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Sind Start-up-Hilfen vom Bund ein Rettungsprogramm für Millionäre?

Land und Bund wollen Gründern helfen : Sind die Start-up-Hilfen ein Rettungsprogramm für Millionäre?

Die Bundesregierung und das Land NRW wollen mit verschiedenen Hilfsprogrammen die Start-up-Szene ganz gezielt stützen. Die Maßnahmen sorgen auch für Kritik. Zurecht? Eine Analyse.

Seinen größten Erfolg als Lobbyist kommentierte Christian Miele mit vier Emojis statt großen Worten: Beim Kurznachrichtendienst Twitter kommentierte er die Ankündigung der Bundesregierung, zwei Milliarden Euro für die Rettung der Start-up-Szene in der Corona-Krise bereitzustellen, mit vier Symbolbildern eines angespannten Bizeps.

Der Branchen-Experte und Geschäftsführer des Essener Start-ups Maschinensucher, Sven Schmidt, sah die Sache etwas anders. Im Podcast des „Manager Magazins“ kritisierte er: „Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass da Millionäre nach Staatshilfe schreien.“ Die Vorschläge des Verbands, die von der Politik nun größtenteils umgesetzt werden, hält er für falsch, das Verhalten einiger Akteure in der Branche sei vielmehr „asozial“.

Trotzdem wollen der Bund und das Land NRW mit viel Geld versuchen, die Start-up-Szene zu retten. Ihr Ziel scheint es zu sein, die Vitalität der noch vergleichsweise jungen deutschen Start-up-Szene unbedingt zu erhalten. Das ist einerseits nachvollziehbar. Andererseits sagten zunächst auch Experten wie Alexander Kritikos, Leiter der Forschungsgruppe Entrepreneurship beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dass die bestehenden staatlichen Hilfsinstrumente wie das Kurzarbeitergeld eigentlich auch für Start-ups ausreichen müssten.

Der Staat rettet nicht nur Start-ups, sondern auch Investoren

In der Branche und im Bund sah man das anders. Doch was würde ohne solche staatlichen Co-Finanzierungen passieren?

Ein Szenario: Damit die Start-ups im eigenen Portfolio überleben, schießen die Risikokapitalgeber (sofern möglich) Geld aus dem eigenen Fonds nach. Dieses fehlt ihnen dann natürlich in späteren Finanzierungsrunden. Start-ups müssten also schneller auf eigenen Beinen stehen und sich aus dem eigenen Geschäft finanzieren – oder frisches Kapital von anderen Investoren aufnehmen, die dann die Anteile der Alt-Gesellschafter verwässern könnten. Der Risikokapitalgeber hätte dann zwar das Start-up gerettet, sein Investment würde aber nicht mehr die Rendite erbringen, die er braucht, um seine eigenen Investoren zu erfreuen. Das ist natürlich nicht im Interesse der Risikokapitalgeber.

Claas Heise, Leiter des Risikokapital-Geschäfts der landeseigenen Förderbank NRW.Bank, verteidigt die Venture Capitalisten (VCs) jedoch: „Der Vorwurf, jeder VC sei Millionär, ist unberechtigt. Viele Fonds sind noch sehr jung, ich weiß von vielen Fondsmanagern, die Klimmzüge machen, um ihren Anteil beim eigenen Fonds finanzieren zu können“, sagt er. Aus seiner Sicht gibt es noch ein weiteres Problem, wenn der Staat nicht helfen würde: „Wenn Anteilseigner nicht mehr mitfinanzieren können und neue einsteigen, läuft man schnell Gefahr, dass es Reibungsverluste gibt, weil die Interessen stark auseinanderlaufen können.“ Das wiederum wäre dann auch nicht mehr im Interesse der Start-ups, weil es Entscheidungen blockieren und Geschwindigkeit verringern könnte.

