1. Wirtschaft
  2. Unternehmen
  3. Start-ups

Was Matthi Bolte-Richter mit Noord Transport in Kiel vor hat

Grünen-Politiker Matthi Bolte-Richter verlässt den Landtag : Vom Digitalpolitiker zum Start-up-Unternehmer

Grünen-Politiker Matthi Bolte-Richter hat jahrelang für bessere Bedingungen für Start-ups gekämpft. Nun will er selbst ein Unternehmen aufbauen – und muss erleben, wie viele Stolpersteine es für Gründer in Deutschland immer noch gibt.

Als Digitalpolitiker hat Matthi Bolte-Richter in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Start-ups kennengelernt – nun will sich der 36-Jährige selbst in der Gründerszene versuchen. Der digitalpolitische Sprecher der Grünen im NRW-Landtag legt im kommenden Jahr sein Mandat nieder, um ein Start-up aufzubauen. Vor einigen Wochen hat er das Kieler Jung-Unternehmen Noord Transport übernommen, einen Fahrrad-Kurierdienst.

„Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder Start-ups besucht und fand das immer sehr faszinierend. Und irgendwann habe ich gedacht: Das will ich auch machen“, sagt Matthi Bolte-Richter. Er habe sich zwar auch andere Dinge vorstellen können, doch dann habe sich die Option ergeben.

Bolte-Richter sitzt seit mehr als zehn Jahren im Landtag

Bolte-Richter ist 2010 mit gerade mal 24 Jahren erstmals in den Landtag eingezogen und hat sich in den vergangenen Jahren als fleißiger Digitalpolitiker einen Namen gemacht. Allein in der aktuellen Legislaturperiode war er an 218 Kleinen Anfragen (davon 159 zum Thema Digitalisierung) und fünf Großen Anfragen beteiligt; mal ging es um die Start-up-Politik, ein anderes Mal um Cyberkriminalität oder digitale Bildung.

Im Landtag hat er sich damit auch unter Digitalpolitikern anderer Parteien Respekt erworben. Christina Kampmann (SPD), die wie Bolte-Richter in Bielefeld ihren Wahlkreis hat, lobt dessen ruhige, an der Sache orientierte Art. Auch Marcel Hafke (FDP) sagt, Bolte-Richter sei ein fairer und konstruktiver Kopf: „Ich würde mir wünschen, dass mehr Abgeordnete die Ideologie hinten anstellen so wie er und über pragmatische Lösungen diskutieren.“ Kurzum: Hätte sich Matthi Bolte-Richter, der mit vollem Namen eigentlich Frederick Matthias Benjamin heißt, erneut von den Grünen aufstellen lassen, wäre er wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Teil des nächsten Landtags gewesen.

Mit seiner Familie zieht er von Düsseldorf nach Kiel

Doch Bolte-Richter wollte nicht. „Ich habe die Hälfte meines Lebens in Mandaten verbracht und war im Grunde mein komplettes Erwachsenenleben im Landtag“, sagt der gebürtige Bielefelder: „Das ist ein großes Privileg gewesen. Ich wollte allerdings den Zeitpunkt auch immer selbst wählen, an dem ich aufhöre – und ihn auf keinen Fall verpassen.“

  • Mit starkem Votum der Mitglieder gewählt,
    Politik in Mettmann : Stascheit kandidiert für Landtag
  • Noch als NRW-Verkehrsminister hatte Hendrik Wüst
    Jede vierte Strecke per Rad : NRW-Landtag verabschiedet erstes Gesetz für mehr Radverkehr
  • Die grünen Landtagskandidaten (v.l.) Paul Muschiol,
    Mitgliederversammlung im Bürgerhaus Dülken : Die Mitgliederzahlen der Grünen im Kreis haben sich fast verdoppelt

Mit seiner Familie wird er demnächst von Düsseldorf nach Kiel ziehen, um sich dort um den Aufbau von Noord Transport zu kümmern. Der Fahrrad-Kurierdienst wurde 2019 von Kim Kohlmeyer und Alexander Sonders gegründet. Die beiden versprachen damals Transporte per Lastenrad, die „schneller als das Internet“ sein sollten. Man startete mit zwei Kurierfahrern, die auf 450-Euro-Basis für das Unternehmen unterwegs sein sollten, und transportierte Kaffee einer lokalen Rösterei, Bio-Gemüsekisten oder auch Dokumente und Laborbefunde.

„Es braucht jemanden, der es richtig hochzieht.“

Inzwischen gibt es zwar sechs Fahrer, doch weil die Gründer das Unternehmen bislang neben ihren eigentlichen Jobs betrieben, blieben viele Potenziale ungenutzt. „Die Basis ist sehr gut, aber es braucht jemanden, der es jetzt richtig hochzieht. Das möchte ich gerne sein“, sagt Matthi Bolte-Richter. Zum Kaufpreis machte er keine Angaben. Der Grünen-Politiker hat viele Ideen, wie man das Geschäft weiterentwickeln kann – etwa durch tagesaktuelle Auslieferungen von Produkten aus Elektromärkten. Auch eine Expansion an andere Standorte ist für ihn denkbar.

Bolte-Richter ist überzeugt, dass er viele Erfahrungen aus seiner Zeit als Politiker in das Unternehmen einbringen kann. Er habe gelernt, andere für Ideen zu begeistern und Strategien zu entwickeln. „Aber natürlich muss ich mich jetzt noch weiterbilden.“ Erste Erkenntnisgewinne gab es bereits: „Vieles von dem, was Gründerinnen und Gründer mir früher berichtet haben, erlebe ich jetzt auch – zum Beispiel, wie lange Registergerichte brauchen“, sagt der Grünen-Politiker: „Oder ein anderes Beispiel: Man braucht eine Lizenz, wenn man für Auftraggeber deren Postfächer leeren will. Für die Lizenz braucht man fünf Nachweise, die man an fünf unterschiedlichen Stellen mit fünf unterschiedlichen Verfahren beantragen muss. Verlässlichkeit in der Verwaltung ist total wichtig, aber wenn man als Gründer loslegen will, ist das trotzdem schwer.“

Ab Mai 2022 wird er sich mit voller Kraft seinem Start-up widmen können – und die große Politik zunächst hinter sich lassen.  „Sicherlich werde ich Dinge aus meinem alten Leben vermissen.“, sagt Bolte-Richter: „Mich hat zum Beispiel immer gereizt, dass man als Abgeordneter sehr leicht mit Menschen ins Gespräch kommen kann. Das ist vielleicht als Kleinunternehmer etwas schwerer.“ Den Grünen will er aber auch in Zukunft verbunden bleiben: „Als wir unseren Notartermin hatten, war Annalena Baerbock in Kiel auf Wahlkampftour – da bin ich natürlich auch als Zuschauer hingegangen. Ich bin ein zutiefst politischer Mensch, aber in Zukunft eben in einer anderen Rolle.“