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Rheinberg: Christiane und Hubertine Underberg sprechen über Frauenrollen

Traditionsunternehmen aus Rheinberg : Die Frauen vom Underberg

Mutter und Tochter im selben Unternehmen: Bei Christiane Underberg und ihrer Tochter Hubertine funktioniert das, weil sie dieselben Werte teilen. Gemeinsam leiten sie das Kräuterlikör-Unternehmen aus Rheinberg.

Sie ähneln einander. Beide sind Unternehmerinnen und Mütter, haben je vier Kinder zur Welt gebracht. Beide lieben die Natur, das Jagen, gesundes Essen, haben nichts gegen Kleider in Förstergrün. Beide reden unverstellt, lebhaft, ohne  Dünkel. Und wenn man sie fragt, was sie aneinander schätzen, sagt die Jüngere: den Familiensinn meiner Mutter; und die Ältere: die Ratgeberqualitäten meiner Tochter.

 Natürlich lässt so viel Gleichklang aufmerken, sagt man doch, dass es kaum etwas Spannungsreicheres gibt als das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Vor allem, wenn sie gemeinsam Verantwortung tragen. Und dann noch für ein Unternehmen  der Getränkebranche, in der Familienbetriebe besonders zu kämpfen haben. Die meisten wurden längst von Konzernen geschluckt. So ein Erbe kann erdrücken. Oder Widerstand provozieren. Bei den Underbergs dagegen sagt die Tochter auf die Frage nach ihrer Zeit der Rebellion: „Hatte ich mit drei, danach war keine Trotzphase mehr nötig.“ Und dann lachen Mutter und Tochter, weil sie das mögen: einen guten Spruch, Schlagfertigkeit, Selbstironie.

 Christiane Underberg wird in diesem Jahr 80, aber wenn sie mit zügigen Schritten durch ihr Haus führt, munter von all ihren Ehrenämtern erzählt, spürt man das nicht. Seit 1981 ist sie Geschäftsführerin des Kräuterlikör-Produzenten aus Rheinberg. Etwas mehr als 250 Millionen Euro Umsatz. 400 Mitarbeiter – die Hälfte davon in Deutschland. 1991 trat auch ihre älteste Tochter Hubertine Underberg-Ruder in die Spitze des Unternehmens ein. „Mein Mann hat immer gesagt, der Geeignetste solle das Unternehmen führen, Geschlecht spielte bei der Entscheidung keine Rolle, das Alter auch nicht“, sagt Christiane Underberg. Die Tochter, Hubertine, hatte mit dieser Entscheidung nicht gerechnet. Sie hat Biologie studiert, wurde über Wurzelkrankheiten der Kartoffel promoviert, hat einen Biochemiker geheiratet, eine Familie gegründet. Sie ist in die Schweiz gezogen, wo die Holding des Unternehmens sitzt und hätte sich  ein anderes Leben vorstellen können. Doch sie teilt mit der Mutter die Lust zu gestalten, und den Mut, Dinge in die Hand zu nehmen. „Etwas zu bewegen und zu bewirken“, sagt die Tochter. „Unsere Werte in die Gesellschaft zu tragen“, sagt die Mutter.

 Erlebt man die beiden länger, fällt auf, dass sie zwar lebhaft erzählen, mit Nachdruck, wenn es um Gesellschaftsfragen geht, einander aber nicht ins Wort fallen, nicht um Redeanteile kämpfen. Ein zentrales Wort bei beiden: Freiheit. Etwa, wenn es um Erziehung geht. „Man muss seine Kinder von sich weg erziehen“, sagt Christiane Underberg, „jeder soll seine Fähigkeiten entwickeln. Bei meinen Kindern waren das ganz unterschiedliche Dinge, und das fanden wir gut.“ Die Tochter sagt es so: „Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen“ – der Buchtitel bringe ihre erzieherischen Vorstellungen auf den Punkt. „Ich wurde nicht in dieses Unternehmen gezwungen, und ich zwinge meine Kinder nicht“, sagt Underberg-Ruder. „Entscheidend ist ohnehin das Handeln: Meine Eltern haben uns Gestaltungswille und die Liebe zu Kräutern, Pflanzen, Natur vorgelebt, auch meine Kinder sind unternehmungslustig, in der Natur aktiv und interessiert an Naturwissenschaften.“

