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Bonner Start-up LeanIX übernimmt US-Anbieter Cleanshelf

Hilfe bei der Software-Organisation : Bonner Start-up LeanIX übernimmt US-Anbieter Cleanshelf

2020 sorgte LeanIX für Aufsehen, als sich die US-Investmentbank Goldman Sachs am Bonner Start-up beteiligte. Nun ist klar, was das Team mit einem Teil des Geldes dieser Millionenfinanzierung plant.

In normalen Zeiten würden Übernahmen in Konferenzräumen verhandelt, wo sich zahlreiche Anwälte über Stapel mit Papier beugen, bevor sich die Parteien am Ende mit einem Handschlag einig werden. So stellt man es sich vor, so war es in vielen Fällen auch. Doch was ist in diesen Zeiten schon normal? André Christ war seit mehr als einem Jahr nicht in den USA. Die erste Übernahme in der Firmengeschichte des Start-ups LeanIX musste daher coronabedingt virtuell verhandelt werden. Die Bonner verstärken ihr Geschäft durch die Übernahme des US-Unternehmens Cleanshelf aus San Francisco.

Cleanshelf hat sich auf das Management von sogenannten Software-as-a-Service-Lösungen spezialisiert. Software-as-a-Service (SaaS) ist seit einigen Jahren einer der größten Trends der Digitalökonomie. Anstatt Software, etwa das Office-Paket von Microsoft, einzeln zu einem Festpreis zu verkaufen, bieten die Unternehmen inzwischen Abo-Modelle an, bei denen man die Software gegen eine monatliche oder jährliche Zahlung nutzen kann. Doch während Privathaushalte eher einzelne Abos zum Beispiel für Musik (Spotify), Filme (Netflix) oder Fitness (Runtastic) abschließen, gibt es speziell in Großunternehmen schnell eine dreistellige Anzahl solcher SaaS-Dienste.

Laut Cleanshelf nutzt ein durchschnittliches US-Unternehmen mit 800 Mitarbeitern im Schnitt 141 solcher SaaS-Angebote. Die Technologie des Start-ups hilft dabei, den Überblick nicht zu verlieren – etwa, indem es rechtzeitig darauf hinweist, wann Verträge gekündigt werden müssen, bevor sie sich automatisch verlängern. Gleichzeitig untersucht die Software zum Beispiel Abrechnungen, um zentral zu erfassen, welche SaaS-Lösungen eingekauft wurden. Denn vielfach werden diese Online-Abonnements dezentral über Firmen-Kreditkarten abgeschlossen. Die Software von Cleanshelf helfe auch dabei, ungenutzte Lizenzen zu entdecken, sagt LeanIX-Chef André Christ: „Wenn man zum Beispiel viele Videokonferenzen per Zoom macht, die weniger als 45 Minuten dauern, dann reicht auch eine kostenlose Standard-Lizenz. Durch solche Entdeckungen kann man also viele Kosten sparen.“

Aus Sicht von André Christ ergänzt Cleanshelf damit perfekt das eigene Angebot. Denn mit der Software von LeanIX können Unternehmen vereinfacht gesagt einen Katalog über die von ihnen eingesetzte Software erstellen. Das ist gerade für Großunternehmen interessant, die teilweise Tausende verschiedene Lösungen im Einsatz haben. Knapp 400 Unternehmen nutzen LeanIX bereits – von A wie Adidas bis Z wie ZF Friedrichshafen.

Nun könnten diese Unternehmen ihre eingesetzte Software auch noch stärker automatisiert optimieren. Denn mit der Übernahme von Cleanshelf bekommt LeanIX nicht nur Zugang zu neuen Kundengruppen, sondern kann auch den eigenen Bestandskunden ein umfangreicheres Angebot machen. Das ist wichtig, denn der Markt ist umkämpft. „Mir war es wichtig, dass wir nicht stehen bleiben, sondern unser Angebot stärker automatisieren“, sagt André Christ daher auch: „Und da kam dann natürlich automatisch die Frage auf: Manchen wir das selbst oder übernehmen wir ein Unternehmen, mit dem wir einen Vorsprung haben?“

Am Ende entschied man sich für die Übernahme des 2017 gegründeten Start-ups. Der Kaufpreis soll bei einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag liegen und soll nicht in Firmenanteilen, sondern bar bezahlt worden sein. Der britische Risikokapitalgeber Dawn Capital, der sich im vergangenen Jahr im Rahmen einer Series-A-Finanzierungsrunde an Cleanshelf beteiligt hatte, beteiligt sich nun wiederum an LeanIX. Im Handelsregister ist diese Veränderung im Gesellschafterkreis noch nicht einsehbar.

Für André Christ und Cleanshelf-Gründer Dusan Omercevic geht es nun darum, aus den zwei Firmen schnell eine gemeinsame zu machen. Omercevic wird dazu die Produktentwicklung aus Slowenien vorantreiben, wo bereits aktuell ein Großteil der Cleanshelf-Entwickler sitzt. „Es ist wichtig, die Teams jetzt zusammenzuführen“, sagt André Christ, der nach der Übernahme optimistisch in die Zukunft blickt: „Unsere Vision, ein großes Technologie-Unternehmen zu werden, wird greifbarer.“

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