Startup-Monitor 2022 Düstere Wolken am Gründerhimmel

Berlin/Köln · Auch Start-ups können sich nicht von der aktuellen Wirtschaftslage abkoppeln, zeigt eine aktuelle Branchenstudie – auch wenn die Ambitionen groß bleiben. NRW etabliert sich als relevanter Gründungsstandort.

 Alexander Hirschfeld, Leiter Research Startup-Verband (links), Florian Nöll, Partner PwC Deutschland (2. v. l.), Franziska Teuber, Geschäftsführerin Startup-Verband und Prof. Dr. Tobias Kollmann, Universität Duisburg-Essen beim Startup-Monitor 2022.

Alexander Hirschfeld, Leiter Research Startup-Verband (links), Florian Nöll, Partner PwC Deutschland (2. v. l.), Franziska Teuber, Geschäftsführerin Startup-Verband und Prof. Dr. Tobias Kollmann, Universität Duisburg-Essen beim Startup-Monitor 2022.

Foto: Bundesverband Deutsche Startups

Deutsche Start-ups blicken skeptischer in die Zukunft als in den Vorjahren – bringen aber immer noch mehr Optimismus mit als etablierte Unternehmen. Das ist eine der Erkenntnisse des am Donnerstag veröffentlichten Deutschen Startup-Monitors. Vermeldeten im Vorjahr noch über 50 Prozent der Teilnehmer positiv voraus, sank dieser Wert jetzt auf gut 42 Prozent. Auch das Geschäftsklima in der Branche sinkt, ist aber noch deutlich besser als vergleichbare Zahlen für die Gesamtwirtschaft. „Wir müssen aufpassen, dass aus einem schwierigen Winter keine Eiszeit wird“, sagte Tobias Kollmann, Professor für Digital Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen und wissenschaftlicher Leiter der Studie bei der Präsentation der Daten.  

Seit diesem Frühjahr haben sich die Bedingungen für die lange Jahre erfolgsverwöhnte deutsche Gründerszene verschlechtert Zum einen sind Investoren zurückhaltender geworden, was hohe Finanzierungsrunden angeht. Zum anderen trübt die unsichere Wirtschaftslage auch die Aussichten der jungen Tech-Firmen: „Aufgrund der zahlreichen Verbindungen in die etablierte Wirtschaft hängt die Start-up-Szene natürlich auch ein Stück weit an der allgemeinen Wirtschaft“, sagte Kollmann. Die Branchenvertreter haben jedoch auch die Hoffnung, dass trotz konjunkturellen Schwierigkeiten einige Start-ups gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen: „Gründerinnen und Gründer sehen in jeder Krise auch eine Chance“, sagte Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Startups.

NRW-Start-ups sind prominent vertreten

Knapp 2000 Start-ups mit insgesamt mehr als 4800 Gründern und fast 35.000 Beschäftigten beteiligten sich an der diesjährigen Umfrage, die bereits zum zehnten Mal durchgeführt wurde. Die Studie gilt als die wichtigste Datenerhebung in der deutschen Gründerszene, ist jedoch nicht repräsentativ. Zum wiederholten Male kamen jedoch auch in diesem Jahr die meisten Start-up-Stimmen aus NRW. Knapp 20 Prozent der Teilnehmer sitzen mit ihrer Gründung in Nordrhein-Westfalen. Etwas weniger Start-up-Rückmeldungen stammten aus Berlin, nur knapp 14 Prozent aus Bayern mit dem starken Tech-Standort München. „Wir können sicher ablesen, dass es gewisse Hotspots gibt“, sagte Kollmann, „da gehören Berlin und Bayern, aber eben auch NRW dazu.“

Auch in einer anderen Kategorie konnte NRW punkten: 6,4 Prozent der Gründer hatten ihre Ausbildung an der RWTH Aachen abgeschlossen – damit führt die Technische Hochschule diese Rangliste an. Auch die Westfälische Wilhelms-Universität Münster schafft es in die Top 10 der meistgenannten Ausbildungsstätten. Beide Hochschulen werden aktuell mit Landesmitteln gefördert, um ihre Gründungsberatung noch weiter auszubauen.

Finanzierungen werden benötigt – aber schwieriger

Die generellen Entwicklungen der Start-up-Szene können sich jedoch auch Gründer im Westen der Republik nicht entziehen. Und hier fürchten die jungen Unternehmer vor allem, dass sich der Zugang zu Kapital weiter verschlechtert. Bei der Umfrage, die im Mai und Juni stattfand, gaben gut zwei Drittel der Befragten an, noch im Jahr 2021 eine Finanzierungsrunde abschließen zu wollen – im Schnitt strebten sie an, 3,1 Millionen Euro aufnehmen zu wollen.