 Ein Zeichen von Freisinn ist es für beide auch, gegen Vorgaben wie die Frauenquote zu sein. „Frauen müssen nicht gepampert werden“, sagt Christiane Underberg, „man sollte Mädchen zu Mut und Selbstvertrauen erziehen, dann ergeben sich die verantwortlichen Aufgaben ganz von allein.“ Sie selbst gehörte zu den ersten Frauen in Deutschland, die einen Jagdschein machten – 1958. Auch ihre Tochter hält nichts von der Quote. „Das Geschlecht darf doch nicht das einzige Kriterium bei Beförderungen sein“, sagt sie, „der Mensch wird als soziales Wesen doch von so viel mehr geprägt.“

 Vielfalt. Auch so ein Wort, das bei den Underberg-Frauen hoch im Kurs steht. Sie ärgern sich, dass es in Europa wieder Kräfte gibt, die Angst vor Vielfalt schüren. „Man muss nur in die Natur schauen, um zu verstehen, dass Vielfalt Reichtum bedeutet und zum Überleben wichtig ist“, sagt Underberg-Ruder. „Wir müssen uns zusammentun, um diese positive Sicht wieder stark zu machen“, sagt ihre Mutter, „Egoismus führt nur in Angst und Einsamkeit.“

 Der Firmensitz der Underbergs ist ein stattliches  Haus gleich am Marktplatz von Rheinberg mit einem gläsernen Erkerzimmer, höher als der Rathausturm. Drinnen gediegene Gründerzeitpracht: weite Flure, Holztäfelungen, rosa Marmorboden, offener Kamin. Vom Wohnzimmer fällt der Blick in den Garten, auf gepflegte Kräuter-Beete, einen Pavillon. Die Mutter hat nicht nur einen Meister in Hauswirtschaft, als ihre Kinder klein waren, hat sie auch einen Landwirtschaftsbetrieb saniert. „Der lag nah am Haus, da konnte ich mich kümmern, wenn meine Kinder versorgt waren“, erzählt Christiane Underberg. Ins Unternehmen stieg sie erst ein, als ihre Älteste schon 20 war. „Man kann die Dinge besser nacheinander tun“, sagt sie. Darum sieht sie  Kinderbetreuung für Unter-Dreijährige kritisch. „Außer es geht nicht anders – bei Alleinerziehenden etwa.“ Vor deren Leistung habe sie höchsten Respekt. Auch die Tochter sieht das so, erzählt, wie glücklich sie ist, mit einem Mann zu leben, der sich genauso sehr eine Familie wünschte wie sie selbst. Zum ersten Rendezvous brachte er das Kind eines Kollegen mit. Als Test. „Er wollte wissen, ob ich wirklich kinderfreundlich bin“, sagt Underberg-Ruder und lacht. „Ich musste ihn nicht zu Gleichberechtigung bekehren.“ Starke Frauen, die nichts vom Kampf der Geschlechter halten, wohl aber von Eigenständigkeit. „Mir sind Kirchen mit zwei Türmen lieber“, sagt die Mutter.

 Lust an Freiheit, Vielfalt, Unternehmergeist – für die Underberg-Frauen beruht das alles auf einer inneren Stärke, die sie ihrem Glauben verdanken. Beide verstehen sich als christliche Unternehmerinnen, engagieren sich in der katholischen Kirche. „Wenn man denkt, alles hinge nur von einem selbst ab, führt das in Überforderung und Angst“, sagt Underberg-Ruder, „wenn man glaubt, dass es etwas Höheres gibt, wie auch immer man das nennt, gibt das  Halt – und aus Halt wird Haltung.“ Ihre Mutter lächelt, klopft ihr anerkennend auf den Arm: „Darum geht es“, sagt sie.

Die Frauen sind sich einig. Auch darin, Uneinigkeit auszuhalten. Es ist das Geheimrezept der Underbergs.

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