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Publicplan-Chef Christian Knebel über die Digitalisierung der Verwaltung

Interview mit Publicplan-Chef Christian Knebel : „Es fällt Beamten unheimlich schwer, wie ein Start-up zu denken“

Die Corona-Pandemie zeigt die Versäumnisse der Verwaltung bei der Digitalisierung gnadenlos aus. Christian Knebel kennt die Hürden im öffentlichen Dienst aus der täglichen Arbeit – und will dennoch über den Verband NRWalley mehr Start-ups dafür begeistern.

Mit Publicplan digitalisiert Christian Knebel die öffentliche Verwaltung. Das Düsseldorfer Unternehmen macht damit inzwischen knapp zehn Millionen Euro Umsatz und beschäftigt rund 80 Mitarbeiter. Für den Digitalverband NRWalley wird sich Knebel künftig ehrenamtlich um den Bereich Govtech kümmern – denn Start-ups sollten aus seiner Sicht bei der Digitalisierung der Verwaltung eine viel größere Rolle spielen. 

Viele Gesundheitsämter setzen auf eigene Software-Lösungen bei der Kontaktnachverfolgung und wollen die vom Bund vorgesehene zentrale Software Sormas nur über Schnittstellen einbinden. Damit müssten Start-ups beispielsweise Lösungen zur Kontakterfassung in der Gastronomie aufwendig einzeln anpassen, was zeitlich kaum zu leisten ist. Warum tut sich der Staat bei Digitalprojekten so schwer?

Knebel Der Staat erfüllt hoheitliche Aufgaben und hat daher natürlich auch einen hohen Qualitätsanspruch. Bei IT-Projekten braucht es hingegen eine andere Fehlerkultur, man verbessert Produkte permanent. Die Mitarbeiter in der IT ticken daher ganz anders als in Behörden. Es fällt Beamten unheimlich schwer, wie ein Start-up zu denken. Aber gerade Fälle wie die Digitalisierung der Gesundheitsämter zeigen natürlich, wie viel Potenzial es im Bereich Govtech gibt.

Welche Rolle können Start-ups dabei spielen, wenn das Sicherheitsbedürfnis bei Behörden so hoch ist?

Knebel Bis Ende 2022 sollen 575 öffentliche Verwaltungsleistungen für Bürger online zugänglich sein, beim letzten Konjunkturpaket hat die Bundesregierung drei Milliarden Euro zusätzlich für die Digitalisierung der Verwaltung bereitgestellt. Das können die großen Anbieter im Markt alleine gar nicht schaffen. Dadurch ergeben sich viele Chancen für Start-ups. Allerdings muss sich der Staat auch anpassen. Viele Ausschreibungen begünstigen aktuell große Firmen. Es läuft aktuell im Rahmen des Online-Zugangsgesetz in NRW eine Ausschreibung mit einem Wert von 200 Millionen Euro. Da hat man als Start-up keine Chance. Oft gibt es in den Verträgen auch Haftungsklauseln, die eher konzernfreundlich sind. Die Frage ist daher: Will der Staat mehr Innovation? Bislang habe ich das in der Praxis nicht gesehen.

Warum ist der Markt angesichts solcher Hürden aus Ihrer Sicht für Start-ups dennoch so relevant?

Knebel Der Markt ist allein schon aufgrund seiner Größe attraktiv. Gleichzeitig zahlt die öffentliche Verwaltung auch marktgerechte Tagessätze und Preise. Bislang ist der Markt jedoch kaum bekannt, weshalb in diesem Bereich auch die Innovationstreiber fehlen, die Dynamik in den Bereich bringen. Start-ups könnten diese Rolle übernehmen. Mit NRWalley wollen wir daher gezielt das Potenzial aufzeigen und über die Hürden aufklären, damit Start-ups wissen, worauf sie sich einlassen. Aus meiner Sicht ist Govtech mindestens so spannend wie die Hype-Themen Wasserstoff oder Künstliche Intelligenz.