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Wie 123-Fahrschule den Markt der teuren Führerscheinkurse aufrollen will

123-Fahrschule will auf 200 Filialen expandieren : Freie Fahrt für die Fahrschule-Digitalisierer

Mit immer mehr Standorten und immer mehr Online-Unterricht will das junge Kölner Unternehmen die Branche der Fahrausbildung aufmischen – gegen Widerstand aus der Branche. Jetzt hat der Bundesrat eine wichtige Spur freigemacht.

Spiegel, Blinken, Schulterblick: Einige der grundsätzlichen Lektionen in der Fahrschule bestehen seit Jahrzehnten. Auf dem Markt ist jedoch einiges in Bewegung. Und ein junges Unternehmen aus NRW mischt kräftig mit: Die 2016 gegründete Firma 123Fahrschule mit Hauptsitz in Köln hat heute bereits bundesweit mehr als 50 Standorte und will in den kommenden Jahren auf 200 Filialen wachsen. Viele Betriebe befinden sich davon in Nordrhein-Westfalen. „Wir sind auf dem Weg, dass wir rund 75 Prozent der Einwohner in NRW erreichen können“, sagt Gründer und Vorstandschef Boris Polenske. Das ehrgeizige Ziel: In den wichtigsten Regionen, neben NRW auch Berlin und Hamburg, will das Unternehmen einen Marktanteil von 20 Prozent erreichen.

Der gebürtige Marler startete Mitte der 90er-Jahre mit einem Telefonbuchverzeichnis auf CD ins Digitalgeschäft. Knapp 30 Jahre später nahm er den Markt der Fahrschulen ins Visier – und wollte denen zunächst nur eine Art Betriebssystem verkaufen. Bei etwa 10.000 Fahrschulen in Deutschland drohte mühselige Vertriebsarbeit. „Wir haben festgestellt, dass es interessanter ist, die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken als nur die Software zu verkaufen“, sagt Polenske, der früher einige Jahre Betriebswirtschaft in Bochum studierte.

So entstand das Geschäftsmodell von 123Fahrschule. Zum einen kauft die Firma bestehende Fahrschulen auf – und will so Größenvorteile nutzen, die bei der Verwaltung entstehen. Viele Fahrschulen werden bislang noch vor allem vom Inhaber betrieben, von denen sich einige dem Rentenalter nähern. 160 Mitarbeiter gehören heute bereits zu 123Fahrschule, gut die Hälfe davon Fahrlehrer. Zum anderen versucht das Unternehmen, soviel Digitalisierung wie möglich zu integrieren. Neben der Software im Hintergrund steht für die Fahrschüler eine App bereit – das soll es leichter machen, Termine zu buchen, seinen Lernfortschritt zu dokumentieren oder die Prüfungsunterlagen zu sammeln.

Streit um den Online-Theorieunterricht

Eine weitere wichtige Spur für das Wachstum des Unternehmens wurde jetzt von der Politik freigemacht. Am 11. Februar befürwortete der Bundesrat einige Änderungen an der Fahrerlaubnis-Verordnung. Man fordere die Bundesregierung auf, dass die „guten Erfahrungen der Fahrschulen mit der Erprobung des digitalen Präsenzunterrichts während der Pandemie rasch dauerhaft verankert werden sollten“, heißt es in dem Beschluss. Aktuell ist das in vielen Bundesländern zwar bereits möglich, aber meist nur als Corona-Ausnahme gedacht. In NRW ist diese Regelung beispielsweise zeitlich bis Ende Juni begrenzt.„Das spart Wege, reduziert Kontakte und ermöglicht es Fahrschülern, sich trotz der Pandemie optimal auf den Führerschein vorzubereiten“, begründete Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) im Januar diese Möglichkeit.

