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Tsorro hilft Firmen per Tinder-Lösung Top-Manager auf Zeit zu finden

Plattform für Interim-Manager : Dieses Wuppertaler Start-up vermittelt Top-Manager wie bei Tinder

Der Markt für sogenannte Interimsmanager wächst seit Jahren – und ist hart umkämpft. Die drei Gründer von Tsorro glauben dennoch an ihre Chance, weil sie einige Dinge ganz anders machen wollen als die Konkurrenz.

Der Name ihres Start-ups, sagt Wolfgang Allmich, sei eigentlich durch die Menschen entstanden, die über die Online-Plattform der Wuppertaler vermittelt werden: „Das sind Leute, die Projekte retten. Deswegen heißen wir auch Tsorro – wie der Retter in der Not, nur mit Ts statt Z.“

2018 hat der heute 54-Jährige gemeinsam mit Martin Kaluza und Paul Sowa die Vermittlungsplattform für sogenannte Interimsmanager gegründet, nachdem er zuvor jahrelang als Berater tätig war und mit der Branche zu tun hatte. „Ich war damals viel in der Automobilzulieferer-Industrie unterwegs. Wenn sich Unternehmen in der Krise befinden und dann plötzlich auch noch reihenweise Manager wegbrechen, braucht man sehr schnell qualifizierten Ersatz“, sagt Allmich.

Viele Portale sind nicht auf die Suche nach Spezialisten ausgerichtet

Über die Jahre hatten Allmich und seine Kollegen sich ein Netzwerk von solchen Managern auf Zeit aufgebaut, aber jede Anfrage konnten sie dann doch nicht beantworten – was angesichts exotischer Jobbeschreibungen wie „Verfahrensspezialist zur Fehleranalyse und Optimierung von komplexen Fertigungsprozessen bei Kunststofflackierung für die Fahrzeug-Außenhaut“ nicht überrascht. Die gängigen Internetportale und Netzwerke seien bei solchen Anfragen schnell blank, so Allmich: „Diese Portale sind meist nur auf freischaffende Programmierer, Grafiker oder Texter ausgerichtet, deren Kenntnisse und Fähigkeiten leicht per Schlagwortkatalog geklärt werden können.“

Viele Unternehmen beauftragten daher Personalberatungen mit der Suche nach Interim-Kandidaten. „Das ist oft ein teures Unterfangen, denn die Vermittler verlangen, je nach Schwierigkeitsgrad und Dringlichkeit der Besetzung, Provisionen von mindestens 30 bis 50 Prozent als Aufschlag auf jeden einzelnen Tagessatz des vermittelten Experten“, sagt Allmich: „Deswegen habe ich mir irgendwann gedacht: Es kann doch nicht wahr sein, dass man solche Experten in einer Situation, in der es schnell gehen muss, so mühsam suchen muss. Warum kann man so etwas nicht digital lösen?“

Mit Comatch, Haufe Advisory und Co. gibt es viel Konkurrenz

Allmich ist nicht der Erste mit dieser Idee, auch viele andere sahen bereits die Probleme des zersplitterten Marktes, auf dem sich Tausende Berater und Freischaffende tummeln. Ehemalige McKinsey-Berater gründeten 2014 das Start-up Comatch in Berlin und werben heute damit, mehr als 10.000 Berater vermitteln zu können. Zwei ehemalige Deloitte-Berater starteten wenig später in Österreich das Start-up Klaiton, das heute nach einer Übernahme unter Haufe Advisory firmiert.

