Rocket Internet kauft Anteile an Lieferheld

Rocket Internet glaubt an Liefergeschäft: Essen auf Rädern aus dem Netz

Rocket Internet kauft Anteile an Delivery Hero (Lieferheld). Sind Lebensmittel das nächste große Ding im Internet?

Döner-Buden und Pizza-Bäcker galten bislang nicht als Goldgruben, die aus Menschen Millionäre machen. Doch Rocket Internet wittert genau hier ein riesiges Geschäft. Am Mittwoch verkündete Rocket Internet auch noch die Übernahme des Lieferdienstes Talabat aus Kuwait für rund 150 Millionen Euro, der auch in Saudi Arabien, Katar und anderen Ländern im Mitteleren Osten aktiv ist. Eine Woche zuvor zahlte die Startup-Schmiede bereits 496 Millionen Euro für einen 30 Prozent-Anteil an der Plattform Delivery Hero, die weltweit Essensbestellungen vermittelt.

Damit wäre das Unternehmen, das bislang noch hohe Verluste schreibt und kaum Umsatz erzielt mehr als 1,5 Milliarden Euro wert. Zuvor hatte Rocket bereits neun weitere Lieferdienste in verschiedenen Ländern von Spanien und Italien bis Pakistan, Malaysia und Singapur zusammengekauft.

Das wirft die Frage auf: Ist das Essen auf Rädern jetzt doch noch das nächste große Ding in der Online-Welt? Oder sind die Superkräfte von Lieferheld und Co. doch begrenzt?

Delivery Hero ist Oliver Samwers Wette auf die Zukunft. Permanent scannt der Rocket-Chef mit seinen Mitarbeitern den Markt, immer auf der Suche nach der nächsten Idee, die sich mit viel Tempo und Kapital groß machen lässt. So haben es die Samwers gemacht, als sie in den USA das damalige Auktionsportal Ebay entdeckten und für den deutschen Markt klonten. So haben sie es später beim Gutschein-Portal Groupon gemacht und auch beim Modehändler Zalando.

Einen Markt nach dem anderen haben die drei Samwer-Brüder mit ihren Start-ups in Angriff genommen - und die Lebensmittel-Branche ist aus ihrer Sicht die nächste Grenze, die es zu überwinden gilt.

Lange stand Rocket Internet wie viele andere Unternehmen dem Handel mit Lebensmitteln skeptisch gegenüber. Denn das Geschäft mit Lebensmitteln ist komplex: Waren müssen frisch sein, kosten in der Regel nicht viel und bedürfen im Zweifel sogar noch einer ausgeklügelten Kühlkette. Und dann ist da natürlich noch die Logistik. All das spricht gegen Lebensmittel - bis jetzt.

Denn die Digitalisierung, ist man bei Rocket überzeugt, wird auch diesen Markt erobern, der so lukrativ ist wie kaum ein anderer. Es wäre der nächste Schritt in der Evolution des Online-Handels. Sie begann mit dem Verkauf von Konsumgütern und machte aus dem Online-Buchhändler Amazon den größten Handelskonzern der westlichen Welt. Danach krempelte die Digitalisierung den Reisemarkt um und brachte Vermittler wie den Düsseldorfer Anbieter Trivago hervor.

Längst werden auch Mode und Möbel im Netz verkauft - und Rocket Internet prägte die Schritte drei und vier der Handelsrevolution mit seinen Unternehmen Zalando und Home24 maßgeblich mit. Ähnlich soll es nun mit den Lebensmitteln laufen.

  • Diese Lebensmittel sind genmanipuliert

Delivery Hero entspricht dabei dem Beuteschema der drei Samwer-Brüder. Als Vermittlungsplattform muss es keine eigene Infrastruktur aufbauen, was die Kosten niedrig hält.

Gleichzeitig lässt sich das Modell problemlos skalieren, also auf andere Länder übertragen. Schon jetzt ist Delivery Hero in 24 Ländern aktiv, in Deutschland unter dem Namen "Lieferheld".

Das Bestellvolumen lag dabei 2014 bei knapp 670 Millionen Euro, weltweit werde der Markt bis 2019 jedoch auf 90 Milliarden Dollar anwachsen, schätzt man bei Rocket Internet. Von diesem Kuchen wollen die Samwers ein großes Stück abhaben.

Gelingen kann dies durch den Netzwerkeffekt, der Firmen in der digitalen Welt hilft: Je mehr Bestellungen über eine Plattform abgewickelt werden, umso wichtiger ist es für Firmen, dort auffindbar zu sein. Weil Nutzer keine Lust haben zu suchen, konzentriert sich alles auf einzelne Seiten.

So entstehen im Netz Quasi-Monopole: Suchanfragen werden über Google gestellt, wer von Sozialen Netzwerken redet, meint Facebook, und wer Essen bestellen will, das dürfte der Traum der Samwers sein, bestellt bei Delivery Hero.

Parallel investiert Rocket Internet in den Online-Handel mit Lebensmitteln - wenn auch mit weniger großen Summen. 100 Millionen Euro steckten sie zuletzt in "Hello Fresh". Das Start-up liefert Kunden ausgewählte Zutaten und Rezepte zum Kochen.

Die etablierten Anbieter, die wie Aldi bislang lieber in der analogen Welt expandieren, statt in die digitale zu investieren, sind gewarnt. Zuletzt beteiligte sich die Düsseldorfer Metro am Lebensmittel-Start-up "Emmas Enkel". Doch so radikal wie die Samwers geht keiner vor. Das könnte sich rächen.

(RP)
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