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Jetzt könnte aus dem Provisorium eine Dauerlösung werden: „Die dauerhafte Einführung der Online-Theorie wird eine zeitgemäße, effiziente und qualitativ hochwertige Fahrschulausbildung nachhaltig fördern“, kommentiert Polenske die Entscheidung im Bundesrat. In der Fahrschulwelt ist diese Einschätzung jedoch heftig umstritten. Man könne „ganz und gar nicht bestätigen, dass der digitale Distanzunterricht dieselbe Ausbildungsqualität bietet wie der Präsenzunterricht“, kritisierte etwa Jörg-Michael Satz, Präsident des Branchenverbands Moving e.V.. Auch andere Fahrlehrerverbände lehnen eine rein digitale Theorieausbildung ab. Sie gehen davon aus, dass die Konzentration während des Online-Unterrichts rasch sinkt und Fahrlehrer nicht so gut auf ihre Schützlinge eingehen können.

Zwar bieten einige andere Fahrschulen in NRW ebenfalls Online-Theorieunterricht an. Zum Einsatz kommen häufig Videokonferenztools wie Zoom. Für Fahrschulketten mit mehr Personal und Standorten sieht Vorstand Polenske jedoch zusätzliche Vorteile: „Es erlaubt uns, über den Tag verteilt mehr Unterrichtstermine zu schaffen und sie auch gezielt für bestimmte Zielgruppen anzubieten.“ Grundsätzlich ist Polenske von der Balance aus festen Standorten und digitaler Ausbildung überzeugt: „Die regionale Verankerung bei den Fahrschulen ist noch stark“, sagt der Gründer, „aber viele Schüler kommen jetzt in die Filialen und fragen nach digitalem Unterricht.“

Unternehmen fährt an der Börse vor

Auch an anderen Stellen sucht 123Fahrschule eigene Wege. Seit dem vergangenen Oktober ist das Unternehmen an der Börse Düsseldorf gelistet. Viele andere Start-ups setzen dagegen eher auf Risikokapital von einzelnen Investoren, um ihr Wachstum zu finanzieren. Denn börsennotierte Firmen müssen hohe Standards erfüllen, wenn es um die Transparenz gegenüber Anlegern und Behörden geht – das kostet viel Zeit und Geld. Dafür können sich die Unternehmen unkomplizierter neues Geld besorgen. 123Fahrschule führte Ende des vergangenen Jahres eine Kapitalerhöhung durch, die knapp sieben Millionen Euro einbrachte.

Aktuell ist das Unternehmen an der Börse etwa 30 Millionen Euro wert, knapp die Hälfte der Aktien sind im Streubesitz. Der Kurs liegt im Moment etwas unter elf Euro und damit unter dem Ausgabepreis im Herbst. Für das Jahr 2021 erwartet 123Fahrschule laut vorläufigen Zahlen einen Umsatz von knapp acht Millionen Euro, fast doppelt so viel wie im Jahr 2020. Doch unter dem Strich geht das Unternehmen für 2021 von einem Verlust von mehr als vier Millionen Euro aus. Der sei vor allem durch den Gang an den Kapitalmarkt sowie die starke Expansion entstanden, teilte das Unternehmen Anfang Februar mit. Die vielen Zukäufe sollen sich jedoch auch in diesem Jahr auszahlen – Vorstand Polenske rechnet damit, dass der Umsatz kräftig wächst. Die Anmeldezahlen lagen Ende 2021 nach eigenen Angaben bereits deutlich über dem Vorjahreszeitraum.

Eine andere Baustelle bleibt jedoch noch: Im Durchschnitt sind Fahrlehrer – weit überwiegend männlich – heute bereits über 50 Jahre alt. Viele von ihnen haben die erforderlichen Lizenzen noch bei der Bundeswehr gemacht. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen daher die Ausbildungsstätte „FahrerWerk“ in Erkrath übernommen – um Nachwuchs für die Branche und die eigene Expansion auszubilden. Denn ohne Fahrlehrer können die Schulen dicht machen.