Fünf Lehren für NRW aus dem EY-Start-up-Barometer

EY-Start-up-Barometer : Wo die NRW-Gründerszene stark ist – und wo nicht

Noch nie zuvor haben Start-ups in Deutschland so viel Geld von Investoren bekommen wie 2019. Auch in NRW stiegen die Zahlen. Doch der Abstand zur Spitze hat sich weiter vergrößert. Fünf Lehren aus dem EY-Start-up-Barometer.

Die gute Nachricht vorab: Es geht weiter bergauf. Noch nie zuvor haben Start-ups in Deutschland so viel Geld von Investoren bekommen: 6,2 Milliarden Euro waren es im 2019 laut des Start-up-Barometers der Unternehmensberatung EY – 36 Prozent mehr als im Vorjahr. „Top-Start-ups hatten im vergangenen Jahr erneut kaum Probleme, an frisches Kapital zu kommen“, sagt Peter Lennartz, Partner bei EY.

Auch NRW konnte von der Entwicklung profitieren. Im vergangenen Jahr flossen zehn Prozent mehr Risikokapital nach NRW als 2018. Allerdings: Der Abstand zur Spitze hat sich gleichzeitig deutlich vergrößert. Fünf Lehren aus dem Start-up-Barometer:

1. In keinem der fünf wichtigsten Gründerländer steigen die Investitionen so rasant an wie in NRW

Vergleicht man die Zahlen aus der ersten Erhebung von EY im Jahr 2014 mit den aktuellen, sieht man schnell, wie groß der Abstand von Ländern wie NRW, Baden-Württemberg und Hamburg auf die beiden wichtigsten Gründerregionen Bayern (also insbesondere München) und Berlin inzwischen ist (siehe Grafik).

Allerdings: Vergleicht man das prozentuale Wachstum, ergibt sich ein anderes Bild. In keinem anderen der, gemessen an den Investitionen, fünf wichtigsten Gründerländer steigt der Zufluss an Risikokapital so rasant an. Während die Summen in Berlin, Bayern und Hamburg zwischen 2014 und 2019 um jeweils mehr als 300 Prozent zugelegt haben, kommt Baden-Württemberg nur auf ein Wachstum von 31 Prozent. In NRW stiegen die Investitionen in Start-ups im selben Zeitraum hingegen um 425 Prozent.

2. NRW fehlen die großen Finanzierungsrunden

Viele Start-ups haben es im vergangenen Jahr mit großen Finanzierungsrunden in die Schlagzeilen geschafft: Die Reiseerlebnis-Plattform Getyourguide sammelte 428 Millionen Euro ein, das Münchner Start-up Flixmobility (“Flixbus“) sogar 500 Millionen Euro. Von den zwanzig größten Investitionsrunden gingen laut EY-Start-up-Barometer im vergangenen Jahr 13 an Unternehmen mit Sitz in Berlin, vier gingen an Münchner Unternehmen. In Berlin machen allein die drei größten Finanzierungsrunden knapp ein Drittel des gesamten Risikokapitals aus, das in die Hauptstadt fließt.

NRW fehlen bislang solche Schwergewichte, die auch mal Summen im mittleren dreistelligen Millionen-Bereich einsammeln. Die Gründe sind vielfältig. Einerseits gibt es in NRW einige Start-ups, die sich bei guter Entwicklung in diese Bereichen hineinarbeiten könnten – viele vielversprechende Start-ups sind hier schlicht noch zu jung. Andererseits ist NRW auch noch nicht so stark im Fokus internationaler Investoren, die für den Großteil des Geldes bei solchen Finanzierungsrunden sorgen. Und, auch das gehört zur Wahrheit: München und Berlin haben sich zu Zentren der Gründerszene entwickelt, viele Talente zieht es dort hin – und auch viele Start-ups werden direkt dort gegründet. NRW muss es daher noch besser gelingen, gute Ideen im Land zu halten oder ins Land zu locken.

