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Nordrhein-Westfalens Wirtschaft hofft auf "Industrie 4.0"

Serie "Zukunft NRW" : NRW-Wirtschaft hofft auf "Industrie 4.0"

Den Unternehmen steht ein neuer Produktivitätssprung bevor. Bayer, Evonik oder auch Henkel und die Autozulieferer beschleunigen ihre Prozesse. Aber Telekom und Vodafone warnen vor Google als drohender Gefahr.

Wo liegt die digitale Zukunft von NRW? Der Henkel-Vorstand reiste im November geschlossen ins Silicon Valley, die Heimat von Apple, Google oder Facebook in der Nähe von San Francisco. Konzernchef Kasper Rorsted sieht sich bestätigt: "Wir wollen die ganzen Prozesse im Konzern digitalisieren, das hilft produktiver zu werden."

In Düsseldorf hat sich gleichzeitig das Unternehmen Cumulocity als Ausgründung von Nokia etabliert, das mit 30 Mitarbeitern eine Plattform für die Vernetzung von Maschinen entwickelt hat. Partner sind die Telekom und mehr als ein Dutzend anderer Technologiefirmen. Das Erfolgsrezept: Die Kunden können für eine Gebühr digitale Signale von weit verstreuten Geräten oder Sensoren über Cumulocity sammeln, speichern und verarbeiten — günstige Mobilfunkmodems helfen beim Zusammenschalten.

Unter dem Schlagwort "Industrie 4.0" beginnt weltweit und speziell in NRW eine neue Industrierevolution. Zuerst sorgten Dampfmaschinen für die erste industrielle Revolution. Ab 1870 setzte sich zunehmend Fließbandarbeit durch — unterstützt von elektrischer Energie. Seit Ende der 1960er Jahre setzen sich Elektronik und Computer als Mittel zur Automatisierung in Unternehmen durch.

Kraft: Riesige Chance für NRW

Unter "Industrie 4.0" wird nun die komplette Vernetzung von Maschinen, Kunden und produzierten Gegenständen in Echtzeit verstanden. "Die Zusammenführung klassischer Industrien mit digitaler Datenverarbeitung ist eine riesige Chance gerade für NRW", sagte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft noch Ende Januar.

Ähnlich äußert sich die Forschungsfirma Prognos in ihrer neuen Studie zu den Chancen von NRW bis 2030. Um 16 Milliarden Euro würde die Wertschöpfung der Unternehmen steigen, wenn sie ihre Arbeit stark weiter digitalisieren. So könnten die Autozulieferer ihre Produktivität um 20 Prozent erhöhen, die Maschinenbauer sogar um ein Drittel, wenn die Produktion stärker digital gesteuert wird.

Dabei setzen gerade die die Autokonzerne und die Chemie auf Industrie 4.0. Lagerhaltung und Zulieferer sind digital verbunden, das Fließband bestellt neue Teile automatisch, künftig ausgelieferte Autos melden mit Sensoren gesammelte Daten an den Hersteller — und das wiederum erleichtert die Entwicklung neuer Modelle.

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Bayer aus Leverkusen und der Essener Chemiekonzern Evonik lassen in einem gemeinsamen Projekt bei Hunderten Ventilen in Produktionsanlagen messen, wann sie Schwächen zeigen. "Die Rechner werten die gesammelten Daten dann aus", sagt Bayer-Manager Thorsten Pötter, "und so können wir den Betrieb der Anlagen besser steuern. Gleichzeitig erfahren die Hersteller der Ventile, wo Verbesserungen sinnvoll wären."

Bislang keine einheitlichen Plattformen

Doch so sehr die Konzerne von der Digitalwelle profitieren, gibt es zwei große Probleme: Knapp 70 Prozent der Unternehmen liegen bei der Digitalisierung zurück, schätzt die DZ-Bank — nämlich Zehntausende kleinerer und mittlerer Firmen.

Und weil es bisher keine einheitlichen Plattformen für den Informationsaustausch zwischen und in den Unternehmen gibt, droht dass US-Konzerne wie Google oder Ebay solche Plattformen ebenso durchsetzen, wie sie sich als dominierende Suchmaschine oder Versteigerungsplattform etablierten.

Niemanden beunruhigt dies mehr als die Telekom und Vodafone. Mittelständlern ohne genügend eigenes digitales Wissen drohe der Abstieg zu Lieferanten von US-Konzernen, warnt Jens Schulte-Bockum, Chef von Vodafone Deutschland. "Wir Europäer müssen uns schnell auf Standards einigen", ergänzt Telekom-Vorstand Reinhard Clemens. Dabei sei Tempo wichtiger als Gründlichkeit: "Die Amerikaner können Pragmatismus und sind schnell. Davon müssen wir lernen."

(kowa)