Prinzenrolle aus Kempen: Rheinischer Prinz aus belgischer Wurzel

Prinzenrolle aus Kempen: Rheinischer Prinz aus belgischer Wurzel

Die Prinzenrolle von Griesson-De Beukelaer wird seit mehr als sechs Jahrzehnten in Kempen produziert. Erfunden wurde sie von einem belgischen Bäckermeister. Das Unternehmen ist unter den Süßgebäckherstellern die Nummer eins.

Es gibt Kindheitserinnerungen, die brennen sich regelrecht ein ins Gehirn. Wie die an den Grundschüler, der seinen Doppelkeks stets mit Begeisterung in seinen Kakao tunkte und dann den aufgeweichten Keksteil sozusagen in sich hineinsog. Zurück blieb jedes Mal auch ein Stückchen Keks, das noch nicht gegessen, aber schon voll Kakao war und irgendwann vor lauter Weichheit in die Tasse plumpste. Da blieb es dann liegen - bei Weichkeks im Becher hatte das Kakao-Kind nämlich den Kaffee auf. Das Tunken ist Vergangenheit. Geblieben ist die Begeisterung für runde Doppelkekse.

Der bekannteste unter ihnen in Deutschland ist wohl der aus der Prinzenrolle. 6,5 Zentimeter Durchmesser pro Keks, dazwischen Schokolade. Erfunden vor fast 150 Jahren von dem belgischen Bäckermeister Edouard de Beukelaer, der sein Produkt seinerzeit dem belgischen Prinzen Philippe widmete und es entsprechend "Le petit prince fourrée ("der kleine gefüllte Prinz") nannte. 1894 präsentierte der Keks-Erfinder sein Wunderwerk der Backkunst bei der Weltausstellung im belgischen Antwerpen.

Als er 1932 starb, ging seine Witwe nach England und gründete dort eine "Bisciut Company". Nach Deutschland kam der De Beukelaersche Keks erst 1955. Da eröffnete de Beukelaers Sohn Edouard. II seine Keksfabrik in Kempen. "Le petit prince" wurde eingedeutscht und beispielsweise in der Großpackung gleich 15-fach in die Verpackung gesteckt.

Fast 36.000 Facebook-Fans

Seither rollt der Prinz am Niederrhein vom Band und wird in unterschiedlichen Packungsgrößen verkauft - auch wenn die Marke seit sechs Jahren nicht mehr der Griesson de Beukelaer GmbH & Co. KG gehört, sondern dem amerikanischen Lebensmittelkonzern Mondelez International, der früher mal Kraft Foods hieß.

Aber der Strahlkraft des Produkts hat der Verkauf der Namensrechte nicht geschadet. In einer Zeit, in der Kommunikation ohne soziale Medien nicht mehr denkbar erscheint, hat der Prinz aus der Rolle viele Fans bei Facebook - fast 36.000 sind es, denen De Beukelaer gefällt. Nicht schlecht für einen Mann, der aus dem vorvergangenen Jahrhundert stammt.

Das Rezept für den von Liebhabern auch Doppeldecker genannten Doppelkeks hat sich übrigens in mehr als sechs Jahrzehnten nicht verändert. Das Werk in Kempen, seit 1999 nach der Fusion von Griesson mit General Biscuits Deutschland und Österreich in der Hand der Griesson - de Beukelaer GmbH & Co. KG, hat die größte Kapazität unter den Werken des Unternehmens.

Etwa 514 Millionen Euro Umsatz

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Dort verlassen jährlich zig Millionen Packungen der Prinzenrolle das Band. Rund 300 Meter lang ist die Strecke, auf der aus dem Teig der Doppelkeks mit Schokofüllung wird. Als traditionelle Kakao-Variante beispielsweise oder als Milchschatz oder Vollkorn-Keks. In der Größe für einen Normalo-Vielfraß ode als Mini.

Griesson-De Beukelaer, dessen Eigentümer eine Familienstiftung des Miteigentümers Heinz Gries und dessen Partner Andreas Land sind, gehört nach eigenen Angaben zu den führenden Unternehmen im europäischen Süß- und Salzgebäckmarkt. In Deutschland produziert die Gruppe in Polch (Rheinland-Pfalz, auch Sitz der Unternehmensgruppe), Kahla (Thüringen), Kempen und Wurzen (Sachsen). Dazu kommt ein Hochregallager in Koblenz mit insgesamt 40.000 Stellplätzen, das die Bremer Firma BLG Logistics für Griesson betreibt.

Mit etwa 2100 Mitarbeitern setzte Griesson-De Beukelaer im vergangenen Jahr rund 514 Millionen Euro um - nicht nur mit der Prinzenrolle, sondern auch mit anderen Unternehmensprodukten (Griesson, Wurzener, leicht & Cross, Soft Cakes und anderes). Das war allerdings ein Minus von vier Prozent.

Wie wird's gegessen?

Gleichzeitig war die Gruppe im vergangenen Jahr unter den Süßgebäckherstellern mit einem Marktanteil von 8,5 Prozent die Nummer eins am deutschen Markt - vor Bahlsen, Mondelez und Lambertz. Und die ganze Branche profitiert vom Hang zum Naschen: Fast 20 Euro gab jeder Deutsche im vergangenen Jahr im Durchschnitt für sogenannte feine Backwaren aus - und aß rund 7,3 Kilogramm davon.

Übrigens gibt es nicht nur solche, die sich in nostalgischer Verklärung an Tunk-Traditionen aus der Kindheit erinnern. Da sind auch noch jene, die die eine Kekshälfte trocken essen, nur um anschließend bei der anderen Hälfte noch den vollen Schokogenuss zu haben - manche lecken angeblich die Schokolade immer noch vom Gebäck runter. Andere knabbern die Ränder ab und dringen erst dann in den Kern vor.

Wieder andere beißen einfach ab, wie beim Butterbrot. Aber das können einfach keine echten Prinzenrollen-Liebhaber sein. Für die ist der Doppelkeks-Genuss mehr als nur das Vertilgen von Gebäck. Auch ohne Tunken in den Kakaobecher.

(RP)
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