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Auch Privatbereich betroffen: Rewe soll Mitarbeiter über Jahre bespitzelt haben

Auch Privatbereich betroffen : Rewe soll Mitarbeiter über Jahre bespitzelt haben

Mit dem Vertrauen in die eigenen Mitarbeiter scheint es beim Rewe-Konzern nicht allzuweit her zu sein: Einer TV-Dokumentation zufolge hat der Konzern mithilfe von Kameras und Detektiven über Jahre hinweg seine Angestellten bespitzelt.

Dem Bericht des ZDF-Magazins "Frontal 21" zufolge wurden die Mitarbeiter nicht nur am Arbeitsplatz überwacht, sondern auch im Privatleben. Das sollen unter anderem Filmaufnahmen belegen, die "Frontal 21" laut eigener Aussage vorliegen.

Demnach werden seit Jahren in zahlreichen Rewe- und Penny-Filialen über Wochen Kameraanlagen installiert, von denen die Mitarbeiter nichts wissen. Darüber hinaus observierten Detektive Mitarbeiter zu Hause, durchsuchten sogar deren Hauskeller. Die Penny-Revision verlangte, eine Kamera auf den Spind einer Mitarbeiterin zu richten. Selbst der Angestellte eines Dienstleisters wurde tagelang verfolgt und mit seiner Familie beim Einkaufen gefilmt.

"Die flächendeckende massive Überwachung der eigenen Mitarbeiter ist moralisch und rechtlich skandalös, weil hier zutiefst in die Privatsphäre der Leute eingegriffen wird und elementare Rechtsvorschriften mit Füßen getreten werden", urteilt Professor Stefan Sell, Experte für Arbeitsmarktfragen der Fachhochschule Koblenz. Auch Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, rügt die Überwachungspraxis der Rewe-Gruppe: "Wenn sich ein Unternehmen fortgesetzt nicht an Recht und Gesetz hält und die Mitarbeiter hintergeht oder hinterrücks heimlich überwacht und das nicht nur in einem gerechtfertigten Extremfall, ist das eine nicht hinnehmbare Praxis, die durch eine Aufsichtsbehörde geahndet oder vor Gericht geklärt werden muss."

Die Rewe-Gruppe räumt die Überwachung der Mitarbeiter für 2009/2010 ein. Anlass sei ein Anfangsverdacht gegen einzelne oder mehrere Mitarbeiter gewesen. Diese Maßnahmen seien mit Wissen des Betriebsrates und im Rahmen gesetzlicher Vorschriften ergriffen worden. Flächendeckende und unbegründete Videoüberwachungen habe es nicht gegeben. Nur in Einzelfällen habe eine Mitarbeiterin der Revision eigenmächtig eine Überwachung veranlasst. Nach einer betriebsinternen Prüfung habe sich die Rewe-Gruppe von dieser Mitarbeiterin getrennt.

Nach Recherchen von "Frontal 21" überwacht der Konzern bis heute seine Mitarbeiter. Dies belegen aktuelle Aufnahmen von einer Rewe-Filiale.

Rewe weist Vorwürfe zurück

Die Rewe-Gruppe hat den Vorwurf flächendeckender Bespitzelung von Mitarbeitern zurückgewiesen. Der Handelskonzern räumte aber ein, dass eine Penny-Mitarbeiterin in den Jahren 2009 und 2010 eigenmächtig und ohne Zustimmung des Betriebsrats verdeckte Überwachungen bei der Discount-Tochter Penny Süd angeordnet habe.

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Von der Mitarbeiterin habe man sich nach dem Aufdecken der Vorgänge durch die Konzernrevision getrennt und die Geschäftsbeziehungen zu der beauftragten Detektei beendet, berichtete Konzernsprecher Martin Brüning am Montag in Köln auf Anfrage.

In den Fällen, in denen derzeit verdeckt ermittelt werde, bestehe ein konkreter Anfangsverdacht für Straftaten, die Überwachung sei legal und geschehe mit Zustimmung des Betriebsrates. Dies sei aber auf wenige Fälle und die Dauer der Überwachung auf wenige Wochen beschränkt.

Die Discounterkette Lidl war schon 2008 wegen der Bespitzelung von Mitarbeitern in die Kritik geraten. So wurden in mehreren hundert Supermärkten der Kette die Mitarbeiter von Detektiven überwacht. Auch die Bahn und die Telekom gestanden die umfangreiche Überwachung von Mitarbeitern ein. Die Bundesregierung stellte in Folge der Skandale einen Gesetzentwurf zum Arbeitnehmer-Datenschutz vor. Das Vorhaben scheiterte aber an umfassender Kritik, unter anderem von Datenschützern und Gewerkschaften.

Hier geht es zur Infostrecke: Recht auf Datenschutz bei Überwachungskameras

(ots/felt/hip)