Warum braucht es also einen weiteren Anbieter? Wolfgang Allmich grinst bei der Frage. Er hat sie erwartet – und natürlich eine Antwort parat. Tsorro ermögliche die Suche nicht nur über den eigenen Datenstamm – sondern über sämtliche Internet-Portale und Business-Netzwerke gleichzeitig. Der Kunde bekäme anschließend von Tsorro eine perfekte Vorauswahl, weil man es schaffe, die persönlichen Eigenschaften und Erfahrungen der Kandidaten in den Vordergrund zu stellen. „Der Kunde bekommt ohne große Mühe exakt die Kandidaten, die wirklich zur Aufgabenstellung passen.“ Gleichzeitig sei man auch viel günstiger als Personalvermittler, so Allmich. Die Suche über die Plattform sei für Unternehmen völlig kostenfrei. Allein im Erfolgsfall nimmt Tsorro eine Provision, die meist unter 20 Prozent des Tagessatzes läge.

Tsorro plant momentan eine Seed-Finanzierung

Nachdem man im vergangenen Jahr mit dem Konzept den Rheinland-Pitch gewinnen konnte, versucht das Start-up momentan, erstmals Kapital von Investoren für eine Seed-Finanzierung einzusammeln, um das Wachstum vorantreiben zu können. Doch das ist angesichts der Ausbreitung des Coronavirus momentan gar nicht so leicht – das müssen auch Allmich und seine Kollegen erfahren. Viele Risikokapitalgeber scheuen momentan Investments in neue Start-ups, weil sie ihr Geld angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit für die Firmen im eigenen Portfolio zurücklegen.

Bislang ist das Tsorro komplett aus eigenen Mitteln gegründet worden. „Wir hatten schon ziemlich früh erste Kunden“, sagt Allmich. Der Umsatz lag zuletzt nach eigenen Angaben bei unter zwei Millionen Euro. Der Gründer ist überzeugt, dass sich auch der Markt noch deutlich stärker zu Tsorros Gunsten entwickeln werde. „Die Nachfrage nach flexiblen Experten wird weiter zunehmen“, sagt Allmich. Zumindest, wenn die Corona-Krise vorbei ist. Denn die merken auch die Wuppertaler.

Langfristige Daten geben Allmich dennoch recht. Wurden 2010 laut Zahlen der Deutschen Dachgesellschaft Interim-Management noch 640 Millionen Euro für Übergangslösungen auf den oberen Führungen ausgegeben, dürften es in diesem Jahr laut Marktprognosen bereits 2,3 Milliarden Euro sein, die von den rund 11.000 Interim-Managern in Deutschland bewegt werden. In der Branche rechnet man damit, im Schnitt 160 Tage im Jahr beim Kunden zu verbringen – und das bei Tagessätzen von rund 1200 Euro. Allerdings: Die Zahlen stammen aus der Zeit vor der Ausbreitung des Coronavirus.

„Ein Interim-Manager muss sofort funktionieren.“

Allmich sagt: „Die ,Dunkelziffer’ solcher Einsätze ist höher als man denkt, zumal die meisten Unternehmen äußerst diskret mit diesem Thema umgehen. Kein Unternehmen möchte schließlich im Markt aufzeigen, dass man womöglich ernste Probleme hat“.

Die Herausforderung für Anbieter wie Tsorro ist daher, Kandidaten zu finden, die diesen enormen Anforderungen gewachsen sind. „Ein Interim-Manager darf keine Lernkurve haben, der muss sofort funktionieren“, sagt Allmich. Deswegen würden gerne Kandidaten genommen, die eigentlich überqualifiziert seien.

Tsorro setzt daher auf einen Auswahlprozess bei der Kandidatensuche. Bislang können sich die Kandidaten per App bewerben, indem sie ähnlich wie bei der Dating-Plattform Tinder durch eine Wischbewegung über den Bildschirm Projekte annehmen oder ablehnen. Künftig sollen weitere Lösungen hinzukommen. „Wir sind gerade auch dabei, eine Video-Funktion auf unserer Plattform einzubauen, damit unsere Kunden schon vor dem ersten Gespräch einen visuellen Eindruck vom Bewerber erhalten“, sagt Allmich.

Denn eins hat der Gründer in all den Jahren im Geschäft gelernt: „Am Ende bleibt das persönliche Gespräch wichtig.“