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Baumarktkette Praktiker droht die Insolvenz: Selbst zum Billigpreis winkt Obi ab

Baumarktkette Praktiker droht die Insolvenz : Selbst zum Billigpreis winkt Obi ab

Das Unternehmen hat ein Insolvenzverfahren beantragt, die Aktien rauschen in den Keller, und selbst bei billigen Übernahme-Angeboten winkt die Konkurrenz dankend ab: Die Baumarktkette Praktiker steht vor dem Aus. Zwar buhlt der Konzern mit dem Slogan "Hier spricht der Preis" um Kunden - offenbar spricht der Preis aber niemanden an. Das hat Gründe.

Weder Hobby-Heimwerker noch potenzielle Käufer, die die marode Baumarktkette übernehmen und damit vor der Schließung bewahren könnten, wollen in Praktiker investieren. Seit Jahren schreibt das Unternehmen rote Zahlen. Gläubiger verweigern nun neue Finanzspritzen, die Praktiker AG hat am Donnerstag ein Insolvenzverfahren beantragt.

Nun winkt Konkurrent Obi ab. "Wir werden mit Sicherheit keine Kette übernehmen", sagte der Chef des Obi-Mutterkonzerns, Karl-Erivan Haub, am Donnerstag bei seiner Bilanzvorlage in Mülheim an der Ruhr. Das Exposé zu Praktiker habe man vier Mal auf dem Tisch gehabt. "Es wurde zwar immer preiswerter, aber nicht besser" betonte er. In Bezug auf die Die Rabatt-Strategie der Kette sagte er: "Der Drogenabhängige ist gestorben. Man muss immer mehr geben, damit man einen Kick hat."

Kauft Obi einzelne Märkte?

Obi könnte möglicherweise an einigen guten Standorten interessiert sein. Wieviele Praktiker-Filialen infrage kämen, sagte er jedoch nicht. Der Tengelmann-Konzernchef sprach von einer Marktbereinigung, die sich nicht nur in Deutschland abspiele. "Es es gibt kaum ein Land, wo uns nicht Baumarktketten angeboten werden. Es steht viel zum Verkauf", schilderte Haub. Der Familienkonzern prüfe diese Dinge mit Augenmaß. So habe Obi drei Baumärkte in Ungarn übernommen.

Die Praktiker AG, die bis 2005 zur Metro gehörte, werde mehrere operative Teilgesellschaften beim zuständigen Amtsgericht beantragen, die mit einer Eröffnung eines Insolvenzverfahrens einhergehen. Das geht aus einem Schreiben des Praktiker-Vorstands an die Mitarbeiter hervor, das der dpa vorlag.

Die Börse reagierte auf die Nachrichten mit einem Kurseinbruch: Die Aktien von Praktiker ragten im sehr freundlichen Markt mit einem satten Minus von 67,57 Prozent umso deutlicher heraus.

Max Bahr soll nicht betroffen sein

Die ertragsstärkere Tochter Max Bahr sowie das Auslandsgeschäft sind von der Insolvenz nicht betroffen, wie es in dem Schreiben heißt. Praktiker hat knapp 18.000 Vollzeitstellen, beschäftigt werden nach Unternehmensangaben insgesamt rund 20.000 Mitarbeiter. Der Konzern betreibt nach Firmenangaben fast 430 Bau- und Heimwerkermärkte in neun Ländern, davon über 300 in Deutschland.

Der Baumarkt-Konzern war unter anderem durch eine fehlgeschlagene Rabattstrategie in eine schwere Krise geraten und hatte erst im vergangenen Jahr seine Finanzierung für die nächsten Jahre sichern können.

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Eigentlich wollte der erst im Herbst 2012 installierte Vorstandschef Armin Burger das Geschäft in diesem Jahr auf ein solides Fundament stellen. Doch Praktiker musste im ersten Quartal einen Umsatzrückgang hinnehmen, die Verluste wuchsen an. Ursache für die schwachen Zahlen waren vor allem der lange Winter und der damit verzögerte Start in die Frühjahrssaison.

Keine Finanzierung gefunden

Durch die Geschäftsentwicklung seien die "positiven Effekte" der Neupositionierung überlagert worden, heißt es im Schreiben des Praktiker-Vorstands. "Der Konzern geriet dadurch in eine angespannte Liquiditätssituation". Es sei nicht gelungen, eine tragfähige Anschlussfinanzierung zu finden.

Unter der Holding Praktiker AG sind einzelne Firmen wie Praktiker Deutschland, eine Servicefirma aber auch die Ertragsperle Max Bahr zusammengeführt. Bei der Praktiker-Sanierung sollte eigentlich Max Bahr zur tragenden Säule des Unternehmens werden. So sollten etliche Praktiker-Filialen auf diese Marke umgestellt werden. Praktiker sollte als Discount-Schiene mit verkleinertem Angebot dienen.

Die Gewerkschaft Verdi hat die drohende Insolvenz als menschliche und existenzielle Tragödie für die Mitarbeiter bezeichnet. Sie seien bereit gewesen, für drei Jahre auf jeweils rund fünf Prozent ihres Jahresgehaltes zu verzichten, teilte Verdi mit.

Ein entsprechender Tarifvertrag war im Oktober 2012 mit der Unternehmensführung abgeschlossen worden. "Umso bitterer ist es, dass nun in der Folge der Insolvenz viele der Menschen ihren Arbeitsplatz und damit ihre berufliche Existenz verlieren könnten", sagte Stefanie Nutzenberger, ver.di-Bundesvorstandsmitglied für den Handel, in Berlin.

(nbe)