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Warum Lemon.Markets, Masterplan oder Rightnow auf Berlin setzen

Warum Start-ups NRW den Rücken kehren : Berlin, Berlin, wir ziehen nach Berlin

Die Gründerszene in NRW ist inzwischen deutlich ausgeprägter als noch vor einigen Jahren. Dennoch zieht es viele Gründer immer noch nach Berlin. Andere bauen dort zumindest eine Zweigstelle auf. Was hat die Stadt, was NRW nicht hat?

Die Geschichte mit den Zitronen haben schon Generationen von BWL-Erstsemestern an der Universität in Münster gehört. Und irgendwann saßen auch Maximilian Linden und Marcel Katenhusen im Hörsaal H1 und lauschten der Theorie über den „Market for Lemon“. Es geht dabei um die Problematik der ungleichen Verteilung von Informationen am Beispiel sogenannter Montagsautos, in den USA „Lemons“ genannt. Sie hat sich den beiden so nachhaltig eingeprägt, dass sie inzwischen ihr Start-up danach benannt haben: Mit Lemon.Markets entwickeln sie eine Software, die den Börsenhandel verbessern soll – indem die Verteilung von Informationen verbessert wird.

Die Geschichte der Namensgebung könnte in einigen Jahren als Anekdote in Texten über erfolgreiche Start-ups aus dem Münsterland auftauchen – nur leider endet die Geschichte von Lemon.Markets in Münster, bevor sie richtig an Fahrt aufgenommen hat. Denn das Start-up ist gerade dabei, seinen Firmensitz nach Berlin zu verlegen, nachdem es kurz zuvor Risikokapital von Investoren wie System.One bekommen hatte.

Die Aufholjagd ist steinig – und viele Start-ups können nicht warten

Die Geschichte über den Weggang von Lemon.Markets hat Wellen geschlagen, sogar im NRW-Wirtschaftsministerium ist das Start-up seitdem bekannt. Denn solche Umzüge konterkarieren die Strategie von Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP), der das bevölkerungsreichste Bundesland zu einem der attraktivsten Orte für Gründer in Europa machen will. Die Landesregierung hat viel Geld investiert, um Gründerstipendien aufzulegen und an sechs Hochschulen mehr Ausgründungen durch die Einrichtung sogenannter Exzellenz Start-up-Center zu fördern – unter anderem ausgerechnet in Münster. Zuletzt stellte der Minister auch noch ein neues Scale-up-Programm vor, mit dem größere Start-ups gezielt unterstützt werden sollen.

Doch die Aufholjagd ist steinig – und viele Unternehmer haben keine Zeit zu warten, bis die Maßnahmen Früchte tragen. Für Maximilian Linden und Marcel Katenhusen waren am Ende eine Reihe von Gründen für den Umzug ausschlaggebend. So sei der Pool von Entwicklern in Berlin deutlich größer, sagt Linden. Auch internationale Talente ließen sich leichter von Berlin begeistern. Zudem sei das Ökosystem in der Hauptstadt stärker ausgeprägt. „Wir haben die Gelegenheit als Gründer von anderen erfahrenen Unternehmern zu lernen.“

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Internationale Talente zieht es eher nach Berlin

Es sind Gründe, die man immer wieder hört, wenn man mit Gründern spricht, die NRW den Rücken gekehrt haben. Auch die Gründerin des Erotik-Hörspiel-Start-ups Femtasy, Nina Julie Lepique, begründete den Umzug von Köln nach Berlin 2020 damit, dass es leichter sei, internationale Talente in der Bundeshauptstadt zu gewinnen. Zudem habe sie sowieso sehr viel Zeit in Berlin verbracht, um auf Veranstaltungen zu sprechen oder sich mit Investoren zu treffen.

Laut dem NRW-Startup-Monitor, einer Umfrage unter Gründern, hat jeder zehnte Gründer mit einem Hochschulabschluss aus NRW sein Start-up in Berlin aufgebaut. Kein anderes Bundesland ist bei NRW-Absolventen so beliebt.