Gerade über den Sommer hat sich die Situation aber noch einmal verschlechtert. Zwar sitzen einige Risikokapitalgeber auf frisch gefüllten Fonds, die sie in den kommenden zwei bis drei Jahren ausgeben müssen. Erst im Juni hatte beispielsweise der halbstaatliche Frühphaseninvestor High-Tech Gründerfonds mit Sitz in Bonn einen neuen Topf mit über 400 Millionen Euro geschlossen. In Köln ist mit dem Xdeck-Fonds in diesem Jahr noch ein neuer Kapitalgeber an den Start gegangen, der bereits die ersten Beteiligungen abgeschlossen hat.

Dennoch dominiert aktuell die Unsicherheit. Und sorgt dafür, dass einige Gründer entweder deutlich schlechtere Bewertungen für ihr Start-up akzeptieren müssen oder aktuell keine Angebote von Investoren erhalten. Die Finanzierungsfrage sei „unverändert ein Schuh, der drückt bei den Gründern“, sagte Florian Nöll, der sich bei der Beratungsgesellschaft PwC um Start-up-Themen kümmert. „Es ist zu beobachten, dass sich die Situation in diesen Wochen zuspitzt“. Viele Start-ups reagieren bereits jetzt: Sie versuchen, schneller als geplant Umsätze zu machen. Und sie reduzieren ihre Ausgaben – einige Berliner Start-ups wie der Lieferdienst Gorillas oder das Präsentations-Software-Start-up Pitch kündigten bereits größere Entlassungsrunden an.

Gründer wählen grün

Zu den alternativen Finanzierungswegen gehören nicht nur eigene Ersparnisse oder öffentliche Fördergelder, sondern auch öffentliche Aufträge. Doch laut des Deutschen Start-up-Monitors machten die befragten Gründer weniger als fünf Prozent ihrer Umsätze mit Behörden oder anderen staatlichen Einrichtungen. Dabei könnten solche Verträge gewissermaßen eine „staatliche Förderung zum Nulltarif“ sein, argumentierte Teubert. Der öffentliche Dienst erhält Zugang zu digitalen Lösungen, die Gründer an dringend benötigte Einnahmen. Doch komplizierte Vergaberegeln schrecken viele Start-ups ab.

Auch die diesjährige Befragung zeigt: Die Wunschliste der deutschen Start-ups an die Politik ist lang. Ganz vorne stehen für viele Gründer bessere Möglichkeiten, um ihre Mitarbeiter am Start-up zu beteiligen – und sie so motivieren und halten zu können. In der aktuellen Situation gibt es Hürden bei der Steuerbelastung, die dieses Instrument für viele junge Unternehmen und deren Mitarbeiter unattraktiv machen. Die Hoffnungen ruhen insbesondere auf Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP). Der hatte im Sommer mögliche Eckpunkte im sogenannten „Zukunftsfinanzierungsgesetz“ umrissen.

Dabei wählen Gründer mittlerweile Grün: 50 Prozent der Befragten gaben dieser Partei in einer „Sonntagsfrage“ im Start-up-Monitor ihre Stimme. Auf Platz zwei folgt die FDP mit gut 26 Prozent, die CDU/CSU schafft es noch auf zehn Prozent in der Gründergunst, die SPD auf knapp sechs Prozent.

Fachkräftemangel erreicht Start-ups

Je größer ihr Unternehmen, desto stärker nehmen Gründer den Fachkräftemangel als eine ernstzunehmende Bedrohung wahr, der das Start-up-Wachstum ausbremst. Mittlerweile sieht jeder dritte Teilnehmer dieses Thema als Herausforderung an – der Wert hat sich innerhalb von nur zwei Jahren verdoppelt. Als einen Ausweg fordern die Start-ups laut Monitor auch vereinfachte Visum-Verfahren für Start-up-Mitarbeiter und potenzielle Gründer.

Etwas Bewegung gibt es beim Frauenanteil in der Start-up-Szene. In der aktuellen Befragung steigt dieser Wert auf knapp über 20 Prozent. Zur statistischen Wahrheit gehört jedoch auch: Immer noch werden knapp zwei Drittel aller Start-ups von Männern oder Männer-Teams gegründet. Trotz bundesweiter und regionaler Bemühungen. In NRW hat sich beispielsweise die Branchenvertretung NRWalley mit einem rein weiblichen Vorstand dieses Thema auf die Fahnen geschrieben. Die schwarz-grüne Landesregierung hat das Problem ebenfalls erkannt: „Gründen muss für Frauen genauso selbstverständlich sein wie für Männer“, heißt es im Koalitionsvertrag aus dem vergangenen Jahr.

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