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Interview mit Innogy-Chef Fritz Vahrenholt: RWE will mehr Windkraftwerke in NRW bauen

Interview mit Innogy-Chef Fritz Vahrenholt : RWE will mehr Windkraftwerke in NRW bauen

Düsseldorf (RP). Fritz Vahrenholt, Leiter der RWE -Tochter Innogy, setzt in Nordrhein-Westfalen auf den Ausbau der Windkraft. "Wir brauchen mehr Windkraft für NRW", sagte Vahrenholt unserer Redaktion. Nachdem die neue rot-grüne Landesregierung den Bau von Windkraftwerken erleichtern wolle, so der Sozialdemokrat und frühere Umweltsenator von Hamburg, könne er sich gut vorstellen, neue Standorte "in höheren Lagen" des rheinischen Braunkohlerevier zwischen Köln, Düsseldorf und Aachen aufzubauen.

Der Innogy-Geschäftsführer drängt im Interview mit unserer Redaktion auf längere Laufzeiten für Atomkraftwerke, damit er Ökoenergie besser einsetzen kann.

Herr Vahrenholt, mit RWE Innogy leiten Sie eines der größten Ökostromunternehmen Europas, jetzt befürworten Sie längere Laufzeiten für Atomkraftwerke. Ist das nicht ein Widerspruch?

Vahrenholt Ganz im Gegenteil. Solange wir mit Ökoenergien und dazugehörigen Technologien in der Aufbauphase sind, hilft uns die Kernenergie enorm: Wenn an der Nordsee plötzlich kein Wind bläst, fallen in Minuten Tausende Megawatt an Stromangebot weg. Wenn wir dies mit Kernenergie ausgleichen, ist das optimal. Und der preisgünstige Strom aus der Kernenergie gleicht zum Teil die hohen Belastungen für Haushalte und Industrie für die Förderung der regenerativen Energien aus.

Bisher sagen Experten, dass nur Gaskraftwerke die hohen Schwankungen des Stromangebots von den Windkraftwerken ausgleichen können, wogegen Atom- und Kohlekraftwerke dafür ungeeignet seien.

Vahrenholt Die Mär, dass Kernkraftwerke immer konstant rund um die Uhr laufen müssen, ist falsch. Ich kann eine Anlage in 15 Minuten auf die Hälfte der Leistung drosseln. Wenn ich das mit mit mehreren Anlagen gleichzeitig mache, habe ich einen gigantischen Hebel, um das Stromangebot in Deutschland auch bei schwankendem Angebot von Ökostrom stabil zu halten.

Es gibt das Gerücht, RWE wolle im Braunkohlerevier zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen viele neue Windkraftwerke bauen. Stimmt das?

Vahrenholt Ich finde es erst einmal gut, wenn die neue Landesregierung unter Hannelore Kraft den Bau von Windkraftwerken erleichtert. Wir brauchen mehr Windkraft auch für NRW. Jetzt will die neue Landesregierung mit RWE über die Zukunft der Braunkohlereviere reden: Und da kann ich mir gut vorstellen, in höheren Lagen Windkrafträder aufzustellen. Da weht die Brise zwar nicht so stark wie an der See, aber wir brauchen nicht so lange Leitungen zu den Verbrauchern. Dessen ungeachtet bleibt es aber bei unseren Plänen, rund 3,5 Milliarden Euro in Windparks in der deutschen Nordsee zu stecken.

Widerspricht es nicht der Idee eines ökologischen Umbaus, wenn die Kohle- und Atomkonzerne RWE und Eon die Führung bei Ökoprojekten übernehmen?

Vahrenholt Das Ziel, schon in wenigen Jahren mehr als 30 Prozent des Stroms aus regenerativen Energien zu produzieren, lässt sich nur mit Milliarden-Investitionen erreichen. Da müssen sich Konzerne wie wir an die Spitze stellen. Gleichzeitig suchen wir aber wo möglich die Zusammenarbeit mit Partnern, um beim ökologischen Umbau voranzukommen: Wir arbeiten mit rund 30 Stadtwerken, darunter denen in München, bei Großprojekten für erneuerbare Energie eng zusammen.

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Einige Manager von Stadtwerken befürchten aber, dass RWE, Eon und Co. die längere Laufzeit der Kernkraftwerke nutzen werden, um ihre Dominanz im Markt auszubauen.

Vahrenholt Es wird der Volkswirtschaft nützen wenn diese Reaktoren länger laufen können. Da Kernkraftwerke kein CO2 ausscheiden, lassen sich damit die Klimaschutzziele der Bundesregierung leichter und preisgünstiger erreichen. Dagegen kann es kein Selbstzweck sein, größere Anbieter im Markt zu schwächen: Die deutschen Energieversorger müssen in der Lage sein, international gegen Unternehmen wie Gazprom aus Rußland oder EDF aus Frankreich konkurrieren zu können.

Machen wir es konkreter: Manche Stadtwerke glauben, dass kleinere Kraftwerke mit ökologischer Kraft-Wärme-Kopplung unrentabel werden, wenn billiger Atomstrom das Preisniveau drückt.

Vahrenholt Diese Aussagen sind nicht akzeptabel. Im Klartext werden damit ja steigende Preise gefordert, nur damit sich künftige Investitionen rechnen. Die Verbraucher müssen das zahlen. Tatsache ist aber, dass schon jetzt mehr als fünf Milliarden Euro im Jahr in die Förderung von Windkraft- und Solarenergie fließen, Tendenz steigend — was ich bei der Windkraft auch für sinnvoll halte, da wir dank ihrer Nutzung wirklich viel CO2-Ausstoß vermeiden können. Aber wegen dieser Umlagen droht schon jetzt ein Aufstand der Verbraucher. Da wäre es riskant, erneut die Preise hochzutreiben.

Die Solarenergie scheint bei Ihnen nicht gut anzukommen.

Vahrenholt Das Projekt Desertec für Solarstrom aus Nordafrika ist beeindruckend. Aber hierzulande scheint nur selten die Sonne. Bei einem Anteil von nur einem Prozent an der Stromerzeugung entfielen vergangenes Jahr 2,5 Milliarden Euro auf die Förderung des Solarstroms. Folgendes Gedankenspiel: Umgerechnet auf den ganzen Stromverbrauch müssten wir also 250 Milliarden Euro an Subventionen ausgeben, um den ganzen Bedarf mit Solarstrom zu decken. Das wären pro Kopf 3000 Euro im Jahr — und nachts hätten wir trotzdem keinen Strom.

Befürchten Sie, dass die Sondervergütungen für Ökostrom gemäß dem Einspeisungsgesetz wegfallen?

Vahrenholt Ja, ich habe Sorge, dass die sehr hohen Ausgaben für Solarstrom schon bald zu einem Stopp der Förderung neuer Projekte führen. Darum dränge ich darauf, dass wir mit der Windenergie so schnell wie möglich wettbewerbsfähig werden. Solarstom hat in Westeuropa dagegen zu Marktpreisen sowieso keine Chance.

Reinhard Kowalewsky führte das Gespräch

(RP)