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NRW plant Hilfsprogramme für Start-ups wegen Coronavirus

„Keine Idee soll verloren gehen“ : NRW plant Hilfsprogramme für Start-ups wegen Coronavirus

Bei vielen Start-ups ist der Umsatz eingebrochen, die Zukunft vieler Unternehmen ist in Gefahr. Gleichzeitig haben die Gründer aufgrund der Rahmenbedingungen kaum Chancen, an Gelder aus den staatlichen Hilfsprogrammen zu kommen. Doch jetzt gibt es erste Ideen.

Einhörner, also nicht börsennotierte Start-ups mit einer Milliarden-Bewertung, sind in Deutschland noch immer eine rare Spezies. Und sie sind momentan akut bedroht: Die Fernbusse von Flixbus stehen stil , der Einbruch des weltweiten Reisemarktes trifft auch den Erlebnis-Vermittler Getyourguide und bei Auto1 (“Wirkaufendeinauto.de“) bereitet man die Mitarbeiter offenbar bereits auf Kurzarbeit vor.

Die Start-up-Szene wird von den Verwerfungen in der Wirtschaft mit voller Wucht getroffen. „Viele in der Start-up-Szene, auch sehr erfolgreiche Unternehmen, kommen gerade in große Schwierigkeiten“, sagt Stefan Peukert, Gründer des Bochumer Start-ups Masterplan: „Die Umsätze brechen von heute auf morgen ein. Deshalb braucht es dringend Hilfe, sonst verlieren wir sehr viel Innovation in Deutschland. In den nächsten drei bis sechs Monaten geht es nicht um Wachstumsfinanzierungen, sondern darum, Unternehmen am Leben zu halten.“ Viele Start-ups leiden, nicht nur in NRW, sondern bundes- und weltweit. „Wir wissen, dass die kommenden Wochen und Monate unser Ökosystem um viele Jahre, vielleicht sogar um ein Jahrzehnt, zurückwerfen kann, wenn wir nicht schnell und substantiell handeln“, sagt daher Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutsche Start-ups.

Viele Risikokapitalgeber halten sich lieber mit neuen Investments zurück

Viele Start-ups sehen sich momentan mit einer ganzen Reihe von Problemen konfrontiert. Denn gerade im frühen Stadium brauchen Start-ups häufig regelmäßig zusätzliches Kapital, weil ihre Geschäftsmodelle noch nicht profitabel sind. Doch gerade in der jetztigen Situation, wo an den Märkten große Unsicherheit herrscht, halten sich viele Risikokapitalgeber lieber mit neuen Investments zurück – denn das Geld, was sie noch zur Verfügung haben könnten ja bald die Portfolio-Firmen benötigen, in die man bereits vor der Corona-Krise investiert hatte.

Die Online-Weiterbildungsplattform Masterplan hatte bislang laut Peukert Glück. Zwar hätten einige Unternehmen die Budgets eingefroren, gerade im produzierenden Gewerbe hätten jedoch auch Unternehmen sehr viele Lizenzen bei Masterplan dazugekauft, weil ihre Mitarbeiter gerade im Home-Office sind und so die Zeit nutzen könnten. „Wir haben Liquidität für mehrere Jahre, die Frage ist daher für uns eher, ob wir so schnell wachsen können wie geplant“, sagt Peukert, der jedoch auch sagt: „Diese Dynamik haben wir so noch nie erlebt.“

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Viele Start-ups kommen nicht an klassische Kredite

Das Problem aus Sicht der Branche: Viele wirtschaftliche Hilfen, die von der Bundesregierung kürzlich zur Stärkung der Wirtschaft vorgestellt wurden, gehen an den Bedürfnissen der Start-ups vorbei. „Peter Altmaier und Olaf Scholz fordern Start-ups quasi zur Insolvenzverschleppung auf und nötigen dafür den Gesellschaftern auch noch die private Haftung auf“, kritisiert Wolfgang Allmich den Wirtschafts- und Finanzminister. Allmich ist einer der Gründer des Wuppertaler Start-ups Tsorro, einer Plattform für die Vermittlung von sogenannten Interimmanagern, also Experten auf Zeit. Sein Start-up wurde erst 2018 gegründet, erwirtschaftete aber zuletzt nach eigenen Angaben schon Millionenumsätze. Doch gerade die Automobilindustrie, in der Tsorro besonders aktiv ist, leidet extrem unter dem Virus, temporäre Werksschließungen inklusive.

