1. Wirtschaft
  2. Unternehmen
  3. Start-ups

Warum die Start-up-Studie von EY in Bezug auf NRW ungenau ist

Beratung EY veröffentlicht Start-up-Barometer : NRW fällt bei Start-up-Studie zurück – doch das ist kein Grund zur Sorge

Weniger Finanzierungsrunden, weniger Risikokapital – die NRW-Bilanz beim Start-up-Barometer fällt bescheiden aus. Der Abstand auf Berlin und München scheint weiter gigantisch. Dabei lässt die Studie aber ein paar wichtige Fakten außen vor.

Die Zahlen sehen nicht gut für NRW aus: In Berlin haben im vergangenen Jahr 278 Start-ups eine Finanzierung erhalten, in Bayern 163, in NRW gerade mal 60. Auch bei der Höhe des investierten Kapitals liegt Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland hoffnungslos hinter den beiden Zentren Berlin und Bayern zurück. Gerade mal 196 Millionen Euro konnten Start-ups aus NRW von Investoren einsammeln, in Bayern waren es 1,5 Milliarden Euro, in Berlin sogar drei Milliarden Euro.

Glaubt man dem Start-up-Barometer der Beratung EY, dann war das vergangene Jahr für die Gründerszene an Rhein und Ruhr ein Rückschritt. Es sieht so aus, als würde NRW weiterhin hoffnungslos hinter Berlin und Bayern zurückliegen – und weiter zurückfallen. All die Hoffnungen, die auch die Landesregierung in die Entwicklung der Gründerszene setzt, scheinen inmitten der Corona-Pandemie zu verpuffen.

Doch die Studie zeigt ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Selbst in Nicht-Corona-Zeiten ist das Start-up-Barometer kein Beleg für eine Entwicklung, sondern zeigt eher Tendenzen auf. Denn bei der Datenerhebung stützt man sich überwiegend auf Pressemitteilungen, die Berichterstattung in der Presse und Daten des US-Portals Crunchbase. Die Daten zeigen also nie ein vollständiges Bild – etwa weil manche Unternehmen gar keinen Wert darauf legen, dass Finanzierungsrunden publik werden, oder weil einige Gründer beim Aufbau ihrer Unternehmen sogar gänzlich ohne Risikokapital auskommen.

Fakt ist: Das Jahr 2020 verlief für die Start-up-Szene in NRW keineswegs so schlecht, wie es die Zahlen suggerieren. Viele Unternehmen wurden von den Folgen der Corona-Pandemie zwar extrem hart getroffen. Andere wiederum konnten trotz Lockdown und Co. Erfolge verbuchen. Was ist zum Beispiel mit der Übernahme des Getränke-Lieferdienstes Flaschenpost aus Münster durch die Oetker-Gruppe für angeblich eine Milliarde Euro? Allein diese Summe würde NRW mit einem Schlag in Reichweite von München katapultieren – und gleichzeitig war die Transaktion der höchste Exit, der einem deutschen Start-up im vergangenen Jahr gelungen ist. Und dann gab es ja noch die Übernahme von Instana aus Solingen durch IBM für schätzungsweise für eine Summe zwischen 300 und 500 Millionen Euro. Oder die 150 Millionen Euro, die 2020 in den Düsseldorfer Kreditvermittler Auxmoney flossen?

Thomas Prüver, Partner bei der Beratung EY und für das Start-up-Barometer verantwortlich, begründet das damit, dass Exits generell nicht in der Studie berücksichtigt würden, weil es dabei in erster Linie um eine Neuordnung der Anteile am Unternehmen gehe und nicht um frisches Investitionskapital für das Start-up. Der Einstieg von Centerbridge bei Auxmoney sei darüber hinaus auch deshalb nicht berücksichtigt worden, weil das Düsseldorfer Unternehmen bereits 2007 gegründet wurde. Das Start-up-Barometer legt den Fokus aber auf Unternehmen, die in den vergangenen zehn Jahren gegründet wurden. Der Einstieg der Investmentbank Goldman Sachs beim Bonner Start-up LeanIX im Rahmen einer Runde in Höhe von rund 71 Millionen Euro taucht daher in der Studie auf – und ist sogar laut Studie die zweithöchste Finanzierungsrunde eines Start-ups im Bereich „Software & Analytics“ gewesen.

Bei genauerem Hinsehen erscheint auch die Zahl von 60 Start-ups, die laut Start-up-Barometer im vergangenen Jahr eine Finanzierung erhalten haben, zu gering – und das liegt auch an Corona. Allein die landeseigene Förderbank NRW.Bank im vergangenen Jahr in 141 Finanzierungsrunden in Start-ups investiert – davon sind 112 dem Hilfsprogramm Start-up akut zuzuordnen. Fonds, bei denen die NRW.Bank Fondsinvestor ist, haben außerdem nach Angaben der Förderbank, 2020 in NRW weitere 26 Finanzierungsrunden durchgeführt.

Es war zweifelsohne kein leichtes Jahr für die Gründerszene in NRW. Und vermutlich war es auch kein Jahr, in dem der Rückstand auf Berlin oder Bayern verkleinert wurde. Aber größer dürfte er eben auch nicht unbedingt geworden sein, nach allem, was man so mitbekommt. Denn der Erfolg von Start-ups bemisst sich nicht nur an der Höhe des investierten Risikokapital, das zeigte zuletzt noch einmal eine Auswertung des Risikokapitalgebers Earlybird für das „Handelsblatt“. Demnach war der Rückfluss an Kapital für Risikokapitalgeber pro investiertem Euro in Europa höher als in den USA. Die höheren Bewertungen von US-Start-ups führten also mitunter nicht unbedingt zu mehr Substanz in den Unternehmen. Das könnte sich auch auf Deutschland übertragen lassen, wo Start-ups aus Berlin und München tendenziell auch auf höhere Bewertungen zu kommen scheinen als Start-ups aus Bochum, Karlsruhe oder Hannover. Genaue Auswertungen dazu gibt es nicht – vielleicht wäre das also ein sinnvoller Ansatz für eine Studie, um wirklich mal die Lage in den jeweiligen Bundesländern herauszuarbeiten.