Nokia-Werk in Bochum: „Plötzlich waren wir zu teuer“

Ende des Bochumer Werks vor zehn Jahren: „Auf einmal waren wir Nokia zu teuer“

Für viele Menschen war das Aus von Nokia in Bochum ein Wendepunkt. Sie verloren ihren sicher geglaubten Arbeitsplatz und mussten neu anfangen. Zehn Jahre ist das nun her. Ehemalige Mitarbeiter erzählen, was aus ihnen geworden ist.

Es fällt ihm schwer, über die letzten Tage im Bochumer Nokia-Werk zu sprechen. „In der Halle stand nur noch wenig“, berichtet Dörg Pfefferkorn. Die Maschinen waren schon zerlegt, eingepackt und weggebracht. „Ich wollte das nicht miterleben“ Musste er aber. Bis zum Ende von Nokia in Bochum. Am 16. Mai 2008, also an diesem Mittwoch vor zehn Jahren, schloss der finnische Konzern das Werk in Nordrhein-Westfalen, in dem damals 2300 Menschen arbeiteten. „Das tat weh.“

18 Jahre hatte Dörg Pfefferkorn für Nokia gearbeitet und sich hochgearbeitet, bis zum Koordinator für Wartungsarbeiten. Das Werk war seine zweite Familie geworden. Noch heute spricht der Mann aus Herne von „meinen Jungs“, wenn er über die Kollegen von damals spricht. Er wollte mit ihnen alt werden, bis zur Rente mit ihnen zusammenarbeiten. Aber dann entschied das Nokia-Management in Finnland, dass der Standort in Bochum geschlossen wird. Pfefferkorn, damals 43, musste sich einen neuen Job suchen und bald seine Eigentumswohnung verkaufen, weil er sie nicht mehr abbezahlen konnte.

„Wir werden rausgeschmissen“

Er weiß noch, wie er fünf Monate vorher erfahren hatte, dass sich sein Leben ändern sollte. Es war am ersten Tag nach seinem Weihnachtsurlaub. Auch Christian Broos kann sich genau an diesen Tag erinnern. Er arbeitete damals als Produktentwickler für Nokia, er hatte dort schon seine Ausbildung gemacht. Am 15. Januar 2018 hätten er und seine Kollegen gerade eine Besprechung beendet, erzählt Broos, „als einer meiner Kollegen plötzlich sagte, 'Wir brauchen das alles nicht mehr, wir werden rausgeschmissen'."

Eigentlich hätte das in Bochum noch niemand wissen sollen, erzählt Broos weiter. Die Manager hätten die Belegschaft in Deutschland erst später am Tag darüber informieren wollen, dass sie das Wrerk aus Wettbewerbsgründen nach Rumänien verlegen. Aber sie hätten am Morgen schon in Finnland eine Pressemitteilung dazu veröffentlicht - und damit war die Nachricht in der Welt. Durch die Panne hätten sie vom Nokia-Aus in Bochum schon gewusst, bevor ein Manager ihnen die Entscheidung persönlich mitgeteilt habe. "Zwei Stunden später kam ein finnischer Kollege mit Security angeflogen, den davor noch nie einer gesehen hatte und danach auch nie wieder", erinnert sich Broos. "Er sprach etwa eine halbe Stunde zu den Kollegen, dann stieg er mit seiner Security wieder in den Flieger."

„Wir dachten, unsere Jobs sind sicher“

Für viele Nokia-Mitarbeiter sollte dieser Tag ein Wendepunkt in ihrem Leben werden. Jahrelang habe er „alles gegeben für die Firma“, habe auch zehn Stunden und mehr an einem Tag gearbeitet, sagt Pfefferkorn. „Ich habe das gern gemacht, ich wusste ja, wofür ich es mache - für die Firma, für meinen Arbeitsplatz.“ Plötzlich sollte es umsonst gewesen sein. „Auf einmal waren wir Nokia zu teuer.“ Er fühlte sich wie eine Maschine, die nicht mehr gebraucht wurde. „Das war ein Schock. Wir dachten, unsere Jobs sind sicher.“ Falsch gedacht.

  • Vor zehn Jahren schloss das Nokia-Werk in Bochum : „Damals sind wir kalt erwischt worden“

Er und seine Kollegen mussten trotzdem weiter zur Arbeit kommen. "Von uns wurde erwartet, dass wir die Projekte zu Ende machen. Aber die meisten haben der Geschäftsführung innerlich den Stinkefinger gezeigt", erzählt Broos. Bald stellte Nokia die Mitarbeiter frei. Am 16. Mai 2008 schloss das Werk in Bochum seine Tore. "Der Frust war groß, schließlich war das meine Lehrfirma und wir hatten immer ein super Arbeitsklima." Zu einigen Kollegen halten Broos und Pfefferkorn noch heute Kontakt.

„Diese Ungewissheit, das haben viele nicht ertragen“

Ihre weiteren Lebenswege verliefen unterschiedlich. Pfefferkorn landete zusammen mit anderen Kollegen in einer Auffanggesellschaft, machte Umschulungen, fand keinen neuen Job und wurde arbeitslos. Einige Ex-Nokianer traf er regelmäßig in der Arbeitsagentur. Bald jobbte er für einen Tiefkühllieferservice, aber ohne Erfolg. Dann arbeitete er wieder in seinem alten Beruf als Heizungsinstallateur: Eine Leiharbeitsfirma schickte ihn zu Auftraggebern, er fuhr auf Montage, war in der Woche auf Baustellen und nur am Wochenede zuhause - bis nach etwa zwei Jahren sein Körper streikte. „Mein Arzt sagte, dass mein Herz das nicht mehr lange mitmacht.“ Pfefferkorn hatte schon 2005 einen Herzinfarkt erlitten. Heute hat er einen Herzschrittmacher und bezieht Erwerbsminderungsrente. Viel Geld ist es nicht.

Vielen Ex-Kollegen sei es ähnlich ergangen, sagt Pfefferkorn. Sie hätten sich mit befristeten Jobs durchgeschlagen oder seien arbeitslos geworden - in der Region sei die Situation auf dem Arbeitsmarkt angespannt und viele schon über 50 gewesen. Sie hätten darunter gelitten. „Diese Ungewissheit, ob man etwas Neues findet, das haben manche nicht ertragen.“ Andere Ex-Nokianer seien dagegen weggezogen, um etwas zu finden, viele hätten aber auch in der Umgebung eine neue Arbeitsstelle bekommen. So wie Broos.

Er wechselte zu Blackberry, zusammen mit einigen Ex-Kollegen. Doch auch Blackberry schloss keine fünf Jahre später den Betrieb in Deutschland. "Da bin ich erstmal ein Jahr ausgestiegen", erzählt Broos. Er machte eine Pause - zum Durchatmen nach dem zweiten Jobverlust. Heute arbeitet er beim Heizungshersteller Vaillant in Remscheid. Broos ist sicher: "Vaillant ist so wie Nokia früher, da macht man mit 16 seine Lehre und arbeitet anschließend bis zur Rente."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Vor zehn Jahren schloss das Nokia-Werk in Bochum

(heif/wer)