1. Wirtschaft
  2. Unternehmen

So stellt sich ThyssenKrupp den Aufzug der Zukunft vor

Innovation : ThyssenKrupp präsentiert neuen Aufzug ohne Seil

Seit 160 Jahren hängen Aufzüge an Seilen. Damit ist bald Schluss, wenn es nach ThyssenKrupp geht: Das Unternehmen arbeitet an einer Kombination aus Paternoster und Transrapid. Dieser Aufzug fährt ohne Seil – auch zur Seite und nicht nur nach oben oder unten.

Seit 160 Jahren hängen Aufzüge an Seilen. Damit ist bald Schluss, wenn es nach ThyssenKrupp geht: Das Unternehmen arbeitet an einer Kombination aus Paternoster und Transrapid. Dieser Aufzug fährt ohne Seil — auch zur Seite und nicht nur nach oben oder unten.

Das Unternehmen präsentierte am Donnerstag in Rottweil (Baden-Württemberg) das erste seillose und auch seitwärts fahrende Aufzugsystem "Multi". Die 160 Jahre lange Ära der Seilaufzüge komme zum Ende, sagte der zuständige Spartenchef von Thyssenkrupp, Andreas Schierenbeck. Die vorgestellten Aufzüge werden durch Magnetschwebetechnik transportiert. Mehrere können in einem Schacht verkehren. Auch horizontale Bewegungen seien möglich, um zum Beispiel Gebäude miteinander zu verbinden.

Die Kabinen würden durch ein mehrstufiges Bremssystem geschützt, teilte ThyssenKrupp weiter mit. Außerdem verfügten sie über ein redundantes, kabelloses EDV- und Energiemanagement. Mit dem neuen Aufzugtyp erhöhten sich die Transportkapazitäten um 50 Prozent, gleichzeitig könne der Energieverbrauch deutlich gesenkt werden. Anders als beim seilgebundenen Aufzug gebe es auch keine Beschränkungen bei der Gebäudehöhe mehr.

Thyssenkrupp testet "Multi" seit einigen Wochen in einem Testturm in Rottweil. Nicht nur hoch und runter, sondern auch hin und her fahren die Kabinen. Drei sind auf zwei vertikalen Schienen unterwegs — ohne Seil. Sie werden mit Magnetschwebetechnologie bewegt. Über drehbare Weichen können sie in horizontale Bewegungsrichtung wechseln und somit zum Beispiel auch Gebäude miteinander verbinden oder Schächte wechseln.

Gebäude werden immer höher

Dadurch, dass mehrere Kabinen im selben Schacht fahren, können gleichzeitig mehr Menschen transportiert werden. Auch Zeit soll gewonnen werden: Die kleinen Kabinen fahren ohne Zwischenstopp direkt in die angewählte Etage. Noch ist all das allerdings Zukunftsmusik, die Zertifizierung, die den Transport von Personen erlaubt, erwartet der leitende Ingenieur, Markus Jetter, für Ende des Jahrzehnts.

Thyssenkrupp reagiert nach eigenen Angaben auf Herausforderungen moderner Architektur. Gebäude werden immer höher, derzeit ist das Burj Khalifa in Dubai mit 828 Metern das höchste. Doch neue Superlative sind in Planung. Der Trend werde sich fortsetzen, prognostiziert Schierenbeck. Weil immer mehr Menschen in die Städte zögen, müsse zwangsläufig in die Höhe gebaut werden. Mit der neuen Aufzugtechnik ergäben sich neue architektonische Möglichkeiten. Als ersten Kunden präsentierte der Essener Konzern das Unternehmen OVG Real Estate, das den neuen Aufzugtyp in einem neuen Hochhaus in Berlin einbauen will — dem East Side Tower in der Nähe der Mercedes-Benz-Arena und der Warschauer Straße.

In vielen Hochhäusern fielen bis zu 40 Prozent der nutzbaren Geschossfläche weg, weil Aufzugschächte so viel Platz beanspruchten, sagte Schierenbeck weiter. Je größer das Gebäude, desto mehr Aufzüge seien nötig, desto mehr Geschossfläche könne nicht genutzt werden. "Die Aufzugschächte werden zum Flaschenhals, wenn es um Hochhausbau geht." Der Multi brauche trotz mehrerer Kabinen nur einen Schacht. Und er könne beliebig hoch fahren. "Wenn Architekten über 1000 Meter hoch bauen wollen — bitte", sagte Schierenbeck.

Konkurrenz verfolgt andere Pläne

Andere Hersteller arbeiten eher an einer Effizienzsteigerung durch Geschwindigkeit. Das japanische Unternehmen Mitsubishi Electric hält nach eigenen Angaben Guinness Weltrekorde für die Geschwindigkeit von drei Aufzügen im Shanghai Tower, dem höchsten Gebäude in China. Einer dieser Aufzüge fährt 20,5 Meter pro Sekunde. Da kann Thyssenkrupps Multi mit fünf bis sechs Metern pro Sekunde kaum mithalten.

Die Firma Otis, einer der vier größten Anbieter in Deutschland, konzentriert sich in der Forschung und Entwicklung auf energieeffiziente Produkte. Der Aufzugantrieb ReGen speist beispielsweise die überschüssige Energie ins Gebäude zurück, anstatt sie durch Wärme an die Umgebung abzugeben. "Dadurch kann eine Stromeinsparung von bis zu 75 Prozent erreicht werden", teilte das Unternehmen mit. Umweltfreundlicher seien die Aufzüge auch, seit konventionelle Stahltragseile durch stahlverstärkte Gurte aus Polyurethan ersetzt wurden, die eine bis zu dreifach längere Lebensdauer haben.

Auch die Firma Kone aus Hannover konzentriert sich auf die herkömmliche Technik, hat dafür aber neuartige Seile unter anderem aus Kohlefaser eingeführt. So könnten Aufzüge in den höchsten Gebäuden der Welt fahren — zum Beispiel im weltweit ersten Gebäude, das die 1000-Meter-Marke knackt, dem Jeddah Tower in Saudi Arabien.

Bislang kommt aber noch keiner ums Seil herum. "Es ist absurd, dass wir uns nur vertikal bewegen, nicht horizontal", sagt der Städtebau- und Architekturexperte Antony Wood vom amerikanischen Illinois Institute of Technology als Redner bei der Vorstellung des Multi in Rottweil. Der seillose Aufzug, der dies nun ermögliche, habe aus seiner Sicht das Potenzial, die Weiterentwicklung großer Städte zu verändern.

Hier geht es zur Bilderstrecke: ThyssenKrupp stellt Aufzugsystem "Multi" vor

(wer/dpa)