RP-Chefredakteur Michael Bröcker: „Der Journalismus muss durchatmen“

RP-Chefredakteur beim NRW-Handwerk: „Der Journalismus muss durchatmen“

Beim Dreikönigsessen des NRW-Handwerks in Düsseldorf sprach RP-Chefredakteur Michael Bröcker über die Rolle der Medien in der Erregungsdemokratie. Es seien wieder mehr Kompass und Handwerk gefragt.

Dem Handwerk in Nordrhein-Westfalen geht es blendend. Die konjunkturelle Stimmung liegt auf einem Rekordhoch. Der Umsatz der 190.000 Handwerksbetriebe dürfte 2018 um fünf Prozent gestiegen sein. Das Handwerk genießt hohes Ansehen. Bei Medien ist das Bild gemischt: 42 Prozent vertrauen ihnen, doch 17 Prozent sind grundsätzlich misstrauisch. In Zeiten von „Fake-News“-Debatten und der Affäre um „Spiegel“-Reporter Claas Relotius, der Reportagen erfunden hat, müssen sich Medien ihrer Verantwortung neu bewusst werden. „Im Meer der widersprüchlichen Informationen wird Einordnung und Bewertung immer wichtiger“, sagte Michael Bröcker, Chefredakteur der „Rheinischen Post“, am Donnerstag beim Dreikönigsessen des NRW-Handwerks. Vor über 300 Gästen beleuchtete er in Düsseldorf die „Rolle der Medien in der Erregungsdemokratie“.

Einer der wichtigen journalistischen Grundsätze müsse sein: „Kompass statt Missionierung“. Die Presse sei die vierte Gewalt in einer Demokratie. Zugleich solle sie sich aber vor Selbstüberhöhung hüten. „Die Presse soll aufklären, sie soll nicht Besserwisser sein“, so Bröcker. Journalisten sollten informieren, aber nicht missionieren oder gar ideologisch vorgehen. Sie sollten sich mit niemandem gemein machen, auch nicht mit vermeintlich guten Kampagnen. Zu mehr Differenzierung gehöre zudem eine nüchterne Sprache, die auf Häme und Spott verzichte.

Zweitens sollte man sich als Journalist stets auch mit der anderen Meinung auseinandersetzen. „Perspektivenwechsel statt Mainstream“ müsse die Devise sein. So könne man auch mal fragen, was US-Präsident Donald Trump denn richtig mache. Oder mal diskutieren, ob man den Meisterbrief in einem vereinten Europa überhaupt noch brauche.

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Zur Reflexion gehöre es auch, sich nicht nur mit den Ansichten des eigenen sozialen Umfelds zu befassen. „Die eigene Timeline ist nicht der Spiegel der Gesellschaft“, warnte Bröcker mit Blick auf soziale Netzwerke wie Facebook. Zugleich könnten Redaktionen personell vielfältiger werden, um die Breite des Alltags besser abzubilden. Journalisten könnten zudem stärker technische Möglichkeiten der Recherche nutzen – wie etwa „Listening Center“ zur Auswertung von Internet und sozialen Netzwerken. „Und vor allem können sie aus dem Dialog mit ihren Lesern lernen.“

Weiter müsse ein Grundsatz lauten „Hintergrund statt Hysterie“. Es sei für Redaktionen ehrenvoll, als erste und exklusiv über ein Thema zu berichten. Doch das Ganze müsse auch stimmen. Oder wie ein US-Journalist formulierte: „Be first, but first be right“ - sei der erste, aber der erste mit wahren Nachrichten. Alles andere schade auch dem Medium selbst. Denn eine falsche Geschichte bleibe länger in den Köpfen der Kunden hängen als zehn richtige. „Wir sollten Themen einfach mal sacken lassen und eine Ruhepause einlegen, bevor wir darüber schreiben“, so Bröcker. Journalisten müssten sich immer wieder auf gutes Handwerk besinnen. „Sorgfalt muss vor Schnelligkeit gehen“, mahnte der Chefredakteur. Dazu gehöre es auch, Bericht und Meinung klar zu trennen sowie Berichte auf mehrere Quellen zu stützen. „Journalisten dürfen keine Lyriker sein, sondern Handwerker des Erzählens.“ Bröckers Fazit: Um glaubwürdig zu bleiben, müsse der Journalismus wieder durchatmen.

Dem Handwerk gefiel es. Andreas Ehlert, Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf und des Handwerks NRW, meinte zwar, eine Debatte über die Abschaffung des Meisterbriefs sei natürlich noch absurder als eine Debatte über die Frage, ob Trump recht habe. Doch auch er betonte: „Wir brauchen Medien, die ihrer Verantwortung gerecht werden und in unserer schnelllebigen Zeit mal Tempo herauszunehmen. Und wir brauchen Medien, die nicht der Anmaßung von Wahrheit und Moral erliegen.“

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