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Legaler Bankraub? Wie die Start-up-Szene um Milliarden-Hilfen kämpft

Unstimmigkeiten zwischen Wirtschafts- und Finanzministerium : Legaler Bankraub? Wie die Start-up-Szene um Milliarden-Hilfen kämpft

Am 1. April hat die Bundesregierung ein Zwei-Milliarden-Hilfspaket für Start-ups angekündigt. Bis heute gibt es jedoch keine Lösung. Denn während die Start-up-Lobby Druck macht, warnen selbst viele aus der Branche vor den Vorschlägen.

Der sonst so nüchterne Olaf Scholz wählte martialische Worte: „Es ist die Bazooka“, sagte der Bundesfinanzminister über das Rettungspaket, mit dem die Regierung der Wirtschaft praktisch unbegrenzte Hilfen in der Corona-Krise in Aussicht stellte. Seitdem spielen Nachkommastellen keine Rolle mehr, überall geht es um Milliarden-Summen – für Selbstständige, für Unternehmen, für die Pandemiebekämpfung und für Schutzausrüstung.

Nur die Start-up-Branche wartet noch immer auf ein maßgeschneidertes Hilfsprogramm, obwohl Scholz und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auch hier bereits schnelle Unterstützung versprochen hatten. Zwei Milliarden Euro hatten die beiden am 1. April in Aussicht gestellt. Doch seitdem hakt es. „Unsere junge Start-up-Szene wird verbluten, wenn wir nicht handeln“, schrieb der Präsident des Bundesverbandes Deutsche Start-ups, Christian Miele, zuletzt beim Kurznachrichtendienst Twitter in ähnlich martialischen Worten wie Scholz: „Wenn es stimmt, dass im Hintergrund gerangelt wird, nachdem lautstarke Rettungsschirme verkündet wurden, dann ist das grobe Fahrlässigkeit.“

Die Maßnahmen des Bundesverbands Deutsche Start-ups sind umstritten

Doch genau das ist es nicht. Denn die Maßnahmen, die vom Bundesverband vorgeschlagen und von der Politik aufgegriffen wurden, sind alles andere als unumstritten. Der Start-up-Experte Sven Schmidt nennt die Pläne des Bundesverbands „einen Versuch des legalen Bankraubs“. Und Risikokapitalgeber räumen in Gesprächen offen ein, dass die Pläne des Start-up-Verbands primär eine Hilfe für VCs (Kurzform für Venture Capitalist, das englische Wort für Risikokapitalgeber) seien, während Start-ups, die bislang ohne solches Wagniskapital ausgekommen sind, kaum profitieren. Viele befürchten, dass die Hilfen vom Staat dazu genutzt werden könnten, um die Gelder von Investoren zu schützen – obwohl in den Worten Wagnis- oder Risikokapital die Gefahr eines Scheiterns ja immanent ist.

Der Bundesverband hat einen Vier-Stufen-Plan vorgeschlagen, um Start-ups zu helfen. Umstritten ist dabei speziell das sogenannte Matching, bei dem private Investments mit staatlichem Geld co-finanziert werden sollen, etwa über die KfW. NRW ermöglicht diese Co-Investments bereits über die landeseigene Förderbank NRW.Bank, wobei die Bank theoretisch bis zu 70 Prozent des Investments übernehmen könnte. Das Problem ist: Für Investoren besteht dadurch der Anreiz, besonders gute Investments ohne staatliche Hilfen abzuschließen, bei weniger guten jedoch NRW.Bank oder KfW mit ins Boot zu holen, um das eigene Risiko zu minimieren.

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„Wir wollen die Start-ups schützen, nicht die Risikokapitalgeber“

Diese Gefahr ist auch Christian Miele bewusst, im Hauptberuf selbst Investor beim Risikokapitalgeber Eventures: „Wir müssen uns als Start-up-Szene vorbildlich verhalten.“ Und Klaus Hommels, mit Lakestar einer der größten europäischen VCs und ebenfalls wichtiger Ansprechpartner für die Politik, sagte im „Handelsblatt“: „Wir wollen die Start-ups schützen, nicht die Risikokapitalgeber.“ Auch er wirbt in Gesprächen mit der Politik für eine Matching-Lösung.

