Eine Investorin klagt an Praktiker: Neuer Streit um Filialen

Mönchengladbach · An 51 Standorten hat der Räumungsverkauf begonnen. Eine Investorin greift indes den Aufsichtsrat an. Praktiker habe viel zu viel Geld für wertlose Beratungen ausgegeben.

 Alles muss raus: An der Aachener Straße in Mönchengladbach hat am vergangenen Freitag der Abverkauf begonnen.

Alles muss raus: An der Aachener Straße in Mönchengladbach hat am vergangenen Freitag der Abverkauf begonnen.

Foto: Isabella Raupold

Die Praktiker-Mitarbeiterin im Baumarkt an der Aachener Straße in Mönchengladbach hat alle Hände voll zu tun. "Wir dürfen aufgrund der Insolvenz keine Waren zurücknehmen", warnt sie Kunden, die sich letzte Schnäppchen sichern wollen. Die "20 Prozent auf alles"-Strategie hat Praktiker ruiniert, nun gibt es bis zu 30 Prozent Rabatt — alles muss raus.

Bis zum 31. Oktober soll der Markt ebenso wie 50 andere Filialen leer sein. Was danach passiert? Wolfgang Walozsick zuckt mit den Schultern. Der Marktleiter weiß es nicht. Andere haben nun das Sagen. Etwa der Mann, der im Markt Rabattschildchen klebt und laut Mitarbeitern "nur Englisch kann". Er ist einer der Abverkaufsexperten der Beratungsfirma Gordon Brothers, die von Insolvenzverwalter Christopher Seagon engagiert wurden, um die Rabattschlacht zu organisieren. Warum? Keine Ahnung, sagt Walozsick: "Das könnten wir alleine."

Er versteht nicht, warum es seinen Markt trifft, der "schwarze Zahlen schreibt" (was Praktiker offiziell bestätigt), ein Gartencenter und viel Verkaufsfläche hat — all das, was als Voraussetzung für gut funktionierende Baumärkte gilt.

Der Insolvenzverwalter hatte betont, die 51 Märkte hätten seit Längerem Verluste erwirtschaftet und so andere Filialen belastet. Sie sollten leer verkauft werden, um als Immobilie für andere Branchen interessant zu sein. Allerdings, heißt es bei Praktiker, gebe es "Sonderfälle", bei denen Verträge beispielsweise vom Vermieter vorzeitig gekündigt wurden. Nach Angaben der Baumarktkette gehört die Filiale in Mönchengladbach dazu. Dort habe der Vermieter vorzeitig gekündigt, erklärt Praktiker auf Anfrage. Nach Informationen unserer Zeitung war im Mai die Baugesellschaft Jessen Bau als Eigentümer eingestiegen.

Unklar ist, was mit den Filialen nach dem Abverkauf passiert. "Sogenannte zentren-relevante Sortimente wie Lebensmittel, Textilien und Schuhe sind oft nicht zulässig", sagt Manuel Jahn, Handelsimmobilienexperte bei GfK Geomarketing. Der Verkauf dieser Produkte auf solchen Flächen sei oft durchs Baurecht verboten. Möglich sei dagegen der Verkauf von Möbeln oder Fahrrädern. Ullrich Kollatz, Baumarkt-Experte bei der BBE Handelsberatung, sieht wie Jahn Hürden: "Viele Kommunen haben Zentrumskonzepte, die das Beleben peripherer Baumärkte erschweren."

Unterdessen tobt hinter den Kulissen eine Schlammschlacht über die Verantwortung für die Praktiker-Insolvenz. Die frühere Praktiker-Großaktionärin Isabella de Krassny hat die früheren Vorstände und den Aufsichtsrat des Unternehmens scharf angegriffen. Den Mitgliedern des Aufsichtsrates sei es zwei Jahre lang nur darum gegangen, ihren Kopf zu retten, sagte sie dem Wirtschaftsmagazin "Capital". Durch die Insolvenz habe sie rund 15 Millionen Euro verloren.

Profitiert von den Praktiker-Problemen haben nach Angaben von "Capital" hingegen Anwälte und Berater, unter ihnen die Wirtschaftskanzlei Freshfields sowie die Unternehmensberatungen Roland Berger, Boston Consulting Group und McKinsey. Mehr als 80 Millionen Euro habe Praktiker an Berater und Anwälte als Honorar gezahlt, schreibt das Magazin.

(RP)
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