ThyssenKrupp macht Rekordverlust: Ruhrbarone mit dem Rücken zur Wand

ThyssenKrupp macht Rekordverlust : Ruhrbarone mit dem Rücken zur Wand

Es sind die schwierigsten Wochen in der Geschichte des ältesten deutschen Industrie-Konzerns. ThyssenKrupp verbucht einen Rekordverlust, streicht die Dividende und stellt seine gesamte Führungsstruktur in Frage. Vorstandschef Hiesinger kündigte bei der Bilanzkonferenz nicht weniger als einen kompellten Neuanfang an.

Es sind Zahlen, die weh tun: Das Unternehmen sieht sich gezwungen, weitere 3,6 Milliarden Euro auf die erst vor kurzem fertiggestellten Stahlwerke in Brasilien und den USA abzuschreiben. Das führt zu einem Rekord-Verlust von fünf Milliarden Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr. Gleich mehrere Kartellskandale schadeten zudem dem Image des Branchen-Riesen. Als Konsequenz aus der Misere wurde den Aktionären die Dividende gestrichen. Die Kurzarbeit soll verlängert werden.

Verstehen sich gut: Gerhard Cromme, Berthold Beitz. Foto: dapd, Rolf Vennenbernd/Pool

"Ich werde hier nichts beschönigen"

"Ich werde hier nichts beschönigen, denn es ist offensichtlich, dass in der Vergangenheit sehr viel schief gelaufen ist", sagte Vorstandschef Heinrich Hiesinger am Dienstag auf der Bilanzpressekonferenz in Essen. Es habe bisher ein Führungsverständnis gegeben, in dem Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger gewesen seien als unternehmerischer Erfolg. Fehler seien lieber verschwiegen als korrigiert worden.

"Wir begrüßen die Überlegungen der Bundesregierung, das Kurzarbeitergeld auf zwölf Monate zu verlängern und gehen davon aus, dass wir gemeinsame Lösungen finden", fügte Hiesinger an. Der Konzern hatte im August für knapp 2200 der rund 17.500 Stahlarbeiter in Deutschland Kurzarbeit eingeführt.

Industrie-Kapitän in schwerem Fahrwasser

In den vergangenen Tagen war immer wieder deutlich geworden, wie umstritten die Führungsmannschaft beim Essener-Traditions ist. Auch der Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, einer schillerndsten Industrie-Lenker der vergangenen Jahrzehnte, geriet zunehmend in die Schusslinie. Zwei Jahre hatte er ThyssenKrupp zusammen mit Ekkehard Schulz geführt, ehe er 2001 in den Aufsichtsrat wechselte. Cromme hatte die Projekte in Brasilien und den USA über einen längeren Zeitraum begleitet. Auch die Korruptionsfälle fielen in Crommes Amtszeit.

Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre forderte bereits am Montag Crommes Aus. "Cromme muss zurücktreten", sagte Verbands-Geschäftsführer Markus Dufner. Wenn Cromme von den Kartell-Verstößen gewusst habe, muss er zurücktreten. "Wenn nicht, dann ist er als Chefkontrolleur unfähig", so Dufner weiter. Rückendeckung erfährt Cromme hingegen von Vertretern des Arbeitnehmerlagers.

Die Achse Cromme-Beitz

Cromme gilt auch wegen seiner Verbindungen zum 99 Jahre alten Chef der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, als Macht im Essener Konzern. Der Aufsichtsratschef gilt als möglicher Nachfolgekandidat an der Spitze der Stiftung, die mit einem Anteil von gut 25 Prozent wichtigster Großaktionär des Konzerns ist. Für Cromme wäre dieser Posten die Krönung einer fulminanten aber auch streitbaren Karriere. Cromme gibt sich daher entschlossen, die Kritiker möglichst auf Distanz zu halten.

Denn Cromme hat schon zu viel mitgemacht und überstanden, um so kurz vor dem Ziel zu scheitern. Als er vor 25 Jahren das Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen dichtmachte, avancierte über Nacht zum meist gehassten Manager Deutschlands. Die Bilder von Fackelzügen und Eierwürfen sind den Menschen im Ruhrgebiet bis heute präsent. Bei seiner Zeit bei Siemens folgten öffentliche Schlammschlachten, unter anderem um das System Schwarzer Kassen.

Die aktuelle Lage bei ThyssenKrupp ist für den Chef-Kontrolleur indes noch dramatischer. Der Stahl-Riese hat sich selbst eine Rosskur verschrieben. Der Vorstand will in den kommenden drei Jahren weitere zwei Milliarden Euro einsparen. Im laufenden Geschäftsjahr peilen die Essener nach eigenen Angaben einen bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern von rund einer Milliarde Euro an. Ob die traurigen Kapitel Brasilien und USA bis dahin wirklich abegeschlossen sind, steht in den Sternen.

(REU/RPO/RPO)
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