Ein Start-up-Sterben ist laut BVK nicht im Interesse der Volkswirtschaft

Ein anderes Szenario: Solange die Risikokapital-Gesellschaften noch Geld haben, investieren sie weiter in Start-ups. „Aber die Töpfe, die wir verwalten, sind endlich. Sollte es keine Hilfen geben, würden viele Fonds daher vermutlich ihre Gelder für die drei bis vier besten Start-ups in ihrem Portfolio nutzen“, sagt Regina Hodits, Managing Partner beim Münchner Risikokapitalgeber Wellington Partners und gleichzeitig Sprecherin des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Aus ihrer Sicht wäre es schlecht für die Volkswirtschaft, wenn viele weitere Start-ups in den Portfolios, die ebenfalls eine gute Chance gehabt hätten, verschwinden – samt den Arbeitsplätzen. „Hinzu kommt: Die Wahrscheinlichkeit, dass neue Investoren einsteigen, wenn die Alt-Investoren nicht mitgehen, ist deutlich geringer.“

Was sie meint: Andere Investoren könnten es als Misstrauensvotum gegen das eigene Start-up werten, wenn die Alt-Investoren sich lieber zurückhalten. Unklar ist, ob das auch in den Post-Corona-Zeiten gilt, wenn viele die gleichen Probleme haben? Denn das Verständnis für eine solche Entscheidung könnte ja auch angesichts der eigenen Erlebnisse in der Krise steigen, solange transparent ist, dass die Start-ups ihre jeweiligen geplanten Meilensteine erreicht haben.

„Wir müssen dafür sorgen, dass die VC-Landschaft erhalten bleibt“

Und ein drittes Szenario: Weil die Unsicherheit zu groß ist, ziehen sich gerade ausländische Risikokapitalgeber, die oft bei besonders großen Finanzierungsrunden aktiv sind, vorerst aus dem europäischen und damit auch deutschen Markt zurück. Deutsche Risikokapitalgeber investieren hingegen auch nicht mehr, weil sie das Risiko angesichts der ungewissen Lage nur sehr schwer einschätzen können. Gleichzeitig fallen die sogenannten Corporate VCs, also große Unternehmen, die Geld in Start-ups investieren, als weitere Finanziers aus, weil sie das Geld benötigen, um ihr Kerngeschäft zu stabilisieren.

Folge: Der Markt stagniert, die Start-ups gehen pleite oder können sich nicht schnell genug entwickeln. „Wir sind in Europa bei VC-Gesellschaften und VC-Kapital maximal im Mittelfeld – und das war auch schon vor der Corona-Krise so“, sagt Regina Hodits: „Wir müssen daher dafür sorgen, dass zumindest diese VC-Landschaft erhalten bleibt, denn die Start-ups brauchen ja kontinuierlich Geld.“

In NRW wurden die Hilfen für Start-ups bereits massiv ausgeweitet

Aus Sicht von Bundes- und NRW-Landesregierung ist keines dieser Szenarien wünschenswert. Daher arbeitet man auf Bundesebene momentan an Lösungen. Deswegen hat das Land gemeinsam mit der NRW.Bank bereits viele Hilfen auf den Weg gebracht. So soll ein viertes Szenario Realität werden, in dem die Szene in ihrer Breite weitestgehend überlebt und ihre Dynamik behält, auch wenn das bedeutet, nicht nur Start-ups, sondern auch Risikokapitalgeber zu retten.

In NRW wurden die Hilfen für Start-ups bereits massiv ausgeweitet, indem bestehende Instrumente angepasst wurden und man neue Hilfen bereitgestellt hat. „Normalerweise machen wir eine einstellige Zahl von Investments pro Jahr. Mit unserem Venture Fonds versuchen wir momentan aber, sehr vielen Start-ups schnell zu helfen“, sagt NRW.Bank-Manager Claas Heise. Die Zahl der Start-ups, die Geld von der Förderbank bekommen, dürfte in diesem Jahr daher deutlich steigen. „Wir können damit beispielsweise auch in Unternehmen investieren, wenn der Alt-Investor Schwierigkeiten hat“, sagt Heise: „Trotzdem ist wichtig, dass er immer auch mit eigenem Geld reingeht, denn typischerweise übernehmen wir bei so einem Investment die Hälfte der Summe, beihilferechtlich wären in manchen Fällen sogar bis zu 70 Prozent erlaubt.“

Ein Matching-Fund birgt für Kritiker die Gefahr der Rosinenpickerei

Ein solcher Matching-Fund, bei dem privates Geld beispielsweise mit Mitteln der staatlichen Förderbank Kfw kombiniert wird, soll auch auf Bundesebene entstehen – so wie es der Bundesverband Deutsche Start-ups gefordert hatte. Knapp zwei Milliarden Euro stellt die Bundesregierung für Programme bereit. So sollen staatliche Geldgeber künftig auch Fondsanteile von Altinvestoren übernehmen können, wenn diese in Schwierigkeiten geraten sind.

