Gründer geben Münster gute Noten als Start-up-Standort

Umfrage unter Start-ups : Was Gründer an Münster mögen – und was nicht

Für eine Unternehmensberatung sollte Thomas Baaken die Attraktivität von Großstädten wie Tel Aviv, Stockholm und Berlin für Gründer untersuchen. Doch der Professor ging noch einen Schritt weiter und befragte auch Start-ups in Münster – mit überraschendem Ergebnis.

Eigentlich hatte Thomas Baaken nur den Auftrag, die Zufriedenheit von Gründern in 17 europäischen Hauptstädten und der israelischen Großstadt Tel Aviv zu messen. Doch dann dachte sich der Professor der Fachhochschule Münster: „Warum sollte man dieselben Fragen nicht auch mal Start-ups aus Münster stellen? Dann hätten wir eine Standortbestimmung.“ Baaken wusste, dass es natürlich nicht ganz fair ist, eine Stadt wie Münster mit den großen Metropolen in Europa zu vergleichen, aber darum ging es ihm auch nicht. „Ich dachte mir einfach, dass man so überhaupt mal ein paar Ergebnisse hätte, mit denen man arbeiten kann um sich zu verbessern. So weiß man, wo man steht“, so der Forscher.

Erstaunlichste Erkenntnis: Münster landet im Vergleich mit den europäischen Hauptstädten zwar erwartungsgemäß auf dem letzten Platz bei der Frage, welche Bedeutung die Stadt als „Place-to-be“ für Start-ups im Allgemeinen hat. Doch während Städte wie Tel Aviv, Amsterdam und Stockholm Bestnoten bekommen, ist der Rückstand auf eine Stadt wie Rom nur minimal.

Alarmierend aus Sicht der Kommune ist allerdings eine andere Zahl: 20 Prozent. Jeder fünfte befragte Gründer erwägt demnach einen Umzug mit seinem Start-up, etwa nach Berlin, Hamburg, Kopenhagen oder in die USA.

Für die nicht repräsentative Umfrage, die Baaken ursprünglich mit seinem „Science-to-Business Marketing Research Centre“ für die Unternehmensberatung PwC durchgeführt hatte, hatte sein Team jeweils 30 Interviews mit Vertretern von Start-ups geführt. Voraussetzung war, dass die Gründung dieser Unternehmen nach 2010 lag und das Geschäftsmodell wissensbasiert ist. „Diesen Maßstab haben wir auch in Münster angelegt, weshalb ein Start-up wie etwa Flaschenpost nicht befragt wurde“, sagt Baaken. Der Getränke-Lieferdienst ist das öffentlich wohl bekannteste Start-up aus Münster, das Geschäftsmodell ist mit vielen Wasser- und Bierkisten allerdings eher physisch als wissensbasiert.

Ein Großteil der befragten Start-ups in Münster ist im Bereich IT und Software tätig (52 Prozent), im Gegensatz dazu gibt es vergleichsweise wenig Online-Marktplätze und E-Commerce-Anbieter (sechs Prozent). Auch Start-ups im Bereich Medien sind rar gesät (drei Prozent).

Positiv ist, dass besonders bei den jungen Gründern zwischen 18 und 24 Jahren viele durch Lehrveranstaltungen und die Hochschulen motiviert werden zu gründen, während bei älteren Gründern er persönliche Kontakte bzw. Start-up-Netzwerke entscheidend sind. Dieses Potenzial der Universitätsstadt soll in Zukunft auch noch stärker genutzt werden. Münster ist eine von sechs Universitätsstädten in NRW, in denen ein sogenanntes „Exzellenz Start-up-Center.NRW“ angesiedelt wird. Die Landesregierung fördert diese mit insgesamt 150 Millionen Euro fünf Jahre lang mit dem Ziel, mehr Ausgründungen aus Hochschulen zu erreichen. „Auch dadurch wird sich auf jeden Fall Vieles positiv weiter entwickeln“, ist Baaken überzeugt.

Denn natürlich gibt es auch Bereiche, in denen die Stadt deutliches Verbesserungspotenzial hat. Während die befragten Gründer vergleichsweise zufrieden sind mit der Nähe zu Hochschul- und Forschungseinrichtungen, dem Zugang zu Start-up-Netzwerken und dem Vorhandensein von Bürofläche, gibt es eher schlechte Noten für den Zugang zu Finanzierung, der Summe an Messen und Veranstaltungen und der Bürokratie in der Stadt. Zu viel Bürokratie, zu viele Verordnungen und Vorschriften – das ist ein Vorwurf, den man nicht nur in Münster hört. „Bürokratische Hürden sind ein bundesweites Problem für Gründer“, sagt eine Sprecherin der Stadt. Auch den Vorwurf, es gebe zu wenig Veranstaltungen, will sie so nicht stehen lassen. Herausragend im Angebot sei beispielsweise die alljährliche Gründungswoche Münster an fünf Tagen im November.

Dennoch: Um für die Gründer noch attraktiver zu werden, empfehlen der Professor und sein Team, noch mehr Start-up-Events in der Stadt anzubieten und diese auch besser zu kommunizieren. Außerdem sollten auch in Studiengängen mehr IT- und Digital-Kenntnisse vermittelt werden. Der Austausch zwischen Schulen, Hochschulen und Start-ups sollte außerdem verbessert werden. „Ich finde, wir sind in Münster eigentlich auf einem ganz guten Weg, aber es ist eben noch Luft nach oben“, sagt Baaken.

Viel interessanter wäre daher eigentlich auch eine ganz andere Frage: Wie steht Münster im Vergleich zu anderen Städten in NRW oder Deutschland da? „So eine Studie wäre sicher für viele interessant; jeder will ja wissen, wo man stadtspezifisch ansetzen kann und muss“, sagt Baaken: „Aber jemand müsste sie auch finanzieren.“

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