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Gisbert Rühl war Klöckner-CEO und investiert jetzt in Start-ups

Ex-Klöckner-Manager Gisbert Rühl : Vom Vorstandschef zum Start-up-Investor

Mehr als 30 Jahre lang hat Gisbert Rühl für die Ruhr-Industrie gearbeitet, zuletzt als Vorstandschef des Stahlhändlers Klöckner. Im Frühjahr legte er das Amt nieder. Doch anstatt durchgehend Golf zu spielen, verfolgt er lieber andere Pläne.

Es gibt mehr als 20 Jahre alte Fotos von Gisbert Rühl, die ihn mit diesem Schreibtisch zeigen: große Arbeitsplatte, dunkel lackiertes Holz, klare Linien, kein Schnickschnack. Der Schreibtisch ist ein Relikt aus der alten Welt, in der das Ruhrgebiet noch aus Kohle und Stahl bestand. Rühl hat an diesem Tisch gearbeitet, als er Ende der 1990er Jahre als Vorstand beim traditionsreichen Maschinenbauer Babcock anfing, einst Gründungsmitglied des Aktienindizes Dax. Er hat ihn mitgenommen, als er von Oberhausen nach Duisburg wechselte, zu Klöckner & Co., jenem mehr als 100 Jahre alten Stahlhändler, den er ab 2009 mehr als ein Jahrzehnt lang leiten sollte. Und nun steht er in Essen, in einem Büro an der „Rü“, wie sie hier die zentrale Ausgehmeile der Stadt, die Rüttenscheider Straße, liebevoll nennen.

Der Schreibtisch und sein Besitzer haben eine lange Reise hinter sich. Doch während der Tisch in all den Jahren der gleiche blieb, hat sein Besitzer eine interessante Entwicklung durchgemacht. Gisbert Rühl, der jahrelang eines der bekanntesten Gesichter der alten Ruhr-Wirtschaft war, hat sich nach seinem Abschied bei Klöckner im Mai gegen eine Karriere als Multi-Aufsichtsrat entschieden, wie sie andere Ex-Manager in seinem Alter anstreben. Rühl ist 62 Jahre alt. Doch er sagt: „Ich wollte nach meinem Ausscheiden bei Klöckner unbedingt unternehmerisch tätig sein. In irgendwelchen Gremien einfacher Aufsichtsrat zu sein, hätte mir nicht gereicht.“

Mit Chepstow Capital investiert Gisbert Rühl in Start-ups

Also hat sich Rühl ein Büro auf der „Rü“ gemietet und investiert in Start-ups. „Chepstow Capital“ heißt seine Investment-Gesellschaft, benannt nach der Straße Chepstow Villas im Londoner Staddteil Notting Hill, in der Rühl eine Wohnung hat. Der frühere Manager hat die Gesellschaft schon 2016 gegründet, doch nach seinem Ausscheiden bei Klöckner kann er sich Vollzeit darum kümmern. „Bisher habe ich in etwa 15 Venture-Capital-Fonds investiert“, sagt Gisbert Rühl bei einem Treffen in seinem Büro in Essen: „Seit meinem Ausscheiden bei Klöckner konzentriere ich mich aber als aktiver Investor auf direkte Investments, aktuell sind es bereits ebenfalls rund 15.“

50.000 bis 300.000 Euro investiert er nach eigenen Angaben in der Regel in Start-ups wie den Online-Bauteile-Fertiger Kreatize aus Berlin. Und im September brachte er GFJ Acquisition I SE an die Frankfurter Börse. 150 Millionen Euro konnten Rühl und seine Partner von Investoren für ihren Spac einsammeln, um damit nun eine andere Firma mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit zu übernehmen. Rühl setzt damit auf einen Trend, der die Börse in diesem Jahr erfasst hat. Denn mit einem Spac, der Kurzform für Special Purpose Aquisition Company, wird eine Firmenhülle an die Börse gebracht, die dann ein anderes Unternehmen aufkauft und so durch die Hintertür an die Börse bringt. Erfahrungen in diesem Segment konnte Rühl bereits als Aufsichtsratsvorsitzender eines Spacs gesammelt, der den Düsseldorfer Tonieboxen-Erfinder Boxine als „Tonies SE“ an die Börse brachte.

