ist, weswegen wir uns zunächst dagegen entschieden haben“, sagte eine Sprecherin.

Ansgar Schleicher ist optimistisch, dass sie mit Dr. Sam das chancenreichste Start-up finanzieren. „Es gibt natürlich viel Konkurrenz, aber aktuell sind alle Anbieter noch früh dabei“, sagt der Geschäftsführer des Techvision Fonds: „Die Frage ist daher, wem es jetzt am besten gelingt, die Kunden zu gewinnen. Wir sind da sehr optimistisch. Die Wachstumszahlen von Dr. Sam sehen bislang sehr gut aus.“ Und auch Jan Holzapfel gibt sich angesichts der Konkurrenz aus Krefeld ganz entspannt: „Wir sind weit davon entfernt, dass es Verteilungskämpfe um Marktanteile gibt. Der Markt für Online-Tiergesundheit ist immer noch ganz am Anfang.“ Man sei daher auch mit Fressnapf immer wieder mal im lockeren Austausch. „Wir verfolgen aber unsere eigene Strategie und haben unsere eigenen Visionen.“