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Siemens-Chef muss gehen: Peter Löscher scheitert an einem fremdelnden Konzern

Siemens-Chef muss gehen : Peter Löscher scheitert an einem fremdelnden Konzern

Peter Löscher ist ein ausgezeichneter Skifahrer. Der scheidende Siemens-Chef meistert auf der Piste jeden noch so vereisten Steilhang. Doch als Manager des größten deutschen Technologiekonzerns hat es ihn aus der Kurve getragen. Für viele Mitarbeiter ist klar: Er stand vom Start weg nicht richtig in der Bindung.

Als ihn Aufsichtsratschef Gerhard Cromme im Juli 2007 am Wittelsbacher Platz in München als Nachfolger von Klaus Kleinfeld präsentierte, fragten sich viele: Peter wer? In Deutschland war der hochgewachsene Kärntner allenfalls für Kenner der Pharmabranche ein Begriff. Vor seinem Blitzstart bei Siemens arbeitete er in den USA für den Arzneimittelriesen Merck. Seine Aufgabe in München war seinerzeit glasklar. In Crommes Auftrag sollte er den gewaltigen Schmiergeldsumpf in dem weitverzweigten Konzern trockenlegen. Auch deshalb war er der erste Konzernchef der Firmengeschichte, der von außen kam.

Für seine Korruptionsbekämpfung wurde Löscher gefeiert. Siemens gab massive Regelverstöße zu - und kam mit einem blauen Auge davon: Das Unternehmen wurde nicht wie befürchtet vom US-Markt ausgeschlossen und diente später vielen anderen Firmen als Vorbild in Sachen Compliance.

Stellenabbau im großen Stil

Doch dann kamen die Mühen der Ebene. Löscher verlor mit verschiedenen Sparrunden und einem großangelegten Stellenabbau rasch bei den Mitarbeitern an Sympathie. Der konzerntypische Spott kam auf: Als "Aus-Löscher" bezeichnete ihn die Belegschaft. Siemens sei unter seiner Ägide zur Abkürzung für "Suche innerhalb eines Monats eine neue Stelle" geworden. Vor allem in Erlangen, wo das eigentliche Herz des Technologieriesen schlägt, blieb der Neuling vielen fremd.

Löscher suchte nach all den Querelen und der "aktiven Portfoliopolitik" seines Vorgängers nach einer Vorwärtsstrategie. Sie bestand vor allem in Spar- und Renditeprogrammen. Ex cathedra gab er dem neu geordneten Konzern Renditeziele vor, die mal erfüllt wurden und mal nicht. Viele seiner Versprechen konnte er nicht einhalten. Das Ziel eines Jahresumsatzes von 100 Milliarden Euro ist nicht in Sicht, die Hoffnung auf eine Rendite von zwölf Prozent gab er in der vergangenen Woche auf. Insgesamt sechs Mal verschätzt er sich in seinen Jahresprognosen. "Wenn ein Unternehmen nicht operativ geführt wird, häufen sich die Fehler", ätzte ein Amtskollege eines Dax-Konzerns.

Ein Hauptgrund für die Schnitzer waren die zahlreichen technischen Pannen während seiner Amtszeit. Neue ICE-Züge für die Deutsche Bahn kamen nicht auf die Schiene. Der Anschluss von Windparks in der Nordsee missriet, Siemens musste gar den Rivalen ABB um Hilfe bitten. In den USA brachen Windräder auseinander. "Wollen Sie was Gescheites oder was von Siemens?", so der Spott innerhalb des Unternehmens.

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Das Büßerhemd legte Löscher deshalb nicht an: In Bedrängnis wählte er stets die Vorwärtsverteidigung. Mit seinem gefürchteten Wolfsblick bot der 55-Jährige Kritikern und aufmüpfigen Aktionären die Stirn. Bis zuletzt: "Mir bläst jetzt der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen", sagte er noch am Freitag vor seinem Abgang. "Ich habe einen Vertrag bis 2017, und gerade jetzt ist der Kapitän bei Siemens mehr gefragt denn je."

Sticheleien von Kaeser

Letztlich scheiterte er aber auch an seinem Steuermann. Finanzchef Joe Kaeser ließ immer wieder durchblicken, dass er sich für den besseren Siemens-Chef hielt. Mit feinen Spitzen stichelte der langgediente Manager gegen den Neuling. "Schauen Sie, als Finanzvorstand muss man sich halt mit den Realitäten befassen", sagte er schon mal in kleiner Runde. Sein Verhältnis zu Löscher brachte er mit "Licht und Schatten" auf den Punkt.

Die Show lag dem Niederbayern besser als seinem Chef. Als beide Manager in Berlin die - nun gekippten - Renditeziele vorstellten, rasierte sich der 56-Jährige in der Nacht zuvor seinen markanten Schnurrbart ab, die Aufmerksamkeit war ihm damit sicher. Löscher spürte wohl in den letzten Monaten, dass sein Stern zu sinken begann. Er stellte seinen langjährigen Kommunikationschef kalt und heuerte den stellvertretenden Chefredakteur des "Handelsblatts" an, um sein Bild in der Öffentlichkeit aufpolieren zu lassen. Doch der Schritt kam zu spät.

Hier geht es zur Infostrecke: Das ist Peter Löscher

(REU)