Steag-Aufsichtsrats-Chef Guntram Pehlke: "Stadtwerke wollen die Steag vollständig erwerben"

Steag-Aufsichtsrats-Chef Guntram Pehlke : "Stadtwerke wollen die Steag vollständig erwerben"

Vor drei Jahren sind sieben NRW-Stadtwerke beim fünftgrößten deutschen Versorger Steag eingestiegen. Zugleich sind sie verpflichtet, dem bisherigen Eigentümer Evonik bis 2016 auch die übrigen Steag-Anteile abzunehmen. Einen Teil des Paketes wollten sie eigentlich an einen Investor weiterreichen, doch nun kommt es zu einer überraschenden Kehrtwende, wie Steag-Aufsichtsrats-Chef Guntram Pehlke, im Hauptberuf Chef der Dortmunder Stadtwerke DSW 21, im Interview mit unserer Redaktion ankündigt.

Im Jahr 2010 haben sieben NRW-Stadtwerke Evonik 51 Prozent an der Steag abgekauft. Sie haben sich verpflichtet, die weiteren Anteile bis 2016 abzunehmen. Wann ist es so weit?

Pehlke: Das stimmen wir derzeit noch innerhalb des Stadtwerke-Konsortiums ab. Ich plädiere dafür, dass wir im Jahr 2014, spätestens aber 2015, unsere Call Option nutzen und die übrigen 49 Prozent an der Steag erwerben. Das wäre auch unter finanziellen Aspekten ein guter Zeitpunkt.

Warum?

Pehlke: Die bisherigen Ausschüttungen an das Konsortium haben gezeigt, wie werthaltig die Steag ist. Deshalb möchten wir auch die übrigen 49 Prozent erwerben. Außerdem ist es derzeit günstig, Kredite für neue Investitionen zu bekommen. Und der Vertrag mit der Evonik AG stellt das Konsortium besser, je früher wir die Call Option auslösen.

Lange hieß es, Sie suchen einen Investor, an den Sie Teile der Steag weiterreichen. Haben Sie einen gefunden?

Pehlke: Wir verfolgen diese Absicht weiter. Aber wir wollen die Steag mit günstig zu finanzierendem Fremdkapital nun erst vollständig erwerben, um uns dann in Ruhe einen Partner auszusuchen, der einen Mehrwert schafft. Ein präferiertes Modell wäre, diesen im Rahmen einer Kapitalerhöhung an Bord zu nehmen.

Eigentlich wollten die Stadtwerke sich einen Teil ihres Einsatzes über den Weiterverkauf wiederholen. Machen alle Stadtwerke die überraschende Kehrtwende mit?

Pehlke: Tatsächlich ist niemand überrascht. Wir sind uns vielmehr einig, dass eine Kapitalerhöhung guter Weg ist, der Steag Mittel zufließen zu lassen, die das Unternehmen dann investieren kann.

Der wahre Grund für den Kurswechsel dürfte doch sein, dass Sie keinen Investor gefunden haben?

Pehlke: Nein. Wir sind von vielen Investoren angesprochen, die an der Steag interessiert sind – andere Energieunternehmen, Pensionsfonds, Finanzinvestoren, aus dem Inland, aus dem Ausland. Wir können uns auch durchaus vorstellen, mehrere Partner in den Eigentümerkreis aufzunehmen.

Eigentlich wollten Sie bis Sommer einen Investor nennen.

Pehlke: Das ist ein Missverständnis. Wir haben immer gesagt, dass wir uns innerhalb des Konsortiums bis Sommer / Herbst über die Verfahrensweise einigen wollen. Und das tun wir: Die Stadtwerke wollen die übrigen 49 Prozent übernehmen.

Für das erste Paket haben die Stadtwerke 650 Millionen Euro gezahlt, nun sind 600 Millionen Euro fällig. Wie wollen die Stadtwerke das finanzieren?

Pehlke: Festgelegt wurde nicht ein Kaufpreis, sondern ein Mechanismus zur Kaufpreisfindung. 600 Millionen Euro wären der maximale Preis. Auch hier gilt: wenn wir die Call Option bald auslösen, wird es günstiger. Der Kauf soll, wie bei der ersten Tranche, durch Eigen- und Fremdkapital finanziert werden. Für das zweite Paket wollen wir mit den Stadtwerken bis zu 190 Millionen eigene Mittel bereitstellen.

