100 Jahre DIN: Ordnung muss sein

100 Jahre DIN: Ordnung muss sein

Seit genau einem Jahrhundert begleitet die Deutsche Industrie-Norm, kurz: DIN, den Menschen. Eine kurze Geschichte der Normen.

Der Erfolg ist 21 mal 29,7 Zentimeter groß. Keinen Millimeter kleiner oder größer. Nur so passt ein Papier diesen Formats in jeden Drucker oder Hefter auf der Welt. Der Clou: Das Verhältnis zwischen Breite und Höhe bleibt erhalten, wenn das Papier mittig über die lange Seite gefaltet wird. Die Rede ist von DIN EN ISO 216, besser bekannt als DIN A4. Heute vor 100 Jahren, am 1. März 1918, erschien die DIN als erste Norm. Bis heute ist das Normenwerk auf 34.102 Normen angewachsen. Nahezu unbemerkt prägen sie unseren Alltag.

Seit den 70er-Jahren sind Schuhgrößen definiert, so dass ein Schuh auch bei verschiedenen Herstellern passt. DIN EN 1860-1 sieht vor, dass das Gestell eines Klappgrills arretierbar ist. Außerdem sollen die Stäbe maximal 20 Millimeter voneinander entfernt sein, damit kein Würstchen durchfällt. Normen bestimmen das tägliche Leben. Regeln, Ordnung, Bürokratie. Deutsch-pedantisch oder eine große Erleichterung? "Normen haben eine stabilisierende und orientierende Bedeutung", sagt Claus-Christian Carbon, Professor für Psychologie an der Universität Bamberg. "Ohne Normen muss sich ein Mensch immer wieder überlegen, wie was wann wo funktionieren könnte. Normen schaffen Rahmenbedingungen, die Komplexität reduzieren. Sie erleichtern Prozesse, aber schränken gleichzeitig Menschen ein."

Seit 1917 sorgt das Deutsche Institut für Normung, kurz: DIN, dafür, dass alles nach Plan läuft. Die Organisation wurde als "Normenausschuss der deutschen Industrie" während des Ersten Weltkriegs gegründet. Produktionsengpässe machten es damals notwendig, die Materialbeschaffung für die Streitkräfte zu vereinheitlichen. Während der Industrialisierung waren gemeinsame Normen wichtig, um effizient zu produzieren. Heutzutage normiert das Institut nicht mehr nur die Industrie, sondern viele Lebensbereiche. Aufgrund von DIN EN ISO 3758 etwa sehen die kleinen Waschbecken-, Bügeleisen- und Trockner-Symbole, die auf Etiketten mit Pflegehinweisen in Textilien eingenäht werden, immer gleich aus - egal, ob die Kleidung in China oder den USA hergestellt wurde.

Die Globalisierung machte das Normenwerk internationaler. Immer seltener wird eine Norm erst national erarbeitet und dann international übernommen. Nur noch jede fünfte Norm ist deutsch, etwa 80 Prozent aller Projekte des DIN sind von Beginn an international.

Die Internationale Organisation für Normung erarbeitet seit 1947 internationale Normen. Mehr als 160 Länder sind dort vertreten. Das DIN betreibt eigene Büros in Brüssel und China. Kein Wunder: Insbesondere für den internationalen Handel spielen Normen eine wichtige Rolle: Wegen ISO 668 passen Container aus China auf deutsche Frachter und können in den Niederlanden auf einen Lkw verladen werden. Maße und Gewicht sind so gewählt, dass sich bis zu neun Reihen übereinander stapeln lassen. 250 Millionen Container sind jährlich weltweit unterwegs. "Container sind wie Legosteine des Welthandels", sagt Karl-Friedrich Ziegahn, Ingenieur am Karlsruher Institut für Technologie. "Standards steigern das Käufervertrauen und die Produktsicherheit."

Normen sollen auf dem Stand von Wissenschaft und Technik sein. Deshalb arbeiten 450 Mitarbeiter und 30.000 Experten aus Wirtschaft und Forschung in 70 Ausschüssen mit. Damit ist das DIN die größte Normungsorganisation der Welt. Nur wenn alle Beteiligten zustimmen, wird eine Norm veröffentlicht. Spätestens alle fünf Jahre wird jede Norm überprüft. Ist sie veraltet, wird sie zurückgezogen oder überarbeitet. Jährlich werden 500 Normen gestrichen, mehr als 2000 erscheinen. Meist entstehen sie auf Anregung der Wirtschaft, doch auch Bürger können Anträge stellen.