Was Allmich an den politischen Rahmenbedingungen kritisiert, bemängeln auch viele andere in der Branche. Ein Problem ist, dass viele Gründer für Kredite privat haften sollen – und das in einer Situation, wo die künftige Entwicklung kaum absehbar scheint, und keinem oder niedrigen Umsätzen gleichzeitig unter anderem Kosten für Gehälter oder Mieten gegenüberstehen. Scheitert die Firma, wäre auch die private Existenz des Gründers unmittelbar bedroht. Laut dem Bundesverband Deutsche Start-ups kommt hinzu, dass viele junge Unternehmen keine klassische kreditgebende Hausbank haben und oft auch nicht die Kriterien erfüllen, um Kredite zu bekommen. Damit seien sie von den angekündigten Maßnahmen, wie etwa Krediten der staatlichen Kfw-Bank ausgeschlossen, weil sie vorgegebene Kriterien wie eine positive Ertragslage oder bankübliche Garantien nicht erfüllen.

NRW will Gründerstipendium wegen Coronavirus ausweiten

Laut NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) laufen bereits Gespräche mit dem Bund, damit Start-ups einen Zuschuss bekommen können, der „unmittelbar hilft, die Liquidität zu sichern“. Darüber hinaus will das Land gemeinsam mit der landeseigenen Förderbank NRW.Bank Business Angels und Risikokapitalgeber unterstützen, weitere Finanzierungsrunden mit den Start-ups durchführen zu können. Dazu soll ein sogenannter „Matching-Fonds“ bereitgestellt werden, also ein Fonds, bei dem sich nicht nur die NRW.Bank, sondern auch andere Geldgeber beteiligen können. Die Auflage eines solchen Fonds für ganz Deutschland ist auch ein Vorschlag des Bundesverbands Deutsche Start-ups. Dabei würden Risikokapitalgeber entscheiden, ob sie weiter in ein Start-up investieren wollen, die Finanzierung würde dann beispielweise durch staatliche Mittel aufgestockt – der Staat würde praktisch zum Co-Investor. Der Verband hat zudem weitere Vorschläge erarbeitet, um auch Start-ups in späterne Phasen zu helfen.

In NRW denkt man auch darüber nach, die Laufzeit des Gründerstipendiums von aktuell zwölf auf 15 Monate auszuweiten. Mit dem Gründerstipendium werden Unternehmer in NRW in einem sehr frühen Stadium der Geschäftstätigkeit mit 1000 Euro im Monat unterstützt. „Uns soll keine Idee verloren gehen“, sagte Pinkwart.

Start-ups versuchen, ihre Geschäftsmodelle anzupassen

Umgekehrt arbeiten viele Start-ups gleichzeitig daran, ihr Geschäftsmodell anzupassen, so dass sie auch in der Corona-Krise weiter Geschäfte machen können. So wie das Artnight. Das Unternehmen bietet in verschiedenen Städten wie Düsseldorf oder Köln Events an, bei denen Menschen gemeinsam malen können. Durch das Coronavirus mussten 1500 Veranstaltungen bis Mitte April abgesagt werden. „Das ist ein harter Einschnitt für uns als Start-up, aber wir versuchen jetzt das Beste daraus zu machen“, sagt Gründerin Aimee-Sarah Carstensen. Als klar war, dass die Auswirkungen durch das Virus größer sein würden als zunächst gedacht, überlegte sich das Team einen Notfallplan. „Wir haben das Team aufgeteilt. Die eine Hälfte hat sich um die Absagen gekümmert, die andere Hälfte hat ein neues Geschäftsmodell aus dem Boden gestampft“, sagt Carstensen: „Wir bieten jetzt Malsetzs und Online-Tutorials an, die wir seit ein paar Tagen drehen – natürlich mit ausreichend Abstand zwischen unseren Mitarbeitern.“ Am Wochenende soll das Angebot bereits online gehen, in der kommenden Woche sollen auch noch Online-Live-Formate dazu kommen.

„Uns bleibt nicht viel Zeit“

Die Not macht erfinderisch. Und gleichzeitig hilft sich die Gründerszene bei vielen Problemen auch gegenseitig. „Der Austausch zwischen den Start-ups ist phänomenal“, sagt Masterplan-Gründer Peukert. Dennoch hofft auch er auf staatliche Unterstützung für die Branche: „Wichtig ist die Geschwindigkeit, weil bei einigen Unternehmen der Umsatz auf Null fällt. Die können nicht drei bis vier Monate auf umständliche Förderverfahren warten.“ Ähnlich sieht das Verbandschef Christian Miele: „Uns bleibt nicht viel Zeit.“