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Flaschenpost-Chef Stephen Weich geht ein Jahr nach Oetker-Deal

Getränke-Lieferdienst : Flaschenpost-Chef geht ein Jahr nach Oetker-Deal

Stephen Weich hat den Getränke-Lieferdienst seit der Gründung vor fünf Jahren mit aufgebaut und das Unternehmen aus Münster in kurzer Zeit groß gemacht. Unumstritten war er aber nicht.

Der Getränke-Lieferdienst Flaschenpost verliert knapp ein Jahr nach der Übernahme durch die Oetker-Gruppe seinen Vorstandschef. Im Karrierenetzwerk Linkedin kündigte Stephen Weich seinen Abschied zum Jahresende an. Er wolle sich mehr Zeit für private Themen nehmen und nach neuen beruflichen Herausforderungen suchen, schrieb Weich am Montag in einem Beitrag. Flaschenpost hingegen soll in Zukunft von einer Doppelspitze geleitet werden: Niklas Plath, bislang im Vorstand zuständig für das operative Geschäft, und Marketingchef Christopher Huesmann sollen Flaschenpost ab dem 1. Januar 2022 als gleichberechtigte Co-CEOs führen.

Der Getränkelieferdienst Flaschenpost ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Ende 2020 wurde das Start-up aus Münster von der Bielefelder Oetker-Gruppe für angeblich rund 800 Millionen Euro übernommen und mit der eigenen Tochter Durstexpress verschmolzen. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen nach eigenen Angaben rund 14.000 Mitarbeiter und liefert Getränke in 180 Städten aus. Seit dem Sommer werden an einigen Standorten zudem auch Lebensmittel geliefert.

Gegründet wurde Flaschenpost 2014 von Dieter Büchl, der den Betrieb jedoch schon nach wenigen Monaten wieder einstellte, weil er von der Masse an Kundenanfragen überschwemmt wurde. 2016 erfolgte der Neustart mit besserem Konzept, adäquater Logistik – und mit Stephen Weich, der sich um die Finanzen kümmern sollte.

Weich, der in Wickede im Kreis Soest geboren ist, hatte nach seinem Studium an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster einige Jahre als Berater für Roland Berger gearbeitet, kehrte dann jedoch nach Münster zurück, um dort am Institut für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung zu promovieren, bevor er dann parallel zu seiner Doktorarbeit als Finanzchef bei dem jungen Start-up Flaschenpost anheuerte.

Dort überzeugte der junge Finanzexperte schnell im Amt, in Investorenkreisen traute man ihm zu, das rasante Wachstum des Unternehmens zu managen. Und so übernahm er bereits drei Jahre später nach der Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft als Vorstandschef die Leitung, während Gründer Dieter Büchl in den Aufsichtsrat wechselte.

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Flaschenpost ist seitdem weiter rasant gewachsen, machte dabei aber auch immer hohe Verluste. Allein 2019 betrug das Minus rund 70 Millionen Euro – bei einem Umsatz von rund 95 Millionen Euro. Neuer Zahlen sind öffentlich nicht einsehbar. Die Entwicklung im aktuellen Geschäftsjahr, heißt es auf Anfrage beim neuen Eigentümer Oetker-Gruppe, werde man voraussichtlich im Juni 2022 bekanntgeben. Darüber hinaus will sich das Unternehmen nicht zum Abgang von Stephen Weich äußern.

Der Einstieg der Oetker-Gruppe hat Weich jedenfalls reich gemacht: Er und seine Vorstandskollegen, die heute vom Unternehmen als Mitgründer von Flaschenpost bezeichnet werden, sollen am Verkauf laut „Manager Magazin“ bis zu 100 Millionen Euro verdienen, je nach geschäftlicher Entwicklung. Sein Vermögen nutzt Stephen Weich, um andere Start-ups zu finanzieren, etwa das Start-up Echometer aus Münster.

Bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sieht man das Wirken des scheidenden Vorstandschefs hingegen ambivalent. „Im persönlichen Umgang war Stephen Weich immer sehr angenehm, den Umgang mit den Beschäftigten haben wir hingegen an vielen Stellen kritisch gesehen. Da wurde immer mit sehr harten Bandagen gekämpft“, sagt Piet Meyer von NGG, der unter anderem die Umwandlung von Flaschenpost in eine Aktiengesellschaft begleitete. Flaschenpost wurde in den vergangenen Jahren immer wieder vorgeworfen, die Gründung von Betriebsräten verhindern zu wollen – und dabei auch vor der Kündigung von unliebsamen Mitarbeitern nicht zurückzuschrecken. Als Vorstandschef trug Stephen Weich für dieses Vorgehen letztlich die Verantwortung. Piet Meyer sagt daher auch: „Flaschenpost erfüllt viele Stereotype von Start-ups – es gibt eine Duz-Kultur und gefühlt auch flache Hierarchien. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man eben sehr schnell, dass die Realität anders ist.“