Zu den Eigentümern gehören die Stadtwerke Duisburg, Oberhausen, Essen. Diese Städte sind so klamm, dass sie Hilfen vom Land bekommen. Ausgerechnet sie sollen nun ein großes Rad drehen?

Pehlke: Nicht die Städte kaufen Steag-Anteile, sondern die Stadtwerke. Die sichern sich mit der Steag - und zwar ohne jegliche Steuermittel und ohne Risiko für die Kommunen - eine gute Ertragsquelle. Darum sind sich die Eigentümer ja auch so einig.

Wirklich? Es heißt, dass Essen davon nicht begeistert ist.

Pehlke: Auch die Stadtwerke Essen sind an einer erfolgreichen Steag mit ihren stabilen Ausschüttungen interessiert. Daran besteht kein Zweifel.

Oft macht die Steag negative Schlagzeilen. Das neue Kraftwerk Walsum 10 sollte schon vor vier Jahren ans Netz. Wann ist es so weit?

Pehlke: Der Start von Walsum 10 wurde durch Baumängel erheblich verzögert. Nach dem Umbau des Kessels befindet sich das Kraftwerk derzeit in der Inbetriebsetzungsphase. Wir erwarten, dass es noch im Herbst den kommerziellen Betrieb aufnehmen wird. Es wird dann eines der modernsten und leistungsfähigsten in Europa sein.

Wie hoch ist der wirtschaftliche Schaden, der der Steag bzw. den Eigentümern entstanden ist?

Pehlke: Die Steag hat wegen dieser Verzögerung im Konzernabschluss in 2011 eine Risikovorsorge in Höhe von rund 241 Millionen Euro getroffen.

Schlagzeilen macht auch, dass RWE Verträge mit der Steag auslaufen lässt. Einst hatte RWE der Steag 80 Prozent des in NRW produzierten Stroms abgenommen. Um wie viel geht es?

Pehlke: 2012 ließ RWE Verträge im Volumen von 1300 Megawatt auslaufen, bis 2015 sollen Verträge mit 1200 Megawatt enden. Aber Steag hat sich entwickelt und verfügt nun auch über Vermarktungskompetenzen: Der Strom, den RWE bislang abgenommen hat, wird inzwischen mit Gewinn anderweitig verkauft.

Das neue Kapital, das der Steag zufließt, soll in Zukunftsgeschäfte gehen. Was wird das sein?

Pehlke: Die Steag investiert in die Modernisierung ihres Kraftwerksparks, in den Ausbau der erneuerbaren Energien und des Auslandsgeschäfts. Damit sind gute Grundsteine für die Zukunft gelegt.

Die Gemeindeordnung erlaubt kommunalen Betrieben Geschäfte nur, wenn sie in angemessenem Verhältnis zur Leistungsfähigkeit der Städte stehen. Die Steag macht 60 Prozent des Umsatzes im Ausland.

Pehlke: Gern würde die Steag auch wieder mehr im Inland investieren, aber nicht bei diesen energiepolitischen Rahmenbedingungen. Die Gewinne aus dem Ausland sichern bei der Steag 4000 Arbeitsplätze im Inland – das weiß auch die Politik.

Das NRW-Innenministerium prüft seit über zwei Jahren, ob der Einstieg der Stadtwerke bei der Steag überhaupt rechtens war. Gibt es Probleme?

Pehkle: Nein. Wir sind zuversichtlich, dass wir die Genehmigung bis Jahresende erhalten werden.

Aber Wirtschaftsminister Duin oder Grünen-Fraktions-Chef Priggen haben sich öffentlich gefragt, ob es Aufgabe von Stadtwerken ist, in aller Welt tätig zu sein.

Pehlke: Die Frage lässt sich stellen. Tatsache ist aber auch: Die Steag ist im Auslandsgeschäft von jeher stark, und die Landesregierung hat unser Engagement bei der Steag von Anfang an begrüßt.

Antje Höning führte das Gespräch.

(jco)
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