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Start-ups sollen NRW zum Circular Valley machen

Mega-Trend Kreislaufwirtschaft : Start-ups sollen NRW zum Circular Valley machen

Eine neue Stiftung aus Wuppertal will NRW zum Zentrum der Kreislaufwirtschaft machen. Unternehmen wie Bayer, Evonik oder Vorwerk sind bereits dabei. Ein neues Programm lockt auch internationale Start-ups mit genialen Ideen in die Region.

Carsten Gerhardt hat 2019 im Urlaub ein Foto auf Baltrum gemacht. Das Bild zeigt einen großen Metallkorb, der auf der Nordseeinsel in den Dünen steht. Er ist gefüllt mit Müll aus dem Meer: Plastikflaschen, Kanister, Netze. „Alles, was wir ins Meer werfen, kommt irgendwann zurück“, sagt der Unternehmensberater aus Wuppertal. Und irgendwann hat er sich gefragt: „Wir haben ein riesiges Abfallproblem, das künftig eher größer wird als kleiner. Wie kann es sein, dass es dafür keinen Hotspot gibt, an dem an Lösungen gearbeitet wird so wie es das Silicon Valley bei der Plattform-Ökonomie ist oder Boston beim Thema Biotech?“

Gemeinsam mit Mitstreitern will Carsten Gerhardt dafür sorgen, dass dieses Zentrum in Nordrhein-Westfalen entsteht. Von Wuppertal aus arbeiten Ehrenamtliche an der Entstehung des Circular Valley, einem Zentrum für die Kreislaufwirtschaft, bei der Produkte und Materialien möglichst lange genutzt, repariert oder recycelt werden, so dass nur noch ein Minimum an Abfall entsteht. Allein in der Europäischen Union fallen jährlich mehr als 2,5 Milliarden Tonnen Müll an – größtenteils im Baugewerbe und dem Bergbau. Auch die Politik setzt daher stärker auf eine Abkehr von der Wegwerfgesellschaft, um die eigenen Klimaziele zu erreichen und unabhängiger von knappen Ressourcen zu werden.

Die Circular Valley Stiftung will ein Netzwerk aufbauen

Carsten Gerhardt und seine Mitstreiter haben im Mai 2021 die Circular Valley Stiftung gegründet. Die Stiftung soll eine Art Netzwerk werden, bei dem Industrie, Wissenschaft und Start-ups das Thema Kreislaufwirtschaft vorantreiben. So soll in den kommenden Jahren von Münster bis Koblenz und Lippstadt bis Aachen eine Art neue industrielle Revolution entstehen, die für Innovationen, Arbeitsplätze und Wohlstand sorgt. „Das Circular Valley soll internationale Strahlkraft haben“, sagt Carsten Gerhardt.

Im Juni startet dazu auch ein neuer Start-up-Accelerator in Wuppertal, ein viermonatiges Programm, bei dem junge Unternehmen aus der ganzen Welt an Ideen zur Kreislaufwirtschaft arbeiten können. Die ersten 15 Kandidaten wurden nun ausgewählt. Dazu zählen Unternehmen wie Plastic Fischer aus Köln, das sich auf die Entfernung von Plastik aus Flüssen spezialisiert hat, oder Pika Diapers aus Israel, das sich einem der größten Probleme beim privaten Hausmüll widmet: Windeln. Das Start-up entwickelt eine Maschine samt dazu gehöriger Windeln, die darin gereinigt und somit wiederverwendet werden können. „Wir hatten sogar Bewerbungen aus China, dem Libanon oder der Türkei für unseren Accelerator.“

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Bayer, Evonik oder auch Vorwerk machen bereits mit

Aufgrund der Corona-Pandemie kann das Programm zunächst nur virtuell stattfinden, künftig sollen die Start-ups aber für vier Monate nach Wuppertal kommen und dort an ihrem Projekten arbeiten. Die Räumlichkeiten hat das Familienunternehmen Vorwerk in seinem Werk im Stadtteil Laaken bereitgestellt. Bei einer Pressekonferenz des Unternehmens stellte der persönlich haftende Gesellschafter Reiner Strecker auch ein persönliches Engagement bei Circular Valley in Aussicht. Auch eine Vielzahl anderer Unternehmen unterstützt die Stiftung bereits – von den Großkonzernen Bayer oder Evonik über den Kalkhersteller Lhoist bis zur in der Automobil-Branche tätige Kirchhoff-Gruppe. Selbst das Weltwirtschaftsforum hat sich bereits neben einer Vielzahl von Hochschulen und Forschungseinrichtungen beteiligt. „Wir haben ein Stück weit von der Corona-Pandemie profitiert, denn die knapp 50 Partnerunternehmen hätten wir natürlich niemals in so kurzer Zeit gewinnen können, wenn wir überall persönlich hätten erscheinen müssen“, sagt Carsten Gerhardt.

Die Stiftung plant bereits weitere Acceleratoren in NRW, zum Beispiel in Duisburg, Köln oder dem Rheinischen Revier. „Es geht nicht darum, alles in Wuppertal anzusiedeln“, sagt Gerhardt und vergleicht es mit den Ursprung der Stiftung. Dieser liegt in einer lokalen Bürgerinitiative, die vor Jahren eine alte Bahntrasse als beliebten Fahrrad- und Spazierweg umgebaut hat. „Wir wollen das nutzen, was da ist“, sagt Carsten Gerhardt. Nur, dass man beim Circular Valley größer denken will: „Wir haben mit der Wuppertalbewegung zwei Radwege und einen Bürgerpark gemacht – jetzt wollen wir mehr.“

Risikokapitalgeber setzen auf das Thema Nachhaltigkeit

Mit dem Thema Kreislaufwirtschaft setzen die Macher dabei auf einen Trend, der in den kommenden Jahren noch deutlich stärker werden dürfte – und bei dem sich in NRW nicht nur in Wuppertal einiges tut. Bereits im vergangenen Jahr hatte der frühere Chef des Hightech-Gründerfonds, Michael Brandkamp, in Bonn Europas größten Risikokapitalfonds für die Kreislaufwirtschaft aufgelegt. Bis zu 250 Millionen Euro will das Team mit dem European Circular Bioeconomy Fund in Start-ups investieren. Zu den Investoren zählen unter anderem der Lebensmittelkonzern Nestlé, die landeseigene Förderbank NRW.Bank und die Dortmunder Versicherung Volkswohl Bund. „Digitalisierung ist wichtig, aber das next big thing ist die Kreislaufwirtschaft“, hatte Michael Brandkamp damals gesagt. Sobald die Corona-Pandemie vorbei ist, ist Brandkamp überzeugt, werde der Klimawandel wieder die wichtigste Rolle für die Sicherung der Zukunft spielen. In Wuppertal sieht man das ganz ähnlich.