In der Schweiz, wo auch Hommels mit Lakestar seinen Sitz hat, hat man sich hingegen für einen anderen Weg entschieden. In dieser Woche beschloss der Bundesrat, dass Kredite für Start-ups bis zu 100 Prozent vom Staat verbürgt werden können. Dabei würde der Bund für 65 Prozent und die jeweiligen Kantone für bis zu 35 Prozent der Summe bürgen. So könnten auch Start-ups an Bankkredite kommen, die ihnen momentan aufgrund des unsicheren Geschäftsmodells nicht gewährt würden. Bis zum 30. April sollen die Regelungen umgesetzt werden.

In der Schweiz wäre der deutsche Plan kaum vermittelbar

Peter Stähli, Geschäftsführer der Swiss Entrepreneurs Foundation, einer Stiftung, die für die Förderung von Start-ups ins Leben gerufen wurde, hatte früh für Brückenfinanzierungen geworben, um die Schweizer Start-up-Szene durch die Krise zu bringen – ein Instrument, das VCs aus seiner Sicht nicht so gerne sehen würden. Diese sähen es eher kritisch, wenn Finanzierungsrunden dazu genutzt werden müssten, um alte Darlehen abzutragen. „Die wollen immer gerne ausschließlich in die Zukunft investieren“, sagt Stähli. Die Kredit-Lösung würde daher bei VCs ein Umdenken erfordern.

Auch in Deutschland wurde die Idee von Brückenkrediten diskutiert – auch mit dem Bundesfinanzministerium. Der Bundesverband Deutsche Start-ups präferierte jedoch die Matching-Variante. In der Schweiz, ist Peter Stähli überzeugt, hätte diese Lösung keine Chance gehabt: „Den Eigenkapital-Ansatz eines Matching-Fonds halte ich für schwierig durchzusetzen in der Schweiz. Der Kontrollmechanismus ist sehr anspruchsvoll, weil ja in der Architektur dafür gesorgt werden muss, dass Missbrauch schwierig wird.“ Wenn der Aufwand aber zu groß sei, könne man bei großer Nachfrage nicht schnell handeln. „Wir brauchen daher einfache Instrumente.“ Ein Matching-System funktioniere aufgrund des Kontrollaufwands eher in normalen Zeiten, ist Stähli überzeugt.

Im Bundesfinanzministerium gibt es offenbar Bedenken

Aus Sicht von Sven Schmidt müsste es in jedem Fall klare Regeln geben. So sollten sich staatliche Investoren unter anderem maximal mit 50 Prozent an Investitionen beteiligen dürfen, die Summe sollte zudem jeweils auf fünf Millionen Euro pro Firma begrenzt sein. Um die adverse Selektion zu vermeiden, sollte das Matching zudem für alle Finanzierungsrunden des VCs gelten – oder für keine.

Auch im Bundesfinanzministerium klingt man inzwischen deutlich verhaltener als am 1. April. Damals sprach Finanzminister Olaf Scholz davon, dass man Start-ups jetzt schnell helfen wolle. Nun heißt es auf Anfrage lediglich: „An der Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen wird derzeit gearbeitet.“ Eine Sprecherin sagte, alle Maßnahmen würden unmittelbar auf Start-ups abzielen, die coronabedingt in Finanzierungsschwierigkeiten geraten seien, nicht auf Intermediäre, womit die VCs gemeint sein dürften. Hilfen sollten zudem nur gewährt werden, wenn ein solides Geschäftsmodell existiere. „Es gelten also die gleichen Kriterien wie bei den Hilfsmaßnahmen für andere Unternehmen“, so die Sprecherin.

Was vernünftig klingt, stellt die Start-up-Branche vor einige Schwierigkeiten – denn viele Geschäftsmodelle sind ja auch deshalb auf Risikokapital angewiesen, weil eben nicht klar ist, ob ihre Geschäftsmodelle am Ende aufgehen oder nicht. Ein großer Teil der Gründungen scheitert, Investoren kalkulieren solche Verluste daher ein in der Hoffnung, dass umgekehrt ein bis zwei ihrer Investments dafür überproportional gut laufen.

Wann es zu einer Lösung kommt, ist momentan unklar. Zwischen Wirtschafts- und Finanzministerium scheint es noch einigen Gesprächsbedarf zu geben.