1. Wirtschaft
  2. Unternehmen
  3. Start-ups

Schüttflix-Gründer Christian Hülsewig über Sophia Thomalla, Berlin und Sand als Geschäftsmodell

Interview mit Schüttflix-Gründer Christian Hülsewig : „Sehe mich nicht als Gründer, der in einer Berliner Altbauwohnung Life-Life-Balance macht“

Christian Hülsewig verrät, warum er sein Start-up Schüttflix lieber in Gütersloh statt in der deutschen Gründer-Hauptstadt Berlin aufbaut, wie man Sophia Thomalla als Markenbotschafterin gewonnen hat – und was der Verkauf von Spielekonsolen wie der Xbox mit Sand und Kies zu tun hat.

Christian Hülsewig und Thomas Hagedorn haben 2018 das Start-up Schüttflix gegründet. Über die Plattform kann man Sand, Kies und Schotter in handelsüblichen Mengen bestellen – wobei handelsüblich in diesem Fall schon mal eine Lkw-Ladung meint. Von Gütersloh aus arbeiten die beiden an dem Plan, die Schüttgut-Branche zu digitalisieren – und haben dabei mit Geschäftspartnerin Sophia Thomalla prominente Unterstützung.

Sie haben jahrelang beim Software-Riesen Microsoft in den USA gearbeitet. Wie kommt man da auf die Idee zu sagen: Ich zieh jetzt mal nach Ostwestfalen und mache ein Start-up für Schotter?

Hülsewig Das war persönliche Betroffenheit. Ich habe einen Bauernhof in Herford, auf dem ich mit meinem Bruder in den vergangenen Jahren ein paar Projekte gemacht habe: Hier mal die Einfahrt neu, da mal einen Spielplatz. Dafür haben wir immer wieder größere Mengen Sand benötigt – und dabei habe ich mich immer wieder über den Prozess geärgert.

Inwiefern?

Hülsewig Ein Beispiel: Wir haben drei Einfahrten zu unserem Hof. Ich habe bei der Bestellung jedes Mal genau beschrieben, in welche Einfahrt der Sand geliefert werden soll. Die Lieferungen kamen immer, wenn ich nicht da war. Und jedes Mal kam ich nach Hause und das Zeug lag an der falschen Stelle. Ich konnte machen, was ich wollte. Das hat mich dann immer den gesamten Vormittag gekostet, das alles umzuschichten. So etwas ist bei Baustellen an der Tagesordnung, in vielen Neubaugebieten gibt es ja zum Beispiel anfangs keine Hausnummern.

Also haben Sie ein Start-up gegründet, eine App programmiert und das Problem gelöst – muss man sich das so vorstellen?

Hülsewig Wir haben in die Schüttflix-App alles eingebaut, was ich mir immer gewünscht habe. Man kann den genauen Ablageort jetzt zum Beispiel mit einer Nadel in Google Maps markieren. Das sorgt dafür, dass die drei Tonnen Schotter für den Garten-Landschaftsbauer auch da ankommen, wo sie sollen, und schont nebenbei das Nervenkostüm. Außerdem erfahren die Kunden immer in Echtzeit den Preis frei Baustelle und können verschiedene Preise vergleichen. So seltsam das klingt: Das ist in der Branche bislang völlig unüblich gewesen. Da konnte man froh sein, wenn man am nächsten Tag ein Angebot bekommen hat.

Ich bin mir relativ sicher, dass sich andere Hobby-Handwerker auch schon mal über falsche Sand-Lieferungen geärgert haben. Die haben aber nicht gleich ein Unternehmen gegründet, um das zu ändern. Warum war das bei Ihnen anders?

Hülsewig Bei mir kommt einfach hinzu, dass ich seit Jahren im Logistikbereich unterwegs bin und gesehen habe, wie viel da passiert. Als Start-up gegen die Deutsche Post DHL anzutreten, ist extrem schwer. Wenn da jemand behauptet, er könne das alles besser, dann würde ich sagen: Das will ich erstmal sehen. Aber in unserem Bereich besetzen wir eine Nische. Da gibt es keinen anderen, der so etwas macht. Und wenn man einmal den Launch einer Xbox von Microsoft verantwortet hat, dann ist man mit dem Grundproblem ja längst vertraut. Am Ende geht es ja um die Frage, wann wo wie viel Ware sein muss.

Bei Schüttflix können Kunden Sand, Kies und Schotter bestellen. Wie kommt man da auf die Idee, ausgerechnet jemanden wie die Schauspielerin Sophia Thomalla als Markenbotschafterin anzuheuern?

Hülsewig Uns kannte am Anfang ja keiner – also mussten wir in die Köpfe der Menschen rein, damit sie ihr Verhalten ändern. Ich vergleiche das immer ganz gerne mit Netflix. Da muss man auch aktiv einschalten, statt einfach beim Fernsehen weiter zu zappen. Also hat Netflix eine eigene Taste für seinen Streaming-Dienst auf den Fernbedienungen von Samsung eingeführt. So einen Knopf haben wir im Bagger noch nicht. Also haben wir überlegt: Wie kommen wir auf der Baustelle an?