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Als Klöckner-Chef transformierte er den Stahlhändler

Es gibt wenige Manager der sogenannten „alten“ Welt, die so tief in die Start-up-Szene abgetaucht sind wie Rühl, dem man in Gesprächen anmerkt, wie sehr ihn Gründungen und Technologie auch persönlich begeistern. Er habe sein Geld eine Zeitlang auch über geschlossene Fonds investiert, die damit beispielsweise Farmland im US-Bundesstaat Mississippi erwarben, erzählt Rühl: „Da war die Rendite ganz ok, aber wirklich weiter bringt es einen im Leben nicht. Bei meinen Investments in Venture-Capital-Fonds habe ich hingegen unheimlich viel Neues gelernt.“

Schon als Klöckner-Chef hat er das Unternehmen einer digitalen Transformation unterzogen. Bei einer Reise ins Silicon Valley vor knapp zehn Jahren hatte Rühl gesehen, mit welchem Tempo sich Märkte verändern können. Nach seiner Rückkehr gründete er mit Klöckner.i eine Art hausinternes Start-up, das den Stahlhandel digitalisieren und eine Plattform aufbauen sollte, frei nach dem Motto: Lieber greifen wir uns selber an als von anderen ersetzt zu werden.

„Es hat gedauert, bis sich die Erfolge gezeigt haben“

Die Ambitionen waren groß, die Erfolge zunächst klein. „Es hat gedauert, bis sich die Erfolge der Digitalisierung bei Klöckner gezeigt haben“, räumt Rühl ein, der in den Jahren auch immer wieder Sparprogramme mit Personalabbau verantworten musste: „Es hat auch länger gedauert, als ich gedacht habe.“ Doch inzwischen werden die Ergebnisse sichtbarer. Bei seiner letzten Bilanz-Pressekonferenz als Klöckner-Vorstandschef konnte der studierte Wirtschaftsingenieur das beste Quartalsergebnis der vergangenen zwölf Jahre präsentieren. Inzwischen wird fast die Hälfte des Konzernumsatzes digital erzielt.

Eine Vision langfristig zu verfolgen, während Investoren gleichzeitig auf Quartalsergebnisse schauen – das kostet Kraft. Doch die Erfahrungen helfen Rühl nun auch bei seinen Investments in Start-ups. Denn auch da ist oft Geduld gefragt, bis sich Erfolge zeigen. „Wenn mir ein Gründer vom Exit erzählt, dann bin ich nicht mehr interessiert. Gründer sollen einen Traum haben – und nicht nur daran denken, schnellstmöglich Kasse zu machen“, sagt Rühl, der gleichzeitig offen zugibt: „Die ersten Investments, die ich gemacht habe, liefen nicht so gut. Man muss eine Lernkurve durchlaufen. Es ist schließlich gar nicht so leicht, ein Start-up vor allem in einer sehr frühen Phase richtig einzuschätzen.“

Gisbert Rühl kommt mit beiden Welten gut aus

Seit mehr als einem halben Jahr ist Rühl inzwischen raus aus der Konzernwelt. Auf eine Auszeit vor dem Start ins neue Leben hat er verzichtet. „Am Mittwoch war die letzte Aufsichtsratssitzung, donnerstags war dann ein Feiertag, und am Freitag saß ich schon hier alleine in meinem neuen Büro“, sagt Rühl. Dort warteten sein alter Schreibtisch – und eine Reihe ungewohnter Aufgaben. Der langjährige Vorstandschef, der mehr als 30 Jahre eine Assistentin hatte, musste plötzlich den Kalender selbst führen und Flüge buchen. So schwer sei das nicht, sagt Rühl und lacht. Inzwischen hat er dennoch wieder eine Assistentin eingestellt – und trotz Arbeit in der Start-up-Szene streift er auch weiterhin Anzüge über. Rühl hat nicht mit seinem alten Leben gebrochen, im Gegenteil: „Ich treffe mich auch immer noch hin und wieder mit Dax-Chefs. Ich genieße es, mit beiden Welten gut auszukommen.“