Essener Energiekonzern: RWE droht mit Aus für 2000 Jobs

Essener Energiekonzern : RWE droht mit Aus für 2000 Jobs

Der Essener Energiekonzern will Arbeitsplätze in Rechnungswesen und Buchhaltung ins Ausland verlagern und weitere Stellen in Deutschland streichen. Die Gewerkschaft Verdi ist entsetzt und hat gestern Verhandlungen zum Beschäftigungssicherungsvertrag platzen lassen.

Seit gut zwei Wochen ist Peter Terium Chef der RWE AG und schon stehen harte Entscheidungen an. Denn der zweitgrößte deutsche Energiekonzern will in den nächsten Jahren weitere rund 2000 Arbeitsplätze in Europa abbauen, wie unsere Zeitung aus Gewerkschaftskreisen erfuhr. Ein Teil der Stellen soll ganz gestrichen werden, zudem sollen Stellen ins kostengünstigere Ausland verlagert werden. Von den Verlagerungen sollen vor allem die Lohn- und Finanzbuchhaltung sowie das Rechnungswesen betroffen sein. Über diese Pläne hatte der Konzern den Konzernbetriebsrat in der vergangenen Woche informiert. Dieser Abbau soll zu dem bekannten Abbau von 8000 Arbeitsplätzen hinzukommen, den RWE derzeit im Zuge von Unternehmens-Verkäufen und Umbaumaßnahmen vornimmt. Der Konzern hat derzeit gut 70 000 Arbeitsplätze.

Der Konzernsprecher sagte dazu: "Laufende Gespräche kommentieren wir nicht. Der Vorstand wird aber, wie stets bei RWE, notwendige Maßnahmen mit den Arbeitnehmervertretern erörtern." Entscheidungen des Vorstands stünden Anfang August an. "Peter Terium hat stets betont, er wolle den Umbau sozialverträglich gestalten."

Die Gewerkschaft Verdi ist gleichwohl entsetzt; ein führender Vertreter sprach gegenüber der Belegschaft gar von bis zu 5000 Stellen, die bedroht seien. Aus Verärgerung über den Konzern ließ Verdi eine für gestern angesetzte Verhandlung zum Beschäftigungssicherungs-Vertrag platzen. "RWE geht erkennbar auf Konfrontationskurs zur Belegschaft, damit wird der soziale Konsens der vergangenen Jahre aufgekündigt", sagte Verdi-Sprecher Christoph Schmitz unserer Zeitung. "Der Konzern will von uns einen Freibrief für ungehemmten Personalabbau und Outsourcing im großen Stil. Vor diesem Hintergrund macht es für uns keinen Sinn, Verhandlungen zur Beschäftigungssicherung nur für einen Teil des Konzerns zu führen."

Am 31. Dezember 2012 läuft der Beschäftigungssicherungs-Vertrag aus, der Kündigungen bei RWE verbietet. Derzeit verhandeln die Gewerkschaften Verdi und IG BCE mit dem Konzern über eine Verlängerung. Verdi fordert eine Verlängerung bis Ende 2023, um den Beschäftigten trotz der Energiewende eine sichere Perspektive geben zu können. Einen derart langen Zeitraum hält RWE für illusorisch. Zudem will Verdi, dass nicht nur der Konzern, sondern auch Töchter wie Thyssengas oder Amprion in den Genuss der Job-Garantie kommen. Nach der Absage des gestrigen Treffens will die Gewerkschaft nun mit ihrer Tarifkommission das weitere Vorgehen beraten.

Noch ist auch nicht klar, welche Standorte im Einzelnen betroffen sein werden. Klar ist, dass durch die Errichtung der Europäischen Erzeugungsgesellschaft Stellen in europäischen Kraftwerken wegfallen können. Zudem steht, wie beim Konkurrenten Eon, die Verwaltung besonders im Visier. Auch Eon verlagert Arbeitsplätze in Buchhaltung und Rechnungswesen ins Ausland und hat deutschen Mitarbeitern ernsthaft angeboten, ins rumänische Cluj zu wechseln. So etwas soll es bei RWE nicht geben. Stattdessen will man versuchen, den Beschäftigten eine andere Stelle im Konzern anzubieten, etwa bei den Ökostrom-Töchtern oder beim Rückbau der Kernkraftwerke.

Der Niederländer Peter Terium hat am 1. Juli Jürgen Großmann als RWE-Chef abgelöst. Schon bei seinen ersten Auftritten hatte der 48-Jährige die Belegschaft auf harte Schnitte vorbereitet. "Langfristig wird RWE mit weniger Mitarbeitern auskommen müssen und können", hatte er unserer Zeitung gesagt — und Kündigungen nicht ausgeschlossen. "Ich will Kündigungen vermeiden, ausschließen kann ich sie aber ehrlicherweise nicht. Je flexibler die Mitarbeiter sind, desto unwahrscheinlicher sind sie."

Die Abschaltung der Meiler wie Biblis und die Energiewende haben RWE hart getroffen. Zudem ist RWE bei der Neuverhandlung der Gaslieferverträge mit dem russischen Konzern Gazprom noch kein Durchbruch gelungen. RWE leidet unter den hohen langfristigen Preisen, der Energiehandel hat im vergangenen Jahr ein Minus von 800 Millionen Euro gemacht. Es wird erwartet, dass RWE zur Vorlage der Bilanz im August Fortschritte mit Gazprom melden kann.

(RP/rm/das)
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