Die Kooperation hat für ziemlich viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Hülsewig Total. Toll an Sophia ist, dass die nicht nur in einem sozialen Netzwerk wie Instagram funktioniert. Die funktioniert crossmedial. Ein Beispiel: Bei uns wurde mal ein neun Meter langes Banner mit einem Foto von ihr geklaut – und abends war das schon ein zweieinhalb Minuten langer Beitrag bei RTL Exklusiv. Auch der Kalender mit ihr ist fantastisch angekommen.

Wie haben Sie Sophia Thomalla denn überzeugt?

Hülsewig Der Kontakt kam über meinen Geschäftspartner Thomas Hagedorn. Und dann haben wir ihr das Konzept einfach vorgestellt. Sophia ist ja ziemlich schnell in der Birne, die hat sofort kapiert, dass das eine super Chance ist.

Sie haben sie im Gegenzug auch am Unternehmen beteiligt. Laut Handelsregister hält sie knapp ein Prozent an Schüttflix.

Hülsewig Tatsache ist, sie hat deutlich mehr Anteile über unser Mitarbeiterbeteiligungsprogramm.

Wer stand denn noch auf Ihrer Liste als Testimonial? Fußballer?

Hülsewig Auf jeden Fall mehr Männer als Frauen. Wir hatten zum Beispiel an bekannte Gesichter von Dmax gedacht. Es gibt auch zum Beispiel so Bagger-Weltmeister.

Mit denen als Motiv hätte der Kalender wahrscheinlich weniger Anklang gefunden...

Hülsewig Wahrscheinlich.

Inzwischen haben Sie mit Speedinvest auch einen Risikokapitalgeber an Bord. Wieso sind Sie den Schritt gegangen?

Hülsewig Wir mussten nicht, wir wollten, da die Chemie mit Speedinvest einfach passt. Die können Industrie und verstehen Bau. Mein Gründungspartner Thomas Hagedorn und ich haben Schüttflix von Anfang auch als unser persönliches strategisches Investment betrachtet. Ich sehe mich einfach nicht als Start-up-Unternehmer, der sich von Investoren einen Haufen Geld besorgt, in Berlin in eine Altbauwohnung zieht und dann nur noch Life-Life-Balance macht. Aber umgekehrt ist auch klar: Wenn man eine Plattform erfolgreich aufbauen will, dann braucht man Geschwindigkeit, bevor ein anderer kommt. Fürs uns gibt es jetzt noch mehr Tempo.

Wie kommt Ihr Angebot denn in der Branche an, die Sie da gerade, wie es so schön heißt, disruptieren?

Hülsewig Die Branche ist einerseits extrem traditionell. Viele der Sandgruben findet man nicht mal eben so bei Google. Das sind in der Regel ja alles alte Bauernhöfe, die irgendwann festgestellt haben, dass sie eine Sandgrube unter ihrem Boden haben. Denen machen wir viel Freude, weil wir unsere Rechnungen immer sofort bezahlen. Das ist nicht üblich in der Branche. Umgekehrt gibt es auch Händler, die nicht mal eigene Fahrzeuge haben und nur davon leben, dass sie ein Telefon haben und die Preise kennen. Für die erhöht sich jetzt natürlich der Modernisierungsdruck.

Laut einer Umfrage des Bundesverbands Deutsche Start-ups sind viele junge Unternehmen in ihrer Existenz gefährdet. Wie geht’s Ihnen?

Hülsewig Wir hatten Glück, dass die Bauindustrie weiter funktioniert wie bisher. Das läuft alles sehr stabil weiter. Von Februar bis März hatten wir einen Außenumsatz von 500.000 Euro, im April waren es schon 800.000 Euro. Im Tiefbau ist die Situation eine andere als etwa in der Fleisch-Industrie – da sitzen die Jungs alleine in ihrem Bagger.

Profitieren Sie von Corona oder liegt es daran, dass Schüttgut ein Saisongeschäft ist?

Hülsewig Nee, das Projektgeschäft läuft einfach weiter, da gibt es keine Saison. Beim Garten-Landschaftsbau ist das natürlich anders. Die brauchen ab dem Frühjahr mehr Kies und Sand als im Winter. Der Markt ist so riesig, dass wir da gerade erst am Anfang sind. Bis Ende des Jahres wollen wir erstmal jede Baustelle in Deutschland beliefern können.

Können denn auch Hobby-Handwerker bei Ihnen bestellen, die sich genau wie Sie damals über den falsch abgelegten Sand ärgern?

Hülsewig Bislang nicht. Wir haben uns dagegen entschieden, die Do-it-yourself-Menschen zu beliefern. Momentan konzentrieren wir uns ganz auf die Unternehmen.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Kunden erinnern?

Hülsewig Na klar, das war ein Garten-Landschaftsbauer hier aus der Gegend. Der hat eine Wagenladung Hartkalkschotter bekommen. Das Bild hängt immer noch bei mir im Büro.