Start-up-Experte Sven Schmidt sieht dabei die Gefahr, dass Investoren Rosinenpickerei betreiben könnten, also die interessantesten Investments ohne staatliche Hilfe machen und sich für die anderen den Staat als Investor mit ins Boot holen. „Es werden Pferde, die tot sind, weiter geritten“, so seine Kritik. Jegliches Marktsystem würde außer Kraft gesetzt.

„Wir reden bei einem Matching-Fonds nicht von einem reinen Steuerzuschuss, sondern dass in bestehende Investitionen Geld fließt, das sich im Erfolgsfall auch für den Staat deutlich verzinst“, sagt Regina Hodits. Das Ziel sei schließlich, dass Geld zu vermehren.

Den Verantwortlichen auf Verbandsebene ist aber dennoch bewusst, welche Verantwortung damit einhergeht. Thomas Jarzombek, im Beauftragter für die Start-ups im Bundeswirtschaftsministerium, hatte der Szene mit auf den Weg gegeben „Das Steuergeld von Busfahrern und Krankenschwestern soll nicht dazu dienen, Firmen weitere drei Monate am Leben zu halten.“ Es müsse klar sein, so der CDU-Politiker, dass die Firmen nicht schon vor dem 1. März in Schwierigkeiten waren.

„Wir müssen uns als Start-up-Szene vorbildlich verhalten“

„Wir müssen uns als Start-up-Szene vorbildlich verhalten“, sekundierte Christian Miele, Chef des Bundesverbands Deutsche-Start-ups, zuletzt bei einer gemeinsamen Pressekonferenz. Und auch BVK-Vorstandssprecherin Regina Hodits sagt: „Nicht alle Start-ups werden es schaffen. Denn was wir nicht machen können ist, allen irgendwelche Zuschüsse zu geben.“ Man könne nicht alle erhalten. Umgekehrt werde es auch einige Start-ups geben, bei denen die klassischen Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld reichen würden. „Bei Deep-Tech-Firmen macht das Personal aber zum Beispiel weniger als die Hälfte der Betriebskosten aus“, so Hodits.

In der Tat wird es darauf ankommen, das System wieder stärker auf Effizienz zu trimmen. Denn in den vergangenen Jahren haben durch die Flut des billigen Geldes auch viele schwächelnde Start-ups noch Finanzierungsrunden abschließen können, was in Statistiken schön aussieht, aber nicht immer hilfreich ist. Die Krise könnte nun dafür sorgen, dass sich schneller die Spreu vom Weizen trennt, die schwachen Start-ups also ausscheiden, während die besonders kosteneffizienten und innovativen Unternehmen durchkommen. Voraussetzung dafür ist, dass die Risikokapitalgeber ehrlich mit dem eigenen Portfolio umgehen – und der Staat genau hinschaut, wofür er sein Geld bereitstellt.

Sollten Fonds-Manager weiter hohe Boni bekommen?

Ungeklärt ist allerdings noch, wie man mit dem Geld umgehen sollte, das die Fonds-Manager künftig mit staatlicher Hilfe verdienen werden. Denn üblicherweise bekommt die Venture-Capital-Gesellschaft jährlich eine Verwaltungsgebühr von ein paar Prozent des Fondsvolumens („Management Fee“) für ihre Arbeit. Hinzu kommt eine Gewinnbeteiligung von in der Regel 20 Prozent von dem mit dem Verkauf der Start-up-Anteile erzielten Überschuss („Carry“).

Aus Sicht von Sven Schmidt sollte der Staat verlangen, weder Management Fee noch Carry bezahlen zu müssen. Regina Hodits stimmt Schmidt in Teilen zu. Sie sagt: „Ich glaube nicht, dass man staatliche Gelder bei der Verwaltungsgebühr für das Management verrechnen sollte.“ Aber da gebe es ja auch bereits heute klare Regeln, zum Beispiel bei Investments durch den Europäischen Investitionsfonds. NRW.Bank-Manager Claas Heise warnt vor dem kompletten Verzicht: „Wir sind in Deutschland immer noch im Aufbau einer funktionierenden Venture-Szene. Es muss daher auch in Zukunft ein Interesse geben, dass dieses Modell funktioniert – und das funktioniert eben auch über finanzielle Anreize für die Fondsmanager.“

Wenn es so kommt, dürfte Schmidt nicht ganz unrecht haben mit seiner Einschätzung, dass da auch Millionäre gerettet werden. Aber vielleicht ist das auch einfach der Preis, den die Politik zu zahlen bereit ist, um die Start-up-Szene so weit wie möglich auf ihrem jetzigen Niveau zu erhalten.