3. NRW punktet speziell in den Bereichen Gesundheit und Handel

Egal welchen Bereich man sich anschaut, von Mobilität über Fintech bis hin zu Gesundheit, überall dominieren Start-ups aus Bayern und Berlin. Aber: Es gibt Bereiche, in denen NRW-Start-ups deutlich besser abschneiden als in anderen.

Zunächst ist jedoch erstaunlich, wo NRW nicht gut abschneidet: Bei Start-ups im Bereich Mobilität. Eigentlich müssten die sich im bevölkerungsreichsten Bundesland besonders wohl fühlen, können sie viele Lösungen doch direkt vor der eigenen Haustür testen. Doch im Bereich Mobilität finden NRW Start-ups laut EY-Barometer bislang praktisch nicht statt. Dafür kann NRW in den Bereichen Gesundheit und Online-Handel punkten.

Es wird interessant zu beobachten sein, inwiefern die Exzellenz-Start-up-Center daran etwas ändern. Die Landesregierung fördert mit vielen Millionen Euro die Universitäten in Paderborn, Köln, Münster, Bochum, Dortmund und Aachen, damit diese mehr Gründer hervorbringen. Speziell in Aachen oder Dortmund (Stichwort: Logistik) könnten interessante Gründungen im Bereich Mobilität entstehen.

4. NRW braucht mehr Start-ups und mehr Risikokapital

In keinem anderen Bundesland leben so viele Menschen wie in NRW, nämlich knapp 18 Millionen. Allein statistisch müsste es daher deutlich mehr gute Ideen in NRW geben als in Berlin (knapp vier Millionen) oder Hamburg (knapp zwei Millionen).

Bislang liegt NRW aber deutlich hinter Berlin und Bayern, wenn es um die Frage geht, wie viele Start-ups im jeweiligen Bundesland eine Finanzierung erhalten haben.

Allerdings: Auch hier gibt es eine positive Entwicklung. Im Vergleich zur Erhebung von EY aus dem Jahr 2014 hat sich die Zahl der Start-ups in NRW beinahe vervierfacht und ist damit deutlich schneller gewachsen als in Berlin oder Bayern. Und auch die Finanzierungsmöglichkeiten werden in NRW immer besser. So legt die landeseigene Förderbank NRW.Bank gemeinsam mit Partnern inzwischen regionale Fonds auf, um damit in Start-ups investieren. Und auch große nationale Risikokapitalgeber nehmen die Region stärker in den Blick.

5. NRW muss noch stärker das eigene Potenzial nutzen

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart hat bereits im vergangenen Jahr das Ziel ausgerufen, das Risikokapital in NRW bis 2022 auf 500 Millionen Euro praktisch zu verdoppeln. Schreibt man die Entwicklung von 2018 bis 2019 fort, so ergibt sich bei einem jährlichen Zuwachs von 10,3 Prozent an Risikokapital lediglich eine Summe von rund 360 Millionen Euro. Ob es wirklich so kommt, ist natürlich sehr spekulativ – eine große Finanzierungsrunde wie bei Getyourguide würde reichen, um diese Zahlen ad absurdum zu führen.

Matthi Bolte-Richter, digitalpolitischer Sprecher der Grünen im NRW-Landtag, sagt aber trotzdem: „Wir fordern, dass Minister Pinkwart das Start-up-Ökosystem stärker dabei unterstützt, einen nachhaltigen Zugang zu internationalen Investoren aufzubauen.“ Zudem müsse Pinkwart die Unternehmen stärker für die Vorteile von Kooperationen mit und Investitionen in Start-ups sensibilisieren.

Die Kritik an der Landesregierung gehört natürlich dazu, wenn man sich in der Opposition befindet, und natürlich weiß auch Bolte-Richter, dass Investoren am Ende in gute Ideen investieren und nicht bloß, weil ein Landesminister ein paar Gespräche führt. Dennoch trifft er einen wunden Punkt – denn tatsächlich könnten sich gerade die traditionellen Unternehmen in NRW und die vielen vermögenden Familienunternehmer noch stärker vor Ort engagieren. Auch aus Eigeninteresse, wenn sie nicht irgendwann selbst Opfer der Digitalisierung werden wollen.