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IBM will Solinger Start-up Instana kaufen

Mega-Exit in NRW : IBM will Solinger Start-up Instana kaufen

Mit den Produkten des Start-ups Instana können Unternehmen ihre IT-Systeme überwachen. Das weckte auch das Interesse des US-Tech-Giganten. Dabei hatte Instana-Chef Mirko Novakovic zwischenzeitlich eigentlich ganz andere Pläne.

Monatelang hat Mirko Novakovic mit Managern des amerikanischen Tech-Konzerns IBM über eine Übernahme verhandelt – doch die Hand geschüttelt haben sich die Verantwortlichen nie. Nicht mal die Unterschrift unter dem Vertrag hat der Chef des Solinger Start-ups Instana physisch ausgeführt. „Vom ersten Kontakt bis zum Vertragsabschluss lief alles virtuell. Man kennt sich jetzt, hat sich aber nie persönlich kennengelernt“, sagt Novakovic.

So ist das eben in Corona-Zeiten – selbst wenn man eines der größten Geschäfte der Start-up-Geschichte in NRW abschließt. Der US-Tech-Konzern IBM hat angekündigt, das Solinger Software-Start-up übernehmen zu wollen. Details zum Kaufpreis wurden nicht genannt, IBM wollte sich auf Anfrage ebenso wenig dazu äußern wie Gründer Novakovic. Doch angesichts der bisherigen Entwicklung von Instana, das erst 2015 gegründet wurde und seitdem umgerechnet rund 50 Millionen Euro von Risikokapitalgebern einsammeln konnte, dürfte eine Summe zwischen 300 und 500 Millionen Euro realistisch sein. „Das Thema künstliche Intelligenz wird den Software-Markt der kommenden zehn Jahre mitbestimmen – und in diesem Bereich ist IBM neben Amazon und Google eines der führenden Unternehmen. Es reizt mich daher total, in diesem Bereich tiefe Einblicke zu bekommen und mitzugestalten“, sagt Mirko Novakovic.

„Ich habe zwischen 50 und 100 Risikokapitalgeber angesprochen“

Instana ist ein Technologie-Unternehmen, dessen Software dabei hilft, Systeme automatisch zu kontrollieren und auf Fehler zu überprüfen, was sich neudeutsch Application Performance Management nennt. Die Software von Instana liefert zum Beispiel auch konkrete Informationen darüber, wie IT-Probleme behoben werden können. So können beispielsweise Onlinehändler mit Hilfe der Software die Stabilität ihrer Seiten überwachen. Angebote wie das von Instana werden immer wichtiger, weil die Komplexität der Systeme immer weiter zunimmt.

2015 hat Novakovic das Start-up Instana gemeinsam mit Pete Abrams, Fabian Lange und Pavlo Baron gegründet und seitdem in rasanter Geschwindigkeit aufgebaut. Zuvor hatte er bereits großen Erfolg mit seinem ersten Unternehmen Codecentric. „Ich habe am Anfang zwischen 50 und 100 Risikokapitalgeber angesprochen und unsere Idee vorgestellt“, erinnert sich Novakovic an die Anfänge von Instana: „Ich war ja ein erfolgreicher Unternehmer, bei Codecentric arbeiteten damals schon 500 Leute – doch vor den Investoren fängt man plötzlich wieder bei Null an.“

„Das ist eine große Erfolgsgeschichte für NRW“

Als ersten Investor neben seiner eigenen Firma Codecentric konnte Novakovic Target Partners aus München gewinnen. Später kam unter anderem mit Accel Partners einer der weltweit bekanntesten Risikokapitalgeber hinzu. Um das Wachstum weiter voranzutreiben, hätte Instana normalerweise in diesem Jahr eine weitere Finanzierungsrunde abschließen müssen. „Wir Start-ups sind ja ein Stück weit wie Drogenabhängige, die immer den nächsten Schuss brauchen“, sagt Novakovic selbstkritisch. Doch wer in der digitalen Welt bestehen will, muss mitspielen – denn sonst sind andere schneller. Erste Gespräche mit potentiellen Investoren liefen daher bereits. Dann kam das Angebot von IBM.

