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„Circular Valley“ in Wuppertal: Grüne Gründer präsentierten sich.

Grüner Umbau : „Circular Valley“ in Wuppertal: Neues Know-how für die Kreislaufwirtschaft

Recycling, Chemie, Software: Viele Start-ups arbeitendaran, Rohstoffe effizienter einzusetzen – oder gar zu ersetzen. 16 Teams aus der ganzen Welt durchliefen in Wuppertal ein ambitioniertes Trainingsprogramm, um sich fit zu machen für den Markt. Jetzt präsentierten sie ihre Arbeit auf großer Bühne.

Das Programm in Wuppertal ist vorbei – doch Prateek Mahalwar kann sich gut vorstellen, wieder wiederzukommen. Mit seinem Start-up Bioweg ist der Biologe, der bei Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard promoviert hat, in den vergangenen Wochen in das „Circular Valley“ eingetaucht. Eine Initiative, die sich bemüht, weltweit junge Technologiefirmen mit der zukunftsträchtigen Mission der Kreislaufwirtschaft voranzubringen. Bioweg sucht nach natürlichen Alternativen zu sogenannten Mikroperlen, die beispielsweise Duschgels schäumen lassen – aber deren Plastikrückstände sich in Gewässern und menschlichen Körpern wiederfinden. Mahalwar und sein Team tüfteln aktuell in Quakenbrück daran, die gleichen Eigenschaften aus einem Abfallprodukt der Zuckerproduktion zu generieren.

Gerade erst hat Bioweg eine millionenschwere EU-Förderung erhalten. Und die nächstgrößere Fertigungsanlage des Start-ups könnte laut Mahalwar durchaus in Wuppertal oder Umgebung entstehen. Eine von vielen kleinen Erfolgen, die das Accelerator-Programm „Circular Valley“ in den vergangenen Wochen hervorgebracht hat. Jetzt am 3. März präsentierten die 16 internationalen Start-ups in der Historischen Stadthalle Wuppertal beim „Demo Day“ ihre Konzepte vor gut 300 Gästen, darunter zahlreiche Unternehmensvertreter und Politiker. Über vier Monate hatten sie sich zuvor virtuell und vor Ort ausgetauscht, hatten Tipps für Strategie und Vertrieb erhalten und passende Partner in der Region aufgesucht.

Bedeutung der Kreislaufwirtschaft nimmt zu

Die Pitches vor großer Kulisse erlaubten nun einen konkreten Einblick in ein großes Thema. Die sogenannte Kreislaufwirtschaft gewinnt global an Bedeutung. Immer stärker setzt sich die Erkenntnis durch, dass schonender mit Ressourcen umgegangen werden muss – oder sie gar ganz ersetzt werden. Mit neuer Technologie oder neuen Materialien sollen so aus Wertschöpfungsketten künftig geschlossene Systeme werden, in denen viel Material wiederverwertet werden kann. Verbraucher sind bereit, für solche Produkte höhere Preise zu bezahlen. Und Unternehmen werden auch durch neue Gesetze dazu gebracht, sich intensiv mit neuen Lösungen auseinanderzusetzen.

Es gehe darum „Wirtschaft nicht linear zu denken, sondern zirkulär“, sagte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP), der die Schirmherrschaft für das „Circular Valley“ übernommen hat, bei der Veranstaltung.  „So können sich unternehmen nicht nur neue Märkte erschließen, sondern sich auch unabhängiger von der Volatilität der Rohstoffpreise machen“. Das ambitionierte Programm, das im vergangenen Jahr von Unternehmensberater Carsten Gerhardt ins Leben gerufen wurde, wird unter anderem gefördert durch das Wirtschaftsministerium und EU-Mittel. Daneben beteiligen sich auch Unternehmen, die ein Interesse an dem Aufbau der Kreislaufwirtschaft haben. Zu den Partnern des „Circular Valley“ gehören unter anderem Bayer, der Wuppertaler Kunststoffspezialist Coroplast, die Versicherung Barmenia, die Bank Société Générale sowie Staubsauger- und Thermomixhersteller Vorwerk.  

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Von Altreifen zu Algorithmen, von Ecuador nach Vietnam

Dieses Netzwerk unterstreicht, wie viele Branchen das Thema streift: Start-ups können sich auf ganz unterschiedliche Kunden konzentrieren, setzen verschiedene Technologien ein und wollen auf vielen Wegen mit ihrer Idee Geld verdienen. „So ein vielfaltiges Programm habe ich noch nie erlebt“, berichtet Bioweg-Gründer Mahalwar. Das Darmstädter Team von Transfairbag will mit Plastik gefütterte Versandtaschen durch eine recyclebare Papierpolsterung ersetzen. Seginus aus Ecuador ist dabei, einen geschlossenen Verwertungskreislauf für gebrauchte Reifen aufzusetzen – vier Millionen Stück wurden bereits weiterverwertet. Mutenga Bamboo aus Zimbabwe arbeitet daran, den Anbau von Bambusplantagen voranzutreiben, die deutlich mehr Kohlenstoff binden als andere Bäume.

Diwama aus dem Libanon kombinieren Software und Kamera: In Müllverwertungsanlagen soll das Programm dann dank Künstlicher Intelligenz blitzschnell erkennen, was über das Förderband rast – so werden mehr Stoffe identifiziert, die gewinnbringend weiterverkauft werden können. Und Madaster, ein Start-up aus Berlin, erstellt eine Art digitalen Ausweis für Immobilien, mit der sich alle verwendeten Materialien abspeichern lassen. Bei einem Abriss oder einer Renovierung lässt sich viel mehr Baustoff erneut verwenden. Das Programm habe gezeigt, dass es „weltweit zahlreiche kreative Köpfe mit nachhaltigen Ideen gibt“, so Pinkwart, „und genau die brauchen wir.“ Mit ein bisschen Glück lassen die jetzt entstandenen Kontakt in Zukunft auch Arbeitsplätze oder Niederlassungen in Wuppertal oder NRW entstehen – das Programm dient auch als Standortmarketing für ein Zukunftsthema.

Ein Hauch von Silicon Valley in NRW

Die Start-ups wiederum kamen mit unterschiedlichen Erwartungen nach Wuppertal. Viele stehen vor dem Sprung auf den europäischen Markt. Die Gründer von Poliverde aus Brasilien, die aus synthetischen Kleidungsresten resistenten Kunststoff generieren, bemühten sich vor Ort um Kontakten in die Automobilindustrie. Das libanesische Team von Diwama guckte sich nach möglichen deutschen Pilotkunden aus der Recyclingindustrie um – und nach einer halben Million Dollar Risikokapital.

Für die gemeinnützige „Circular Valley Stiftung“ richtet sich nach dem erfolgreichen Abschluss der Blick nach vorne. Bis zum 18. März können sich Start-ups weltweit für die dann dritte Auflage des Accelerator-Programms bewerben, die im Juni starten soll. Kräftig Werbung machte beim „Demo Day“ Channing Robertson. Der von der US-Eliteuni Stanford eingeflogene Professor zeichnete in einem Vortrag nach, welche Faktoren das Silicon Valley zu dem Ort für Technologieinnovationen gemacht haben: Starke Hochschulen, enge Netzwerke, ein Wetteifern um die besten Ideen und Köpfe. Einige dieser Faktoren – oder zumindest deren Grundlagen – habe er auch bei seinem Besuch in Wuppertal erkannt, sagte Robertson: „Obwohl die Regionen weit auseinander liegen, sind sie sich intellektuell und emotional durchaus nahe.“