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Normen sind - im Gegensatz zu Gesetzen - weder verpflichtend noch durch Steuergelder finanziert. Trotzdem hat der Staat ein Interesse an ihnen: Normen entlasten die Politik bei der Gesetzgebung, weil sie auf bestehende Standards verweisen kann. Seit 1975 regelt ein Vertrag, dass das DIN die einzige vom Staat unterstützte Normungsorganisation ist. Im Gegenzug bearbeitet das DIN Anträge der Bundesregierung auf die Erstellung einer Norm im öffentlichen Interesse bevorzugt.

Die Schattenseiten solcher Verträge mit der Politik zeigten sich zur Zeit des Nationalsozialismus. In der Firmenhistorie heißt es dazu, dass das DIN von 1939 bis 1945 "im Zuge der Gleichschaltung unter Druck geriet". Für die Nazis wurden damals Normen geändert - darunter DIN 5009, mit der jüdische Namen aus der Buchstabiertafel gestrichen wurden. Aus David wurde Dora, aus Jacob Julius und aus Samuel Siegfried. Die Normierer stellten sich in die brutalen Dienste der Diktatur.

Normen spiegeln politische und gesellschaftliche Umstände wider. Und neben festgeschriebenen Normen gibt es auch viele implizite. "Stellen wir uns in einer Warteschlange hinten an, hat das keinen direkten Vorteil für uns Einzelne, schafft aber eine Möglichkeit, größere Gruppen zu organisieren. Das ist wichtig für ein soziales Miteinander. Man kann vermutlich sogar behaupten, ohne Normen könnte sich Kultur kaum entwickeln", sagt Psychologe Carbon.

Das DIN verfolgt bei seiner Normungsarbeit laut DIN 820 unter anderem die Grundsätze Einheitlichkeit und Nutzen für die Allgemeinheit, doch es hat auch wirtschaftliche Interessen. Das DIN gilt als "eingetragener Verein mit gemeinnützigem Status" und ist privatwirtschaftlich organisiert. Der volkswirtschaftliche Nutzen beträgt laut einer vom DIN herausgegebenen Studie rund 17 Milliarden Euro pro Jahr. Zwar kosten Normen die Firmen Millionen, da die Kosten auf diejenigen verteilt werden, die von der Norm profitieren, doch diese Ausgaben ermöglichen neue Einnahmen. 84 Prozent der deutschen Unternehmen erhalten einen globalen Marktzugang, indem sie europäische und internationale Normen anwenden. "Die Nachfrage steigt, wenn Produkte mit bestehenden Systemen kompatibel sind", sagt Karl-Friedrich Ziegahn, seit 2012 Mitglied im Waldemar-Hellmich-Kreis, dem Ehrensenat des DIN. "Wer Normen hat, hat Märkte."

Das zeigt sich auch in den Bereichen, in denen Normen fehlen: Vielreisende sehnen sich eine Standard-Steckdose herbei, auf dem Handy-Markt herrschte jahrelang Chaos. Jeder Hersteller verwendete ein unterschiedliches Ladekabel, bis 2011 der Micro-USB-Standard europaweit in Kraft trat. Seitdem haben alle Marken die gleiche Schnittstelle - mit einer Ausnahme. "Manche Standards werden von Unternehmen als strategisches Instrument eingesetzt", sagt Ziegahn. Das iPhone von Apple hebt sich selbst mit seinem Ladekabel ab.

Auch in Zukunft werden Normen eine wichtige Rolle spielen. "Standardisierung ist essenzieller als je zuvor", sagt DIN-Chef Christoph Winterhalter. Die Digitalisierung lasse sich nur mit gemeinsamen Standards bewältigen. "Ob eine Idee erfolgreich ist, hängt häufig davon ab, wie schnell sie im Markt verbreitet wird", sagt er. Seit 2014 sollen Normen innerhalb von 18 Monaten erarbeitet werden. Für das digitale Zeitalter eine Ewigkeit, doch Normen sollen eben auch länger wirken als ein Tweet.

(mba)
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