Am Gründungsstandort Solingen ist die Freude groß. „Solingen hat lange mit den Arbeitsplatzverlusten in seinen traditionellen Industrien kämpfen müssen“, sagt Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach: „Wir brauchen diese Gründer, die zeigen, dass unsere Stadt auch für die Dynamik der Digitalisierung stehen kann und dass moderne IT-Firmen hier ein Umfeld finden, in dem sie erfolgreich sein können.“ Auch Michael Münnix, Partner bei Target Partners, sagt: „Das ist eine große Erfolgsgeschichte für den Technologie-Standort NRW.“

Mehr als 70 Prozent der Umsätze macht Instana in den USA

Doch Instana ist umgekehrt auch ein Beispiel dafür, dass sich deutsche IT-Unternehmen frühzeitig um den amerikanischen Markt kümmern müssen, wenn sie Erfolg haben wollen. Mehr als 70 Prozent des Umsatzes macht Instana inzwischen in den USA. Das Gründerteam hat Instana daher schon früh auch in den USA als Unternehmen aufgebaut, die deutsche Gesellschaft ist heute eine 100-prozentige Tochter von Instana Inc. aus Redwood City, einer rund 80.000 Einwohner großen Stadt im Silicon Valley. Der Hauptsitz wiederum ist in Chicago, wo Finanzchef Jason Heine lebt. In Solingen arbeiten weiterhin etwa 50 bis 60 der insgesamt rund 200 Mitarbeiter.

In das Tech-Mekka Silicon Valley zog es auch Novakovic mit seiner Familie zwischenzeitlich. Doch nach nur wenigen Monaten brach er den Aufenthalt ab und kehrte nach Solingen zurück. „In San Francisco wurde alles geschlossen aufgrund der Corona-Pandemie“, erinnert sich Novakovic: „Strände, Parks, wir saßen mit unseren Kindern quasi im Appartement fest. Das war irgendwann nicht mehr so lustig.“

Instana musste während der Corona-Krise sparen

Denn angesichts der horrenden Preise in der Stadt habe man als Gründer auch einen ganz anderen Lebensstandard als in Deutschland. „Das sind schon enorme Kosten“, sagt Novakovic: „Es gibt dort Leute, die im Van auf dem Parkplatz schlafen, obwohl sie als Entwickler 300.000 Dollar verdienen.“

Viele Menschen würden in den USA von einem Monatsgehalt zum nächsten leben, sagt Novakovic. Das habe einige Entscheidungen, die er in der Hochphase der Krise treffen musste, umso schwerer gemacht. Denn auch Instana musste Angestellte entlassen, nachdem das Geschäft zunächst einbrach. „Eine Mitarbeiterin hatte Brustkrebs. Sie hat trotz Chemotherapie weitergearbeitet, weil sie Angst hatte, dass sie entlassen würde und dadurch ihre Krankenversicherung verliert“, sagt Novakovic: „Wir wussten das erst gar nicht.“ Die Mitarbeiterin durfte bleiben – und inzwischen hat sich auch die Situation des Unternehmens wieder gebessert.

Generell soll Instana zunächst eigenständig bleiben. Laut Novakovic werde erst im kommenden Jahr entschieden, ob und wenn ja wie das Start-up in den US-Tech-Konzern integriert wird. Der Firmenchef ist jedenfalls überzeugt, genau den richtigen Partner gefunden zu haben, um seine Gründung weiterzuentwickeln: „Das Thema künstliche Intelligenz wird den Software-Markt der kommenden zehn Jahre mitbestimmen – und in diesem Bereich ist IBM neben Amazon und Google eines der führenden Unternehmen. Es reizt mich daher total, in diesem Bereich tiefe Einblicke zu bekommen und mitzugestalten.“