Immerhin: Die Zeiten, in denen man als Start-up praktisch keine Alternative hatte, als nach München oder Berlin zu gehen, sind vorbei. Viele heute bekannte Firmen wie Rocket Internet, Zalando oder Hellofresh wurden in Berlin von Gründern aus NRW aufgebaut. Demgegenüber stand als einziges NRW-Start-up mit internationaler Strahlkraft lange Zeit nur die Düsseldorfer Hotel-Suchmaschine Trivago. Inzwischen gibt es eine Reihe von Firmen in NRW, die das Interesse internationaler Investoren geweckt haben – wie das Bonner Start-up LeanIX (IT-Architektur) oder Instana (Software) aus Solingen, die kürzlich von IBM übernommen wurden.

„Berlin war keine Entscheidung des Herzens, sondern des Kopfes“

Doch die Sogwirkung von Berlin ist weiterhin riesig, selbst Investoren wie Vorwerk Ventures aus Wuppertal verlagerten dorthin zuletzt ihren Sitz, um präsenter zu sein. Auf der Homepage des Risikokapitalgebers sieht man inzwischen oben den Berliner Fernsehturm und erst unten auf der Seite die Schwebebahn.

Einige Start-ups fahren daher inzwischen zweigleisig: Hauptsitz in NRW, Tech-Standort in Berlin. „Der Aufbau eines Standorts in Berlin war keine Entscheidung des Herzens, sondern eine des Kopfs“, sagt Philipp Eischet, Gründer des Düsseldorfer Legal-Tech-Startups Rightnow: „Wir mussten irgendwann dort hingehen, um weiter in dem Tempo wachsen zu können.“

Eischet erzählt von Einstellungsgesprächen, bei denen die Gründer immer wieder gefragt wurden, ob sie auch Jobs in Berlin anbieten. „Viele fangen bei uns nach dem Studium an, die sehen offenbar bessere Chancen für einen Anschlussjob in Berlin“, sagt Eischet: „Wir wollen die Mitarbeiter natürlich möglichst lange halten. Dennoch wäre es schade, sie erst gar nicht gewinnen zu können.“ Inzwischen stellt das Start-up jedem Bewerber frei, ob er nach Berlin oder Düsseldorf gehen möchte. Von den rund 40 Mitarbeitern arbeitet bislang ein Viertel in der Bundeshauptstadt. Doch zuletzt erfolgten dort fast alle Neueinstellungen.

„Düsseldorf muss kantiger werden“

Auch die Online-Lernplattform Masterplan aus Bochum setzt inzwischen auf eine Mischung aus Pott und Potsdamer Platz. „Neben unserem Standort in Bochum, haben wir in Berlin inzwischen einen Standort für unsere Produktentwicklung“, sagt Gründer Stefan Peukert. Parallel baue man in Düsseldorf allerdings auch ein Vertriebsteam auf. 25 Mitarbeiter sind in der Landeshauptstadt inzwischen beschäftigt.

Doch was müsste sich ändern, damit die rational nachvollziehbaren Entscheidungen der Gründer nicht auch von künftigen Generationen gefällt werden? Trivago-Gründer Rolf Schrömgens forderte zuletzt in einer Diskussionsrunde, Düsseldorf müsse kantiger werden, um attraktiver für bestimmte junge Menschen zu werden. Masterplan-Gründer Peukert sagt: „In NRW passiert total viel, aber aus meiner Sicht müssten die Städte noch mehr zusammenarbeiten.“ Und Philipp Eischet würde es schon helfen, wenn er mehr gute Entwickler mit Start-up-Erfahrung in Düsseldorf finden würde – denn in einem Punkt ist Berlin NRW deutlich unterlegen: „In Berlin ist die Loyalität zu einem Arbeitgeber häufig deutlich geringer“, sagt Eischet: „Der Standort ist daher Fluch und Segen zugleich.“