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NRW-Start-ups bekommen kaum Geld von ausländischen Risikokapitalgebern

Berliner Start-ups bekommen fast 50 Mal so viel : Ausländische Risikokapitalgeber investieren kaum in NRW

Risikokapitalgeber aus dem Ausland investieren immer häufiger auch in deutsche Start-ups. NRW profitiert von dieser Entwicklung bislang jedoch kaum. Dafür gibt es Gründe – und einen Plan, wie sich das ändern soll.

Deutsche Start-ups bekommen immer mehr Geld von ausländischen Risikokapitalgebern – doch Nordrhein-Westfalen profitiert davon bislang deutlich weniger als andere Standorte. Das geht aus einer Auswertung des Datenanalyse-Dienstes Pitchbook hervor. US-Investoren beteiligten sich demnach 2020 beispielsweise in 150 Finanzierungsrunden mit einem Gesamtvolumen von vier Milliarden Euro an Start-ups, ein Jahr zuvor waren es nur 76 Runden mit einem Volumen von 784,3 Millionen Euro. Der Großteil dieser Gelder floss nach Berlin, München und Hamburg. In Düsseldorf investierten ausländische Risikokapitalgeber 2020 lediglich 75 Millionen Euro – zum Beispiel in den Ticketanbieter Vivenu.

Laut Pitchbook investieren deutsche Risikokapitalgeber vor allem in frühen Phasen der Gründung. Bei den späteren, deutlich größeren Summen, die zum Aufbau der Start-ups benötigt werden, fehlt ihnen dann die Finanzkraft, um in diesen Runden dabei zu sein. Diese Lücke wird dann häufig von asiatischen oder amerikanischen Investoren geschlossen. Das Problem: Je früher man in ein Start-up investiert, umso größer ist das Risiko, während man seinen Einsatz auch bei späteren Finanzierungsrunden noch vervielfachen kann. Ausländische Investoren profitieren dadurch überproportional stark.

Dies erklärt auch, warum NRW bisher kaum im Fokus ausländischer Risikokapitalgeber steht. Denn das Start-up-Ökosystem ist noch längst nicht so stark entwickelt wie in Berlin oder München. Viele Start-ups in NRW haben daher noch nicht den Reifegrad, um große Summen von ausländischen Kapitalgebern einzusammeln. Beispiele wie LeanIX aus Bonn zeigen jedoch, dass es auch aus NRW heraus gelingt, Investoren aus dem Ausland zu gewinnen. Bei dem Bonner Software-Start-up beteiligte sich im vergangenen Jahr unter anderem die US-Investment-Bank Goldman Sachs. Das Start-up wird seit der Finanzierungsrunde angeblich mit mehr als 400 Millionen Dollar bewertet.

Die Landesregierung plant aktuell ein Scale-up-Programm, um diese Entwicklung in der Breite zu beschleunigen. Ab dem ersten Quartal 2022 sollen dann regelmäßig Start-ups, die am Beginn einer rasanten Wachstumsphase stehen, unterstützt werden. Dabei geht es unter anderem um Unterstützung bei der Internationalisierung sowie darum, noch mehr Risikokapitalgeber vom Standort NRW zu überzeugen. Bislang werden Start-ups in NRW fast ausschließlich von deutschen Geldgebern finanziert  oft sogar mit staatlichem Kapital. Die aktivsten Investoren in NRW waren im vergangenen Jahr laut dem Analysedienst Startupdetector der halbstaatliche Hightech-Gründerfonds mit Sitz in Bonn und die landeseigene Förderbank NRW.Bank.

Positiv ist indes, dass NRW-Start-ups inzwischen immer aktiver den umgekehrten Weg gehen – und selbst stärker auf die Internationalisierung setzen. Welche Erfolge möglich sind, zeigte zuletzt das Solinger Software-Start-up Instana, das frühzeitig auf dem amerikanischen Markt aktiv war und 2020 für einen dreistelligen Millionenbetrag vom IT-Konzern IBM übernommen wurde. Zwischen Gründung und Verkauf lagen am Ende nur fünf Jahre.

Aktuell beschäftigen sich unter anderem die Start-ups Vivenu aus Düsseldorf und Troy aus Lippstadt mit dem US-Markt. Die beiden Unternehmen nehmen aktuell am German Accelerator teil, einem Programm des Bundeswirtschaftsministeriums. Dieses unterstützt Start-ups bei der Internationalisierung, indem es unter anderem Kontakte im Silicon Valley vermittelt. Das Programm wurde 2011 vom damaligen Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) ins Leben gerufen. Seit dem Start haben laut Angaben des German Accelerators allein aus NRW mehr als 50 Unternehmen an den Programmen teilgenommen – darunter beispielsweise Ubirch aus Köln, das zuletzt für Schlagzeilen sorgte, weil es den deutschen Impfausweis auf Blockchain-Basis entwickeln soll. Im vergangenen Jahr stammten zehn Prozent aller teilnehmenden Start-ups aus NRW. Auch in diesem Bereich dominierten Berlin (20 Prozent) bzw. Bayern (30 Prozent).

Diesmal ist Troy aus Lippstadt dabei. Philip Rürup will mit seinem Start-up die Inkasso-Branche verändern. Die Teilnahme am German Accelerator will er nutzen, um den Start in den USA vorzubereiten. „Ähnlich wie Europa sind die USA im Inkasso noch sehr traditionell unterwegs. Daher schätzen sowohl unsere Auftraggeber als auch Investoren unsere Erfolgsaussichten als sehr hoch ein“, sagt Rürup. Das Start-up plant allerdings nicht den Aufbau einer eigenen Gesellschaft in den USA, sondern will vor Ort mit Partnern arbeiten – denn andernfalls müsste man für jeden der mehr als 50 US-Staaten eine eigene Gesellschaft aufbauen, weil Inkasso in den USA auf Ebene der Bundesstaaten reguliert sei. Aus Sicht von Rürup ist es daher sogar ein Vorteil, dass das aktuelle Programm des German Accelerators aufgrund der Corona-Pandemie rein virtuell stattfinden muss: „Das spart eine Menge Zeit und ist besser für die Umwelt.“